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NEWSLETTER 25/2025:

Gefühlte Inflation höher als die tatsächlich gemessene, aber um        10 Prozentpunkte?

Viele Studien zeigen, dass die von den Konsumenten subjektiv wahrgenommene Inflation deutlich von der tatsächlich gemessenen abweicht. Insbesondere werden Teuerungsraten in Zeiten höherer Preissteigerungen deutlich überschätzt. So wird in Umfragen zurzeit immer noch eine Geldentwertung von weit über 10% angenommen, obwohl die offizielle Inflationsrate nur um die 2% beträgt. Sinkende Preise, z.B. auch über Qualitätsverbesserungen der Güter, werden ebenfalls kaum wahrgenommen. Ich beschäftige mich im heutigen Newsletter vor allem mit dem Phänomen der zeitlichen Wahrnehmung. Während die übliche Inflationsrate die Teuerung über ein Jahr misst, erleben und bewerten die Verbraucher die Geldentwertung über einen längeren Zeitraum. Hohe Preisschübe werden daher auch längerfristig als das wahrgenommen was wie tatsächlich sind: dauerhafte Erhöhungen des Preisniveaus.

Die Inflationsmessung ist keine so einfache Aufgabe, da jeder Konsument unterschiedliche Güter nachfragt. Über die Preisbeobachtung für einen repräsentativen Warenkorb wird versucht, die Verbraucherkosten im Schnitt abzu-bilden. Für den aktuellen Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts wird ein Warenkorb mit 600 Güterarten verwendet, der zuletzt im Jahr 2020 festgelegt wurde. Nahrungsmittel haben darin ein Gewicht von 11,9%. Für Wohnung und die diesbezüglichen Verbrauchsgüter wie Wasser, Strom und Heizung werden 25,9% benötigt, für Verkehr/Transport 13,8% und für Freizeit (inkl. Urlaub), Unterhaltung und Kultur 10,4%. Aber auch langlebigere Güter wie Bekleidung/Schuhe beanspruchen 4,2% des Budgets des Durchschnittshaushalts, das neue Auto im langjährigen Schnitt 4,2%, das TV-Gerät 3,6%, Sportartikel 3,5%, Schmuck 4,0% sowie Möbel und Haushaltsgeräte 6,8%.

Gerade bei diesen langlebigen Gütern ist es nicht so einfach, die Teuerung zu messen, da sich deren Qualität über die Zeit stark verändern kann. Wenn man zum gleichen Preis einen deutlich besseren Fernseher kaufen kann als zum Vergleichszeitpunkt in der Vergangenheit, so wäre es falsch eine Inflation von Null zu konstatieren. Auch bei der in letzter Zeit in Mode gekommenen Shrinkflation, bei der die Hersteller die Füllmenge von Produkten re-duzieren, während die Preise gleichbleiben, kann man ja nicht von Preisstabilität sprechen. Diese Qualitäts- bzw. Mengenveränderungen müssen also berücksichtigt werden. 

Im obigen Beispiel des TVs kommt rechnerisch damit eine Preisreduktion heraus, bei der Shrinkflation eine Preiserhöhung.

Daneben wirken sich Preisveränderungen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich aus, wenn sie vom Schnitt abweichende Konsumverhalten aufweisen. So müssen Personen mit geringen Einkommen i.d.R. deutlich mehr von ihrem Budget für z.B. Lebensmittel ausgeben. Da sich diese seit 2020 um 37,5% verteuert haben, der ge-samte Warenkorb für die Verbraucherpreismessung aber nur um 23,3%, so werden diese Personen eine höhere Inflation verspüren als vermögende Schichten.

Ist schon die (repräsentative) Messung von Inflation nicht einfach, so kommt bei deren Wahrnehmung eine subjektive Komponente dazu. Über viele Studien und Befragungen ist bekannt, dass die sogenannte ‚gefühlte‘ Inflation eher höher ist als die gemessene. Zum einen sind häufig ge-kaufte Güter (wie z.B. die oben genannten Lebensmittel) für die Einschätzung der Teuerung deutlich relevanter als selten benötigte. Bei jenen langlebigen Gütern kommt dann das Problem zum Tragen, dass Preissenkungen über Qualitätsverbesserungen weniger wahrgenommen werden. Zum anderen prägen sich gerade Preiserhöhungen bei weitem stärker ein (asymmetrische Verlustaversion). Dieses psychologische Phänomen wirkt generell: negative Aspekte werden immer stärker wahrgenommen als positive.

