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NEWSLETTER 11/2025:
Das Schuldenpaket der designiert neuen Regierung ist ein starkes Signal: Deutschland kann und muss es sich leisten

Das ist schon ein Hammer: Waren stabile Staatsfinanzen für die konservativen Parteien in Deutschland bisher ein hohes Gut, so kommt jetzt ein Schuldenpaket in kaum vorstellbarer Größenordnung. Dieser Kraftakt ist wohl ähnlich fundamental und prägend wie die Reformagenda 2010 von Schröder vor 22 Jahren. Dies konnte nur eine Mitte-Rechts Koalition wagen, eine linke Regierung hätte einen Orkan der Entrüstung geerntet. Und dann noch mit dem Makel, dies nur im alten Bundestag mit der grundgesetzlich erforderlichen Zweidrittelmehrheit durchbringen zu können. Eine Woche vor der Neukonstituierung und bevor überhaupt die neue Regierung steht. Ich will versuchen die unvorstellbar großen Zahlen einzuordnen und die Folgen abzuschätzen.

Kurz noch einmal die Kernpunkte des Schuldenpakets. Zum einen wird die Schuldenbremse für Ausgaben gelockert die in einem erweiterten Sinne mit Verteidigung zu tun haben. Demnach fallen "Ausgaben des Bundes für den Zivil- und Bevölkerungsschutz sowie für die Nachrichtendienste, für den Schutz der informations-technischen Systeme und für die Hilfe für völkerrechts-widrig angegriffene Staaten" ab einer Höhe von mehr als einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht mehr unter die Schuldenbremse. Das heißt konkret, dass alle Verteidigungsausgaben inkl. der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine (das haben die Grünen reinverhandelt) praktisch unbegrenzt über Schulden finanziert werden können. Nur rund 43 Mrd. EUR müssen nach heutigen Werten vom Kernhaushalt gedeckt sein.

Zum anderen wird ein Sondervermögen über 500 Mrd. Euro geschaffen "für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur und für zusätzliche Investitionen zur Erreichung der Klimaneutralität bis 2045 mit einem Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro." Das Sonder-vermögen gilt für einen Zeitraum von zwölf Jahren und die dafür erforderlichen Kredite fallen nicht unter die Schulden-bremse. Aus dem Topf werden 100 Milliarden Euro dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) zugeführt und 100 Milliarden Euro stehen den Ländern für Investitionen in deren Infrastruktur zur Verfügung (die sich darüber hinaus wie der Bund wieder bis zu 0,35% des BIP verschulden dürfen). Voraussetzung für den Abruf der Kredite ist eine angemessene Investitionsquote im Kernhaushalt des Bundes, die mindestens zehn Prozent des Gesamtetats betragen soll.

Jetzt werden in der Presse und von kritischen Wissen-schaftlern Zahlen von 1,7 bis 1,8 Bill. Euro genannt, um die sich der Schuldenstand Deutschlands in zehn Jahren erhöhen könnte. Wie die zustande kommen und wie sie als Maximalwerte zu bewerten sind will ich im Folgenden darstellen.

Bei den Militärausgaben ist zunächst herauszustellen, dass bewusst keine zeitliche Begrenzung oder Obergrenze des neuen Verschuldungspotenzials gesetzt wurde. Das ist als klares Signal an Putin zu verstehen, dass hier unbegrenzt so viel getan werden soll wie nötig. Gerade auch im Hinblick auf die Ukrainehilfe. Das dabei nur 1% weiterhin aus dem Kernhaushalt zu bestreiten sind, erscheint allerdings sehr wenig: reguläre Militärausgaben müssten eigentlich voll über Staatseinnahmen gedeckt sein. Selbst im Entspannungszeitraum 1990 bis heute lagen die Verteidigungsausgaben Deutschlands im Schnitt bei 1,4% des BIPs.

