Das Wichtigste zuerst in Kurzform
Der Wirtschaftshistorikers Paul Schmelzing (BoE Working Paper Nr. 845, 2020) hat in akribischer Zusammenstellung eine jährliche Datenreihe der nominalen Langfristzinsen, Inflationsraten und damit Realzinsen von 1317 bis 2018 zusammengestellt. Zwei Arten von Zinsreihen wurden dabei betrachtet: Globale Langfristzinsen, BIP-gewichtet aus acht Industrieländern (vorwiegend kommunale und private Anleihen) sowie Renditen für ‚sichere‘ Anlagen von Staatsgebilden (Safe Asset Provider).
Er konnte damit zeigen, dass die Realzinsen seit Jahrhunderten einen klaren Trend nach unten aufweisen, der sich für 2018 auf 0,72% beläuft. Die letzte ausgeprägte Niedrigzinsphase der Jahre 2012 bis 2020 mit sogar Negativ-zinsen war damit historisch gesehen gar nicht so außergewöhnlich. Die Inflationsraten seit 1317 waren dabei im Schnitt mit 1,5% bei aller Volatilität sogar eher trendstabil, da die privaten Anleihen üblicherweise mit Edelmetall unterlegt waren, das nicht beliebig vermehrt werden konnte.
Die trendmäßig rückläufigen Realzinsen lassen sich nur zum kleineren Teil durch Bonitätsverbesserungen erklären. Eine größere Rolle haben Vermögenseffekte gespielt (höhere Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten), daneben der Trend zu stabileren Finanzsystemen bzw. modernen Staatsformen (höhere Liquidität, Rechtsstaatlichkeit) sowie außerge-wöhnliche Ereignisse wie Kriege oder neu erschlossene Goldquellen.
Bemerkenswert ist dabei, dass der trendmäßige Rückgang der Realzinsen sich über die verschiedensten Währungs-, politischen und fiskalischen Systeme hinweg gezeigt hat.
Schmelzing stellt 6-7 langanhaltende Zinsdepressions-Phasen heraus. Ergänzt um die aktuellen Jahre habe ich das nachvollzogen und komme auf eine durchschnittliche Dauer von 34 Jahren mit einem Realzinsrückgang von im Schnitt 8,9 Prozentpunkten, was ziemlich genau dem letzten Senkungszyklus von 1984 bis 2020 entspricht. Er erwartet auf längere Sicht allerdings weiterhin niedrige bzw. sogar dauerhaft negative Realzinsen (der ermittelte Trend würde im Jahr 2065 den Nullpunkt erreichen).
Interessanter sind aber die Gegenbewegungen im Anschluss an die Zinsdepressions-Phasen. Gemäß meiner Auswertung belaufen sich diese bis zum nächsten Realzinshochpunkt auf im Schnitt 15 Jahre mit einer Zinserhöhung um 6,4 Prozentpunkten. So steigen die Realzinsen nach dem Tiefpunkt in der Regel sehr schnell und deutlich, häufig ausgelöst durch geopolitische Ereignisse oder Katastrophen (im aktuellen Zinszyklus war der Auslöser die Corona-Pandemie gefolgt von den aufflammenden Kriegen der Weltmächte).
Der Zyklus sinkender Zinsen über 36 Jahre ist damit 2020 definitiv zu Ende gegangen. Wird der Durchschnitt der historischen Verläufe der Gegenbewegungen an den aktuellen Tiefpunkt des Realzinses im Jahr 2020 angehängt, so ergibt sich ein ‚erwarteter‘ Realzinsverlauf, der erstaunlicherweise ziemlich genau dem tatsächlichen Verlauf bis 2026 widerspiegelt. Für die Zukunft würde demnach - allein abgeleitet aus der Historie - der Realzins weiter steigen mit einem Hochpunkt von 2,3% im Jahr 2027. Demnach stehen uns mindestens noch 10 Jahre relativ hoher Realzinsen bevor.
Selbst wenn diese ‚Prognose‘ mit einem optimistischen Inflations-Szenario einer langsamen Entspannung und einer Rate von nur 2,0% ab 2033 unterlegt wird, würden sich nominale Globalzinssätze von 5,3% für 2027 ergeben (aktuell bei 4,0%), die in der Folge unter Schwankungen erst 2034 nachhaltig unter 4% zurückgehen. Keine unplausible, aber doch relativ langanhaltende ‚Hochzinsphase‘ nach den Erfahrungen der tiefen Zinsen der 2000er Jahre.
Bensheim, den 24. September 2026