So haben sich die massiven Inflationsschübe der letzten Jahre besonders stark im Bewusstsein der Verbraucher verankert. In einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom Februar diesen Jahres schätzten die Befragten die Inflationsrate für 2024 im Schnitt auf 15,3 Prozent (im Median bei 10,0%). Tatsächlich lag sie bei 2,2 Prozent. Besonders bei Lebensmittelpreisen wird die Teuerung deutlich überschätzt: Zwei Drittel der Verbraucher gaben demnach an, dass diese in den vergangenen zwölf Monaten "stark gestiegen" seien. Die Inflationsrate bei Lebensmitteln lag im Jahr 2024 im Schnitt allerdings nur bei 1,9 Prozent.

Aus der IW-Umfrage stammt noch ein interessantes Detail: Die Wahrnehmung der Inflation unterscheidet sich nach Parteipräferenzen. Anhänger der AFD und des BSW überschätzen die Preissteigerungen am meisten (bei den Mietpreissteigerungen liegen die Sympathisanten der Linken vorne), die der Grünen am wenigsten. Ein Teil der Unterschiede ist sozioökonomisch zu erklären: Die politischen Ränder werden überproportional von Menschen mit geringeren Haushaltseinkommen unterstützt, die Preissteigerungen i.d.R. stärker treffen. Daneben muss aber vermutet werden, dass bei diesen Gruppen eine generelle staatskritische Grundeinstellung vorherrscht und offiziellen Statistiken nicht vertraut wird.

Versuche der systematischen Messung der gefühlten Inflation zeigten in der Vergangenheit vor allem eine generelle Überschätzung des Trends, ob nach oben oder unten. Allerdings wird bei diesen Studien i.d.R. nur auf Produkte abgestellt, die Verbraucher häufiger kaufen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 für den Euroraum hat ermittelt, dass die subjektive Inflationsrate die amtlichen Werte im Mittel um 4 % übersteigt. Daneben kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass der Abstand zwischen gefühlter und gemessener Inflation mit dem Alter, dem Bildungsstand sowie dem Haushaltseinkommen abnimmt. 

Ich will hier vor allem einen weiteren Aspekt herausgreifen, der eigentlich naheliegend ist, für den ich aber keine Unter-suchungen oder Lösungsvorschläge gefunden habe: die zeitliche Dimension. Die offizielle Inflationsrate misst immer nur die Preisveränderung über ein Jahr zum Vorjahres-monat (in den USA ist sogar üblich, die Monatsrate mit dem Faktor 12 auf ein Jahr hochzurechnen, was kurzfristige Effekte noch weiter überzeichnet und Probleme mit Saisonmustern verursacht, vgl. hierzu auch M. Hillmer, 2024, Die Macht der Inflationszahlen, BankPraktiker, 06/2024). Aber Menschen nehmen Preisshifts längerfristig wahr. Das will ich an einem einfachen Zahlenbeispiel verdeutlichen.

Wenn z.B. ein quartalswiese erhobener (Preis-)Index nach einem Trendwachstum von ¼% von einem Quartal zum nächsten plötzlich um 20% steigt, so wird eine Rate zum Vorjahresquartal von 20,9% errechnet. Mit einer auf ein Jahr hochgerechneten Quartalsrate würde sich der Schub sogar auf 80% quantifizieren, siehe linke Grafik. Die Jahres-rate fällt aber nach genau einem Jahr wieder auf den ursprünglichen Wert von 1% zurück, da der Vergleichs-wert jetzt ja den Sprung enthält. Das Preisniveau ist aber dauerhaft um 20% höher als vor dem Sprung. Die Jahres-rate zeigt davon aber überhaupt nichts mehr an.

Es ist also auf jeden Fall vernünftig, die Preisentwicklung nicht nur an der Jahresveränderung, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg wahrzunehmen. Wie könnte man das rechnerisch abbilden? Ein einfacher gleitender Durch-schnitt über die Jahresraten z.B. der letzten zwei Jahre wie in der linken Grafik rot dargestellt erfüllt diesen Zweck offensichtlich nicht: Er verwischt den einmaligen Preisschub um 20% nur auf 11 Quartale, um nach 2 Jahren doch wieder nur die einprozentige Teuerung anzuzeigen. Die Verbraucher werden die Inflation wohl eher daran messen, wie hoch der heutige Preis für ein Gut (oder den ganzen Warenkorb) im Vergleich zu dem Preis in der Vergangen-heit ist, an den ich mich noch gut erinnern kann. Diese Erinnerungszeit ist sicher nicht strikt ein Jahr, sondern dürfte sich auf einen längeren Zeitraum beziehen.

