Wird diese Nachricht nicht richtig dargestellt, klicken Sie bitte hier.

NEWSLETTER 18/2026:
Was 700 Jahre Zinsgeschichte lehren: Wir stehen mitten in einer Hochzinsphase von 15 Jahren Dauer

Was für ein Datensatz: Nominale Langfristzinsen der Industrieländer und Renditen für sichere Anlagen über den gigantischen Zeitraum von 1317 bis 2018! Die vom Wirtschaftshistoriker Paul Schmelzing aufbereiteten Daten eröffnen spannende Einblicke in die globale Zinsentwicklung über 700 Jahre hinweg. Damit zeigt sich, dass der Realzins über die Zeit nicht etwa konstant ist, sondern trendmäßig klar fällt. Das rückt die extrem erscheinende Niedrigzinsphase der letzten Jahre in ein ganz anderes Licht. Auch gab es historisch nur 6-7 vergleichbare Phasen, in denen die Marktzinsen über mehr als 30 Jahre zyklisch nur gefallen sind: Der in aller unserer Köpfe steckende Zyklus langanhaltend sinkender Marktzinssätze von 1984 bis 2020 ist dabei ziemlich im historischen Schnitt. Und was kam in der Vergangenheit danach: Ein steiler Zinsanstieg und über fünfzehn Jahre eher anziehende Zinsen! Steht uns das womöglich wieder bevor?

Das Wichtigste zuerst in Kurzform

Der Wirtschaftshistorikers Paul Schmelzing (BoE Working Paper Nr. 845, 2020) hat in akribischer Zusammenstellung eine jährliche Datenreihe der nominalen Langfristzinsen, Inflationsraten und damit Realzinsen von 1317 bis 2018 zusammengestellt. Zwei Arten von Zinsreihen wurden dabei betrachtet: Globale Langfristzinsen, BIP-gewichtet aus acht Industrieländern (vorwiegend kommunale und private Anleihen) sowie Renditen für ‚sichere‘ Anlagen von Staatsgebilden (Safe Asset Provider).

Er konnte damit zeigen, dass die Realzinsen seit Jahrhunderten einen klaren Trend nach unten aufweisen, der sich für 2018 auf 0,72% beläuft. Die letzte ausgeprägte Niedrigzinsphase der Jahre 2012 bis 2020 mit sogar Negativ-zinsen war damit historisch gesehen gar nicht so außergewöhnlich. Die Inflationsraten seit 1317 waren dabei im Schnitt mit 1,5% bei aller Volatilität sogar eher trendstabil, da die privaten Anleihen üblicherweise mit Edelmetall unterlegt waren, das nicht beliebig vermehrt werden konnte.

Die trendmäßig rückläufigen Realzinsen lassen sich nur zum kleineren Teil durch Bonitätsverbesserungen erklären. Eine größere Rolle haben Vermögenseffekte gespielt (höhere Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten), daneben der Trend zu stabileren Finanzsystemen bzw. modernen Staatsformen (höhere Liquidität, Rechtsstaatlichkeit) sowie außerge-wöhnliche Ereignisse wie Kriege oder neu erschlossene Goldquellen.

Bemerkenswert ist dabei, dass der trendmäßige Rückgang der Realzinsen sich über die verschiedensten Währungs-, politischen und fiskalischen Systeme hinweg gezeigt hat.

Schmelzing stellt 6-7 langanhaltende Zinsdepressions-Phasen heraus. Ergänzt um die aktuellen Jahre habe ich das nachvollzogen und komme auf eine durchschnittliche Dauer von 34 Jahren mit einem Realzinsrückgang von im Schnitt 8,9 Prozentpunkten, was ziemlich genau dem letzten Senkungszyklus von 1984 bis 2020 entspricht. Er erwartet auf längere Sicht allerdings weiterhin niedrige bzw. sogar dauerhaft negative Realzinsen (der ermittelte Trend würde im Jahr 2065 den Nullpunkt erreichen).

Interessanter sind aber die Gegenbewegungen im Anschluss an die Zinsdepressions-Phasen. Gemäß meiner Auswertung belaufen sich diese bis zum nächsten Realzinshochpunkt auf im Schnitt 15 Jahre mit einer Zinserhöhung um 6,4 Prozentpunkten. So steigen die Realzinsen nach dem Tiefpunkt in der Regel sehr schnell und deutlich, häufig ausgelöst durch geopolitische Ereignisse oder Katastrophen (im aktuellen Zinszyklus war der Auslöser die Corona-Pandemie gefolgt von den aufflammenden Kriegen der Weltmächte).