Wenn man die zukünftige finanzielle Belastung aus dem neuen Schuldenpaket abschätzen will, muss man also Annahmen über die weitere Entwicklung der Verteidigungs-ausgaben treffen. Hier wird in den meisten Hochrechnun-gen von Militärausgaben von 3% des BIPs für die nächsten 10 Jahre ausgegangen. Ob dann aber tatsächlich die gesamten 2% über neue Schulden finanziert werden, die über die regulär zu deckende Mindestmarke von 1% 

hinausgehen, ist natürlich offen. Das hieße, dass bereits heute durch den Haushalt gedeckte Ausgaben (nachträg-lich) in den Schuldentopf verschoben würden. Das ist natürlich eine berechtigte Sorge der Kritiker. Die volle Schuldenfinanzierung der 2% des BIPs in den folgenden Jahren ist damit aber eine eher konservative Annahme. Sie ist auch nicht konform mit den europäischen Notfallklau-seln, die nur 1,5% zusätzliche Verteidigungsausgaben ohne Anrechnung auf die europäischen Schuldenregeln erlauben – und das auch nur auf 4 Jahre.

In den Hochrechnungen werden aber volle 2% als zusätz-liche Schulden unterstellt, was bei einem BIP im Jahr 2024 von 4.305,3 Mrd. Euro einer Schuldenbelastung von 86,1 Mrd. entspricht. Um dies für die nächsten Jahre hoch-rechnen zu können, ist noch eine Annahme für das jährliche BIP-Wachstum von nominal z.B. 2,5% erforderlich, was im 10. Jahr einer Schuldenbelastung von 110,2 Mrd. entsprechen würde. In Summe wären das ca. 950 Mrd. neue Schulden.

Um diese großen Zahlen besser bewerten zu können folgende Gegenüberstellungen. Inkl. des Sondervermögens Bundeswehr hat Deutschland im Jahr 2024 für die Ver-teidigung 90,6 Mrd. ausgegeben (2,1% des BIPs). Wird dieser Wert auf 3% des BIP gesteigert, so wären das heute 129,2 Mrd. Verteidigungsausgaben, was bezogen auf den öffentlichen Gesamthaushalt von Deutschland einem Anteil von 4,4% entsprechen würde. Zwei Vergleichszahlen aus der Vergangenheit: Im Jahr 2021% betrugen die deutschen Militärausgaben am Gesamthaushalt 2,1%, allerdings im Jahr 1991 auch bereits 3,9%. In den USA werden dagegen heute 7,9% des Staatshaushalts fürs Militär ausgegeben und im Kriegsland Russland an die 40%.

Eine weitere Einordnung: Die gesamte Ukrainehilfe, die Deutschland seit Kriegsausbruch geleistet hat, beläuft sich auf 14,6 Mrd. im jährlichen Schnitt, davon 9,3 Mrd. an Militärhilfe. Gesamt-Europa hat der Ukraine in diesem Zeitraum jährlich 44 Mrd. EUR bereitgestellt, die USA 38 Mrd. EUR. Man erkennt den großen Spielraum der die angenommenen jährlichen Verteidigungsausgaben von 129 Mrd. eröffnen. Ob es im Laufe der Zeit bei diesen hohen Ausgaben bleiben muss und die Verschuldung wirklich fast 1 Bill. EUR auf Sicht von 10 Jahren erreicht, halte ich zumindest für etwas zu pessimistisch.

Die Rechnung für das Sondervermögen ist dagegen einfach, die Zahl 500 Mrd. entsprechen bei linearer Ver-teilung auf die 12 Jahre einem jährlichen Verschuldungs-potenzial von 41,7 Mrd. Aber hier gilt erst recht, dass Obergrenze nicht gleich tatsächlich realisierbaren Investi-tionen entsprechen. Seit Jahren erleben wir ja, dass öffentliche Mittel gar nicht abgerufen werden, da Planungs-kapazitäten fehlen und sich Genehmigungsverfahren häufig über mehrere Jahre hinziehen. Ob die Kapazitäten in der Wirtschaft für einen derartigen Auftragsschub überhaupt zur Verfügung stehen oder geschaffen werden können (Stichwort: Fachkräftemangel) ist daneben offen. Hier besteht vielmehr die Gefahr, dass sich die höhere Staatsnachfrage bei knappem Angebot in steigenden Preisen niederschlägt, also erst mal die Inflation anheizt.