Wenn heute in Umfragen die gefühlte Inflation noch weit über 10% gesehen wird, so beträgt der Zeithorizont mit denen ich die Preise vergleiche sicher bis zu 3-5 Jahre zurück. Auch habe ich sicher nicht den Preis vor genau 3 oder 5 Jahren im Kopf, sondern einen Schnitt der letzten Jahre. Um das nachzubilden muss man also rechnerisch den heutigen Preis mit dem Schnitt der Preise über die letzten 3-5 Jahre vergleichen. In der rechten Grafik ist das in der Variante 1 als heutiger Preis (= Indexwert) geteilt durch den einfachen Schnitt der Preise (Indexwerte) der letzten 4 Jahre erfolgt. Zudem ist eine systematische Überschätzung des Preisniveaus um 80% eingebaut. Als Ergebnis wird der Preissprung um 20% zunächst leicht darunter wahrgenommen, dafür aber durchgängig vier Jahre lang mit abnehmender Intensität. Etwas realistischer ist in Variante 2 noch die Wahrnehmung der Preise der letzten 4 Jahre so gewichtet, dass der Preissprung länger anhaltend wahrgenommen wird.       

Diese Modellierung einer möglichen Wahrnehmung der längerfristigen Inflationstendenz habe ich auf den tat-sächlichen Verbraucherpreisindex des Statischen Bundes-amts angewendet. Dabei soll dieser Ansatz nicht die verzerrte Wahrnehmung einer aktuell über zehnprozentigen Inflation nachbilden, sondern eine realistische Einschät-zung der offiziell über den Warenkorb gemessenen Preise über einen mittelfristigen Horizont liefern. Als Orientierungs-maßstab habe ich dabei die Umfragen der Bundesbank zu den erwarteten Inflationsraten in einem Jahr verwendet. Diese Daten werden seit April 2020 erhoben.

Es zeigt sich, dass sich diese erwartete Inflation sehr eng an der aktuellen Jahresrate orientiert, den besten fit mit den tatsächlich eingetretenen Inflationsraten erhält man bei einem Vorschauhorizont von 2 Monaten (nicht einem Jahr wie eigentlich abgefragt). Diese um zwei Monate nach rechts verschobene Inflationserwartung ist als Proxy für eine realistische Inflationswahrnehmung in der Abbildung rot wiedergegeben. Es ist damit erkennbar, dass die rasant steigenden Inflationsraten mit etwas Vorlauf bereits seit

2021 registriert wurden, um dann nicht ganz so hoch zu steigen wie die realisierten. Dann aber auch deutlich länger auf einem höheren Niveau zwischen 3 und 3,5% zu ver-bleiben, als die offiziellen Inflationsraten bereits auf um die 2% gefallen waren. Das entspricht genau der Wahrneh-mung, wie ich sie oben modelliert habe.

Zwischen den beiden Varianten ist in dem großen Maßstab kein größerer Unterschied zu erkennen. Weiter historisch zurück zeigt sich mit dieser Modellierung, dass im An-schluss an längere Phasen höherer Geldentwertung wie 2007/2008 die rückläufige Inflation als höher und länger anhaltend wahrgenommen wurde: Bei sogar negativen Jahresraten im Sommer 2009 wurde immer noch eine Preiserhöhung von um die 1% wahrgenommen, da sich das Preisniveau ja vor 2-3 Jahren deutlicher erhöht hatte. Auch im Jahr 2020 traute man den negativen Jahresraten nicht, sondern sah die Inflation weiterhin über Null Prozent. Umgekehrt wurden kurzfristige Spitzen nicht überbewertet, sondern der Inflationstrend etwas abgemildert wahrgenommen.