Der Zyklus sinkender Zinsen über 36 Jahre ist damit 2020 definitiv zu Ende gegangen. Wird der Durchschnitt der historischen Verläufe der Gegenbewegungen an den aktuellen Tiefpunkt des Realzinses im Jahr 2020 angehängt, so ergibt sich ein ‚erwarteter‘ Realzinsverlauf, der erstaunlicherweise ziemlich genau dem tatsächlichen Verlauf bis 2026 widerspiegelt. Für die Zukunft würde demnach - allein abgeleitet aus der Historie - der Realzins weiter steigen mit einem Hochpunkt von 2,3% im Jahr 2027. Demnach stehen uns mindestens noch 10 Jahre relativ hoher Realzinsen bevor.

Selbst wenn diese ‚Prognose‘ mit einem optimistischen Inflations-Szenario einer langsamen Entspannung und einer Rate von nur 2,0% ab 2033 unterlegt wird, würden sich nominale Globalzinssätze von 5,3% für 2027 ergeben (aktuell bei 4,0%), die in der Folge unter Schwankungen erst 2034 nachhaltig unter 4% zurückgehen. Keine unplausible, aber doch relativ langanhaltende ‚Hochzinsphase‘ nach den Erfahrungen der tiefen Zinsen der 2000er Jahre.

Bensheim, den 24. September 2026

Datenquelle: Paul Schmelzing, Bank of England Staff Working Paper Nr. 845

Für so eine Story muss ich meine KI-Reihe unterbrechen: Durch einen Kommentar von Daniel Stelter im Handelsblatt vom 31.08. wurde ich auf eine Studie des deutschen Wirt-schaftshistorikers Paul Schmelzing aufmerksam, der die zyklische Entwicklung der Nominal- und Realzinsen über 700 Jahre hinweg untersucht hat (Bank of England, Staff Working Paper No. 845, 3. Januar 2020). Unter Verwen-dung anderer Datensammlungen und einer akribischen Zusammenstallung vieler historischer Originalquellen wird dort für den Zeitraum von 1317 bis 2018 eine jährliche Reihe für nominale Langfristzinsen und Renditen für 'sichere' Anlagen der Industrieländer sowie diesbezügliche Inflationsraten aufbereitet und analysiert.

Ziel ist die Untersuchung des Realzinses also Nominalzins abzüglich der Inflationserwartung, welche als gleitender 7-Jahresdurchschnitt um den jeweiligen Datenpunkt herum modelliert wird (Schnitt der Inflationsraten für t-3, t-2, t-1, t, t, t+1, t+2, t+3). Herausgearbeitet wird in der Studie vor allem die Zyklik des Realzinses und dass dieser (entgegen früherer wissenschaftlicher Meinung) nicht über die Zeit als konstant angenommen werden kann, sondern trendmäßig seit Jahrhunderten fällt. Am aktuellen Rand der Studie (2018) beläuft sich die Trendlinie für den Realzins auf 0,72%, d.h. die letzte Niedrigzinsphase der Jahre 2012 bis 2020 mit sogar Negativzinsen war historisch gesehen gar nicht so außergewöhnlich.

Das hat mich natürlich gleich gefesselt. Zum einen ist allein die Betrachtung so langer Zeiträume mit vollkommen unter-schiedlichen Geldregimen sehr spannend. Zum anderen haben wir ja seit 2020 mit der Corona-Krise den rasanten globalen Umschwung zu wieder deutlich höheren Zinsen gesehen und es stellt sich die Frage, ob man aus der langen Zinshistorie etwas über das mögliche Ausmaß und die mögliche Dauer der aktuellen Zinssteigerungstenden-zen ableiten kann. Dafür habe ich die Daten von Schmelzing bis ins Jahr 2026 hinein ergänzt. Zum Einstieg erstmal die o.a. Grafik zur langfristigen Zinsentwicklung.