Quelle: Peter Bofinger, LinkedIn 11.03.2025

Daneben besteht auch hier die Befürchtung, dass ein Teil der bereits geplanten oder in normalen Zeiten über den regulären Haushalt abzudeckenden Investitionen, einfach ins Sondervermögen verschoben und über Kredite finan-ziert werden. Dies soll durch die Vorgabe verhindert werden, dass 10% der Investitionen aus dem Kernhaushalt zu finanzieren sind sowie durch die von den Grünen in das Gesetzt hineinverhandelte ‚Zusätzlichkeit‘. Die 10%-Grenze scheint sich an den historischen Werten zu orientieren. Im Zeitraum 2012 bis 2022 (als bekanntermaßen zu wenig investiert wurde) betrug der durchschnittliche Investitions-quote im Bundeshaushalt 8,7%. In den beiden letzten Jahren waren es dagegen bereits um die 12%.

Um die Größenordnung des Sondervermögens einordnen zu können: Die regulären Investitionsausgaben des Bundes lagen ohne Sondereffekte im letzten Jahr bei knapp 57 Mrd.. Zieht man von den jährlichen 41,7 Mrd. das Fünftel für die Länder ab, so verbleiben für den Bund 33,4 Mrd. zusätzliches Investitionspotenzial aus dem Sonderver-mögen, das ist schon erheblich. Bei den 100 Mrd. die für Klimaschutz- und Transformationsinvestitionen vorgesehen sind, bietet sich ein Vergleich mit dem bisherigen Klima- und Transformationsfonds (KTF) an, der sich ja weitgehend aus eigenen Einnahmen aus dem CO2-Emissionshandel finanziert. Im Jahr 2022 wurden von den geplanten 27,9 Mrd. nur 13,7 Mrd. tatsächlich ausgegeben, im Jahr 2023 waren es statt der geplanten 36,0 Mrd. nur 20,1 Mrd. Da zeigt zum einen die ‚Ausgabenprobleme‘ großer Investi-tionstöpfe und zum anderen sind die 100 Mrd. neue Investitionen schon eine richtig große Nummer.

Zählt man nun die (eher zu hoch gegriffenen) 950 Mrd. neuen Schulden für Verteidigungsausgaben im weiteren Sinne und die (maximal) 500 Mrd. aus dem Sonderver-mögen zusammen und ergänzt das neue Verschuldungs-potenzial der Länder von 0,35% des BIPs (das sind per heute 15 Mrd. bzw. 19 Mrd. im 10. Jahr bei der angenom-menen Wachstumsannahme, in Summe auf 10 Jahre also 170 Mrd.) so kommt man auf ein Schuldenpotenzial von 1,6 Billionen. Das liegt nicht weit von den in der Presse zitierten 1,7 – 1,8 Mrd. entfernt. Abgesehen davon, dass es sich aus den genannten Gründen dabei eher um eine Abschätzung nach oben handelt, ist allerdings nicht der Schuldenstand an sich relevant, sondern die Relation zum BIP.

Dies zeigt eine Projektion von Prof. Bofinger, Universität Würzburg, der für das Schuldenwachstum die gleichen 

Annahmen unterstellt wie oben diskutiert. Die staatliche Gesamtschuldenquote beläuft sich heute auf 63,6% des BIPs. Unterstellt man ein jährliches Wirtschaftswachstum von nominal 2,5% (gerade mal 0,5% reales Wachstum bei 2% Inflation), so würde sich die Schuldenquote Deutsch-lands im Jahr 2035 auf 82,1% erhöhen. Wächst das BIP nur um 1% mehr, was angesichts der massiven Investi-tionsimpulse auf Sicht ohne weiteres möglich erscheint, so würde sich eine Schuldenquote von 74,5% ergeben. Übrigens gilt die gleiche Degression, wenn stattdessen die Teuerungsrate 3% bei 0,5% Wachstum betragen würde: Inflation wirkt sich auf die Rückzahlungsfähigkeit von Schulden positiv aus.