Diese Modellierung der realistischen Inflationswahrneh-mung ist nicht rein akademisch. Ich habe die aktuelle Tendenz von Preissteigerungen um die 2% bis 2027 hoch-gerechnet. Die Erinnerung an den Preisauftrieb der Jahre 2022/23 sollte dann ausgeklungen sein, so dass nur noch Teuerungsraten von knapp über 2% empfunden werden. Diese weitgehende Preisstabilität im Einklang mit dem Inflationsziel der EZB könnte auf zwei Arten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung beitragen. Zum einen nimmt damit die Verunsicherung der Verbraucher ab. Zum an-deren wird der EZB durch niedrige und stabile Inflations-aussichten eine Niedrigzinspolitik ermöglicht. Das kommt der Wirtschaft und dem Aktienmarkt zugute und reduziert den Anreiz zu sparen (die Sparquote korreliert mit der Inflationswahrnehmung im Zeitraum 1991 bis 2019 mit hohen 0,81, bevor sie durch die Corona-Pandemie verzerrt wurde). Beides sollte den Konsum der Verbraucher an-regen und die Zukunftszuversicht wieder stärken.

In aller Kürze

Die offizielle Inflationsmessung erfolgt über die Preisbeobachtung für einen repräsentativen Warenkorb, der aktuell 600 Güterarten umfasst. Darin haben z.B. Nahrungsmittel ein Gewicht von 11,9% und fürs Wohnen inkl. Wasser, Strom und Heizung werden im Schnitt 25,9% des Budgets benötigt. Bei langlebigen Gütern müssen aber auch Qualitätsverbesserungen berücksichtig werden, da man für den gleichen Preis über die Zeit hinweg häufig höherwertigere Güter kaufen kann. Das gilt umgekehrt für die in letzter Zeit in Mode gekommene Shrinkflation, bei der bei gleichbleibenden Preisen die Füllmenge von Produkten reduziert wird, was einer Preiserhöhung gleichkommt.

- Preisveränderungen wirken sich auf verschiedene Bevölkerungsgruppen allerdings unterschiedlich aus. So müssen Personen mit geringen Einkommen i.d.R. deutlich mehr von ihrem Budget für Lebensmittel ausgeben. Sie nehmen daher Preissteigerungen in diesem Bereich höher wahr, wie sie sich mit einer Verteuerung um 37,5% seit 2020 bei Nahrungsmitteln gezeigt haben. Die subjektive Wahrnehmung der Inflation übersteigt auch in der Regel die offiziell gemessene. Das liegt zum einen an der höheren Preissensitivität gerade der häufig gekauften Verbrauchsgüter. Zum anderen ist es ein generelles psychologisches Phänomen, dass sich negative Aspekte (Preiserhöhungen) stärker einprägen als positive. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die gefühlte Inflationsrate die amtlichen Werte im Mittel um die 4 % übersteigt.

- Das Instituts der Deutschen Wirtschaft ermittelte sogar in einer Umfrage eine geschätzte Inflation für 2024 von 15,3% (Median 10,0%), während die tatsächliche Jahresteuerung nur bei 2,2% lag. Da die Ursache hierfür sicher in der Nachwirkung der massiven Inflationsschübe der Jahre 2022/23 liegt, beschäftigt sich der Newsletter mit der zeitlichen Dimension der Inflationsmessung. Die offizielle Inflationsrate bezieht sich immer auf die Preisveränderung über ein Jahr. Daher fallen Erhöhungen des Preisniveaus aus der Messung heraus, die über ein Jahr zurückliegen. Die Verbraucher werden die Inflation aber wohl eher daran messen, wie hoch die heutigen Preise im Vergleich zu den Preisen in einem gewissen Zeitraum der Vergangenheit sind, an den ich mich gut erinnern kann.

- Mit der Hypothese, dass es sich hierbei um einen Horizont von 3-5 Jahren handeln könnte, modelliert der Artikel eine Art realistische Inflationswahrnehmung, der sich bei der Frage der Abweichung von der tatsächlich gemessenen an Umfragen der Bundesbank orientiert. Dabei werden derzeit um die 3% Inflation antizipiert. Phasen mit höherer Geldentwertung wirken damit in der Inflationswahrnehmung länger nach. Auch wurde durchweg immer eine gewisse Teuerung gesehen, auch in Zeiten negativer Inflationsraten. Mit diesem Ergebnis sollte die gefühlte Inflation weiter in Richtung auf das geldpolitische Ziel von 2% zurückgehen. Mit der damit geringer werdenden Verunsicherung in der Bevölkerung und der mit tiefen Zinsen abnehmenden Sparneigung könnte der Konsum der Verbraucher angeregt und die Wirtschaft gestützt werden.

Hinweise: 

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