Die sogenannte ‚Global Sovereign Rate‘ wird von Schmelzing aus allen verfügbaren Renditen langfristiger Schuldtitel aus acht Industrieländern ermittelt (United Kingdom, USA, Deutschland, Italien, Niederlande, Spanien, Frankreich, Japan), jeweils gewichtet anhand der histori-schen BIP-Anteile (die Hyperinflationsjahre in Deutschland von 1919 bis 1923 sind ausgeklammert). Vor der Einfüh-rung einer konsolidierten Staatsverschuldung handelt es sich dabei v.a. um Datenpunkte zu kommunalen und privaten Anleihen (z.B. von Bankiers herausgegeben an Fürsten etc.), die fast immer mit Sicherheiten wie Schmuck oder Grundbesitzt besichert waren. In diesen Renditen können zwar auch Risikoaufschläge für erhöhte Ausfall- oder Abwicklungsrisiken enthalten sein. Der rückläufige Trend über die Jahrhunderte dürfte aber eher mit der Entstehung geordneter Kapitalmärkte mit entsprechenden Regularien zusammenhängen.

Dagegen gibt eine zweite Zeitreihe von Schmelzing die Rendite für ‚sichere‘ Anlagen wieder (von Staatsgebilden, als Safe Asset Provider bezeichnet). Im gesamten Zeitraum von 707 Jahren gab es nach Angaben von Schmelzing keine Komplettausfälle in diesen Anleihen (allerdings Zahlungsverzögerungen und häufig wurden Teile nicht zurückgezahlt). Sie wurden gemäß der geschichtlichen Abfolge der vorherrschenden Hegemonialmächte begeben von den italienischen Stadtstaaten (Venedig, Florenz, Siena und Genua), Spanien des 16. Jahrhunderts, den Nieder-landen des 17. Jahrhunderts und England bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Danach verwendet Schmelzing lang-fristige Staatsanleihen aus Deutschland und v.a. den USA (damit ab 2014 auch höher als die globalen Zinsen).

Überraschend liegen die Renditen für ‚sichere‘ Anlagen in früheren Hochzinsphasen wie 1439 bis 1479 deutlich über der globalen Gesamtkapitalrendite. Dies hat nichts mit dem Wechsel der Zinsdaten auf das Spanische Kolonialreich zu tun, der erfolgt in den Daten erst ab 1509. Wohl schon eher mit dem Hunderjährigen Krieg bis 1453, den Machtkämpfen

der italienischen Stadtstaaten, der Bedrohung durch das Osmanische Reich sowie der ausgeprägten Edelmetall-knappheit der Bullion-Famine-Periode. Im späten Mittel-alter/beginnender Neuzeit waren gerade Schuldtitel von Fürsten und Königen daneben mit hohen Unsicherheiten sowie völliger Illiquidität verbunden. Dagegen erschienen die besicherten privaten Kredite wohl zum Teil sicherer.

Der klar rückläufige Trend bei der Rendite für ‚sichere‘ Anlagen ist aber genauso erkenntlich, mit einer etwas geringeren Steigung. Bonitätsverbesserungen der Schuld-ner können also nur ein Teil der Gründe für den trendmäßi-gen Zinsrückgang sein. Daneben fällt einem als erstes die Geldentwertung als möglichen Treiber ein: In der Vergan-genheit hat es mit all den Kriegen und Währungskrisen doch sicherlich eine deutlich höhere Inflationsrate gegeben als heute? Die von Schmelzing verwendeten, wohl breit anerkannten, Daten für die Inflation der vergangenen Jahr-hunderte bieten da (zumindest für mich) eine Überra-schung: Abgesehen von enormen Schwankungen waren die historischen Inflationsraten im Schnitt mit 1,5% gar nicht höher als heute. Im Gegenteil stechen die drei Schübe der beiden Weltkriege und in Folge des Ölpreis-Schocks 1974 bis 1981 hervor. 

Die früheren Währungen waren meistens an physische Rohstoffe wie Gold und Silber gebunden. Da z.B. Gold  aber nicht einfach zu vermehren war, blieb die Geldmenge relativ stabil. Wenn die Wirtschaft schneller wuchs als die Geldmenge, musste das allgemeine Preisniveau daher sinken. Daher kamen auch die häufig zu beobachteten Deflationen (bis 1850 waren die jährlichen Inflationsraten zu 46% negativ!). Auch nach Kriegen und Währungsre-formen ging man unter strikter Kürzung der Geldmenge (was erhebliche Wirtschaftsschocks auslöste) rasch wieder zu einer Golddeckung über. Schmelzimg weist noch darauf hin, dass die Periode nach dem zweiten Weltkrieg der längste historische Zeitraum ist, in dem es bis ins Jahr 2009 keine Deflation gab.