Zur Einordnung sei auf meinen Newsletter 04/2025 verwiesen. Der Höhepunkt der bisherigen Staatsverschul-dung in Deutschland lag im Jahr 2010 bei 80,4% des BIPs. Die Nutzung des maximalen Verschuldungsspielraums in den kommenden 10 Jahren würde also zu kaum einer höheren Schuldenquote führen. Und dass sich Schulden auch in schwierigen Zeiten abbauen lassen zeigt die Reduktion der Schuldenquote von 69% in den Corona-Jahren 2021 und 2022 auf heute nur noch 63,8%.

Insgesamt erscheint die Größe des Schuldenpakets damit erst einmal erschreckend, in Relation zur Wirtschaftskraft Deutschlands ist die Höhe aber verkraftbar. Insbesondere im Vergleich zur Verschuldung anderer Industrieländer: Im Schnitt sind die G7-Staaten derzeit bereits mit 127% des BIPs verschuldet, ohne den Ausreißer Japan sind es immerhin noch 107%. So sollte das Schuldenpaket als einmaliger Kraftakt nicht die Kreditwürdigkeit Deutschlands allzu stark belasten. Die Ratingagenturen sehen unser AAA-Rating auch erst mal nicht als gefährdet an.

Hier auch interessant ein Blick auf die Beurteilung der Ausfallwahrscheinlichkeit Deutschlands durch die Kapitalmärkte. Hier werden sogenannte Credit Default Swaps gehandelt, mit denen man sich gegen den Ausfall eines Schuldners versichern kann. Auf eine Laufzeit von 5 Jahren muss derzeit nur eine Prämie von 0,135% für die Versicherung eines Ausfall Deutschlands bezahlt werden. Das ist zwar etwas mehr als die 0,12% an den Tagen vor Ankündigung des Schuldenpakets. Aber nichts im Vergleich zu den Schwankungen der CDS-Prämie für Deutschland aus konjunkturellen oder geopolitischen Gründen in den Jahren von 2020 bis 2024. Zum Vergleich: die fünfjährigen CDS auf Frankreich und die USA kostet zurzeit um die 0,37%, auf Italien 0,56%.

Auch wenn an der Schuldentragfähigkeit Deutschlands damit erst mal keine Zweifel bestehen, so müssen natürlich die Gefahren der höheren Verschuldung und die Voraus-setzungen für die sinnvolle Verwendung der Mittel klar benannt werden. Zuerst einmal dürften sich in den kom-menden Jahren die Zinsausgaben des Bundes deutlich erhöhen. Bereits im letzten Jahr waren 34 Mrd. für den Schuldendienst aufzubringen, was einem Anteil von 7,3% an den Gesamtausgaben des Bundes ausmacht (Zins-lastquote). Aufgrund der in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Zinsen ist das bereits heute eine deutliche Belastung: Im Jahr 2019 mussten z.B. mit 12,7 Mrd. nur 3,6% des Bundeshaushalts für Zinsen aufgebracht werden.

Werden jetzt z.B. 1 Bill. Euro dauerhafte Schulden neu angehäuft, so wären das bei einer angenommenen Durch-schnittsverzinsung von 3% eine Mehrbelastung von 30 Mrd. im Jahr. Die Zinslastquote des Bundes würde damit auf Sicht von 10 Jahren auf über 10% steigen. Spätestens hier wird deutlich, dass an weiteren Konsolidierungen des Staatshaushalts kein Weg vorbeiführt. Da die Zinsaus-gaben aus dem regulären Haushalt bestritten werden müssen, geht das zu Lasten der ‚normalen‘ Staatsaus-gaben, die somit priorisiert und begrenzt werden müssen. Dies stellt einen willkommenen Reformdruck dar.

Und die Kapitalmärkte reagieren natürlich bereits jetzt auf das absehbar höhere Angebot an Staatspapieren, die zur Schuldenaufnahme emittiert werden müssen. Am Tag der Ankündigung des Schuldenpakets sind die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen von 2,50% auf bis zu 2,80% gestiegen. Diese 30 Basispunkte erscheinen nicht viel, sind für die eher stabilen Anleihemärkte aber ein außergewöhn-licher Sprung. Allerdings muss auch gesehen werden, dass sich Deutschland damit immer noch eher günstig verschul-den kann (in den USA werden für 10-jährige Treasuries z.Z. eine Rendite von 4,35% verlangt). Und die Aufnahmebereit-

schaft des Anleihemarktes für die als ‚sicher‘ geltenden deutschen Staatsanleihen ist sehr hoch: An US-Staatspa-pieren sind 25,1 Bill. USD ausstehend. Bundeswertpapiere laufen derzeit mit einem Volumen von 1,9 Bill. EUR um.

Somit wird auch erwartet, dass das deutlich steigende Emissionsvolumen an Bundeswertpapieren die Renditen in Deutschland nicht allzu sehr nach oben treiben sollte. Ökonomische Nachteile könnten mit dem Schuldenpaket vor allem dann verbunden sein, wenn die Mittel nicht schrittweise nach einem klaren Plan und nicht für echte Zukunftsinvestitionen ausgegeben werden. Auf die Infla-tionsgefahren aus zu schnellem Hochfahren bei knappen Kapazitäten wurde bereits oben hingewiesen. Für einen nachhaltig positiven Effekt auf die Konjunktur ist entschei-dend, dass die Infrastruktur Deutschlands signifikant erneu-ert, Forschung und Bildung in der Breite verbessert und die Innovationen gefördert werden, die unsere Zukunftsfähig-keit erhöhen. Nur wenn sich die Wirtschaftskraft Deutsch-lands wirklich dauerhaft erhöht, macht der einmalige An-schub Sinn und können die Schulden auch wieder getilgt bzw. auf einem sinnvollen Stand prolongiert werden.

Unter diesen Voraussetzungen ist das Schuldenpaket aber auch eine einmalige Chance. Über einen breiten Konsens in der politischen Mitte beschlossen, können jetzt die Investitionen nachgeholt werden, die in der Vergangenheit bei zu guter wirtschaftlicher und weltpolitischer Lage ver-säumt wurden (nur schade, dass die Zeiten nicht genutzt wurden, als eine Staatsverschuldung zu einem Zinsauf-wand von Null möglich war). Umgekehrt hat die auf einem relativ geringen Niveau gehaltene Staatsschuldenquote auch ihren Nutzen: Jetzt, wo es wirklich darauf ankommt die Wirtschaft einen Schub zu geben und unsere Sicherheit wieder zu gewährleisten, kann Deutschland in die Vollen gehen. Dass die Politik den äußeren Druck nutzt um jetzt kraftvoll handelt, ist ein starkes Signal.

In aller Kürze:

- Die eine Seite des Schuldenpakets besteht aus der Aufhebung der Schuldenbremse für alle Verteidigungsausgaben in weiterem Sinne, inkl. der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine. Die zeitliche und betragsmäßige Unbegrenztheit ist ein starkes Signal. Nur Militärausgaben bis 1% des BIP müssen weiterhin vom Kernhaushalt bestritten werden (das hätte besser etwas mehr sein können). Bei unterstellten Verteidigungsausgaben von insgesamt 3% des BIPs für die nächsten 10 Jahre können also bis zu 2% über neue Schulden finanziert werden, das wären bei derzeitigen Relationen eine mögliche Schuldenbelastung von 86,1 Mrd. im Jahr, oder ca. 950 Mrd. neue Schulden über die nächsten 10 Jahre bei einem angenommenen nominalen BIP-Wachstum von 2,5%.

- Zum anderen wird ein Sondervermögen über 500 Mrd. Euro geschaffen für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur und zur Erreichung der Klimaneutralität bis 2045 mit einem Volumen von bis zu 500 Mrd. Euro (davon 100 Mrd. für den Klima- und Transformationsfonds, 100 Mrd. für Investitionen der Länder). Eine Mindestinvestitions-quote von 10% für den Kernhaushalt des Bundes soll sicherstellen, dass nicht bereits geplante Investitionen einfach ins Sondervermögen verschoben werden. Diese Quote entspricht ungefähr den investiven Ausgaben im Bundeshaushalt der letzten Jahre, die in 2024 knapp 57 Mrd. betrugen. Rechnerisch kommen damit 500/12 = 41,7 Mrd. jährlich aus den 500 Mrd. oben drauf, was schon ein erhebliches Mehr an Investitionen ermöglicht.