Die hohe Volatilität in den Teuerungsraten der Vergangen-heit erklärt sich daneben durch Angebotsschocks, indem Wetter, Erntemengen (v.a. beim Weizen) und die Verfügbar-keit der Handelswege erheblichen Schwankungen unter-worfen waren. Auf die geforderten Zinsen für langfristige Anlagen hatte die Inflation daneben einen geringeren Einfluss, da Zins- und Tilgungszahlungen bis 1700 in der Regel auf Edelmetallbasis geleistet werden mussten. Eine größere Bedeutung kam dagegen der Entdeckung bzw. Verfügung über neue große Gold- und Silberbestände zu (Silberimporte aus Südamerika ab Mitte des 16. Jahrhun-derts, Goldrausch in Kalifornien und Kanada ab 1848).

Der rückläufige Trend der Nominalzinsen überträgt sich damit automatisch auch auf die Realzinsen. Diese sind für die globale Zinsreihe von 11,0% im Schnitt des 14. und 15. Jahrhunderts, über 7,0% im 16./17. Jahrhundert auf 4,5% im 18./19. Jahrhundert gefallen. Im 20. Jahrhundert verzerren natürlich die beiden Weltkriegs-Teuerungs-schübe. Klammert man diese aus, so errechnet sich ein Realzinsschnitt von 1900 bis heute von 2,2%. Diese Erkenntnis widerspricht damit fundamental der in früheren Theorien angenommenen Schwankungen des Realzinses um einen stabilen Mittelwert, da dieser nur durch reale Faktoren wie Sparen und Investieren bestimmt sei. Heute ist weitgehend anerkannt, dass der Realzins (zumindest in der jüngeren Vergangnheit) empirisch deutlich gefallen ist. Ein derart langer Beobachtungshorizont wie bei Schmelzing wurde aber nie zuvor untersucht.

Schmelzing führt auch aus, dass mehr als die Hälfte des Trendrückgangs in den Realzinsen nicht durch einen Rückgang der Risikoprämien zu erklären sei. Als weitere Gründe werden von ihm vor allem Vermögenseffekte (in ruhigeren Zeiten werden mit negativer Wirkung auf die Zinsen mehr Anlagemöglichkeiten gesucht), der Trend zu stabileren Finanzsystemen bzw. modernen Staatsformen (höhere Markliquidität und Rechtsstaatlichkeit) sowie der Effekt der Geldknappheit angegeben (inflationstreibende Wirkung dagegen durch neu erschlossene Quellen an Gold und Silber). Als Beleg wird zum Beispiel in ausgewählten Zeiträumen die Anzahl Gefallener pro Million europäischer Einwohner mit einem hohen Realzinsniveau in Verbindung gebracht. Ansonsten werden eher Vermutungen angestellt bzw. die ‚klassischen‘ Erklärungsversuche über zu schwache demografische Entwicklung bzw. zu geringes Wachstum in Frage gestellt.

Nach dem Artikel von Rossi, Schmelzing und Rogoff (NBER Working Paper Nr. 30475 von Oktober 2022) korrelieren sowohl die langfristigen Trends in der Bevöl-kerungsentwicklung als auch das Produktionswachstum auf lange Sicht sogar negativ mit den neuen Realzins-Daten von Schmelzing. Bemerkenswert sei dabei, dass der trend-mäßige Rückgang der Realzinsen sich über die verschie-densten Währungs-, politischen und fiskalischen Systeme hinweg gezeigt hätte. Erst für die neuere Geschichte sei der Einfluss der Geldpolitik relevant bzw. die üblichen Erklärungen nachweisbar über Geldschwemme durch höhere Ersparnisse der alternden Bevölkerung, globalem (Preis-)Wettbewerb sowie geringerem Produktivitätswachs-tum. Durch diese Sichtweise wurde auch die Interpretation einer ‚säkularen Stagnation‘ (Lawrance Summers, 2013) geprägt, dass die niedrigen Zinsen der letzten Jahrzehnte ein besonderes Phänomen und mit Zinssenkungen der Notenbanken und einer Nachfragestimulierung zu beant-worten seien.