- Zusammen mit der neuen Verschuldungsmöglichkeit der Länder von 0,35% des BIP errechnet sich also ein Potenzial von ca. 1,6 Bill. Euro an zusätzlich möglicher Schuldenaufnahme über die nächsten 10 Jahre (in der Presse werden Zahlen bis zu 1,8 Bill. genannt). Diese erst einmal kaum fassbare Zahl muss gegen das erwartete BIP gestellt werden, um die Schuldentragfähigkeit beurteilen zu können. Ausgebend von heute 63,6% staatlicher Gesamtschuldenquote am BIP wird je nach unterstelltem Wirtschaftswachstum eine Schuldenquote zwischen 75 und 82% in 10 Jahren erwartet. Dies erscheint tragbar: Bereits im Jahr 2010 lag die Staatsverschuldung in Deutschland bei 80,4% des BIPs und konnte in der Folgezeit (trotz zwischenzeitlicher Belastung in der Corona-Zeit) wieder abgebaut werden. Und in anderen Industrieländern beläuft sich die Schuldenquote bereits heute auf im Schnitt 127% der G7-Staaten. Das AAA-Rating Deutschlands ist damit nach Meinung der Ratingagenturen und der Kapitalmärkte erst mal nicht gefährdet. Hier wird v.a. auf den positiven Impuls gesetzt, der die höheren Staatsaugaben auf Konjunktur und Wirtschaft Deutschlands haben kann.

- Dennoch müssen natürlich auch mögliche negative Folgen und Voraussetzungen für eine sinnvolle Verwendung der neuen Schulden genannt werden. Zuerst einmal dürften sich in den nächsten Jahren die Zinsausgaben des Bundes für den Schuldendienst von heute 34 Mrd. (Anteil von 7,3% am Gesamthaushalt) ohne weiteres verdoppeln und dann über 10% der Gesamtausgaben des Bundes in 10 Jahren ausmachen. Diese Belastung des regulären Haushalts stellt einen massiven Reformdruck für die weiter notwendige Konsolidierung und Priorisierung der Staatsausgaben dar. Auch könnten die Marktzinsen durch das höhere Angebot an Staatspapieren steigen, die zur Schuldenaufnahme emittiert werden müssen. Dies verteuert die Schuldenaufnahme tendenziell weiter, sollte aber angesichts der großen Aufnahmebereitschaft des Anleihemarktes für die als ‚sicher‘ geltenden deutschen Staatsanleihen kein großes Problem darstellen.

- Positive Effekte auf die reale Wirtschaftskraft Deutschlands hat das Schuldenpaket nur dann, wenn die Mittel planvoll und schrittweise für echte Zukunftsinvestitionen (Infrastruktur, Forschung, Bildung, Innovationen) ausgegeben werden. Zum einen verzögern zu lange Genehmigungsverfahren und fehlende Planungskapazitäten schon heute notwendige Investitionen. Zum anderen muss der Auftragsschub auch erst mal von der Wirtschaft bewältigt werden (Stichwort: Fachkräftemangel) ohne nur zu hohen Knappheitspreisen zu führen, was die Inflation anheizen würde.

- Unter diesen Voraussetzungen ist das Schuldenpaket aber auch eine einmalige Chance. Über einen breiten Konsens in der politischen Mitte beschlossen, können jetzt die Investitionen nachgeholt werden, die in der Vergangenheit bei zu guter wirtschaftlicher und weltpolitischer Lage versäumt wurden. Jetzt, wo es wirklich darauf ankommt der Wirtschaft einen Schub zu geben und unsere Sicherheit wieder zu gewährleisten, kann Deutschland aufgrund seiner zurückhaltenden Schuldenpolitik in der Vergangenheit in die Vollen gehen und setzt damit ein starkes Signal nach innen und nach außen.

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