Schmelzing arbeitet dagegen sehr deutlich heraus, dass der Trend sinkender Realzinsen schon seit Jahrhunderten anhält und die letzte Niedrigzinsphase keine Anomalie, sondern die Fortsetzung dieses Musters ist. Zinsen nahe Null waren demnach historisch zu erwarten gewesen und sollten damit im Prinzip auch anhalten. So beschäftigt sich Schmelzing in seinem Paper auch hauptsächlich mit den Phasen der Geschichte, in denen die (Real-)Zinsen bereits über einen sehr langen Zeitraum hinweg abwärts tendierten („Zins-Depressions-Zyklen“). In einer früheren Ausarbeitung identifizierte Schmelzing acht solcher Phasen, in dem BoE-Paper sind es noch sechs für die Realzinsreihe der ‚sicheren‘ Assets. Dort wird von einer durchschnittlichen Dauer von 26 Jahren berichtet. Die (im Jahr 2020 noch laufende) letzte Phase würde mit 36 Jahren damit schon länger anhalten als der historische Schnitt und den Real-zins im Jahr 2014/15 wieder genau auf den historischen Trend absinken lassen.

    Datenquelle: Paul Schmelzing, Bank of England Staff Working Paper Nr. 845, eigene Berechnungen mit Ergänzungen von 2019-2026
Ich habe dies für beide Realzins-Reihen nachvollzogen, komme aber auf eine durchschnittliche Dauer von 34 Jahren, da ich erst den Zeitpunkt heranziehe, ab dem die Realzinsen dauerhaft wieder angestiegen sind (leichte Verschiebungen zudem, da ich den 7-Jahres Durchschnitt der Inflationsrate vom jeweiligen Nominalzins des Jahres abziehe, nicht ebenfalls vom seinem 7-Jahres Schnitt wie Schmelzing).Die Ergebnisse sind in der Tabelle und in der o.a. Grafik wiedergegeben für die globale Gesamtkapital-rendite, veranschaulicht durch die grüne Markierung (zur besseren Lesbarkeit über 11 Jahre geglättet). Der histori-sche Realzinsrückgang dieser Zinsdepressions-Phasen lag demnach im Schnitt bei 8,9 Prozentpunkten, was ziemlich genau dem letzten Zyklus von 1984 bis 2020 entspricht!

Interessant sind für mich aber vor allem die Gegenbewe-gungen im Anschluss an diese Zinsdepressions-Phasen. Gemäß meiner Auswertung belaufen sich diese bis zum nächsten Realzinshochpunkt auf im Schnitt 15 Jahre bei einer Zinserhöhung um 6,4 Prozentpunkte. Ich beziehe mich im Folgenden nur noch auf die Reihe der globalen Gesamtkapitalrendite, da die weniger verzerrt ist. So steigen die Realzinsen nach dem Tiefpunkt in der Regel sehr schnell und deutlich. In der Vergangenheit innerhalb von 2 Jahren direkt um 2,2 Prozentpunkte, häufig ausgelöst durch geopolitische Ereignisse oder Katastrophen. Im aktuellen Zinszyklus war der Auslöser die Corona-Pan-demie gefolgt von den aufflammenden Kriegen der Welt-mächte

Schmelzing konnte von dem Auslöser dieser Zinswende noch nichts wissen. Allerdings erscheint sie rückblickend als statistisch vollkommen erwartbar! Als erste Schlussfol-  

gerung kann hier schon mal festgehalten werden, dass die Phase jahrzehntelang sinkender (Real-)Zinsen 2020 definitiv zu Ende gegangen ist, vollkommen im Einklang mit der Historie seit dem Jahr 1317. Inhaltlich interpretieren ließe sich diese Phase in Anlehnung an Joachim Fels durch Analogie zur letzten Zinsdepressions-Phase Ende des 19. Jahrhunderts, in der es nach Jahren eines weltweiten Investitionsrauschs im Eisenbahnsektor (heute: Digitalisie-rung und globalisierung) zu zwei Jahrzehnten mit geringem Produktivitätswachstum (analog der Produktivitätskrise 2010 – 2014), deflationärer Preisdynamik (in Folge der Weltfinanzkrise ab 2009) sowie einem weltweiten Anstieg von Populismus und Protektionismus gekommen war („Large Depression“). Diese endete mit steigender Produktivität und der Entdeckung von Gold am Klondike (heute: KI?), was zu monetärer Expansion und Preissteigerung führte sowie der Wahl eines republikani-schen, unternehmerfreundlichen Protektionisten zum US-Präsidenten im Jahr 1896 (heute Donald Trump).

Was ist in Zukunft zu erwarten? Schmelzing legt sein Hauptaugenmerk auf den sinkenden Trend der Realzinsen und erwartet auf längere Sicht weiterhin niedrige bzw. sogar dauerhaft negative Realzinsen (die Trendgerade in der o.a. Grafik erreicht im Jahr 2065 den Nullpunkt). Der Inflationsschub der 1970er Jahre und die nachfolgenden hohen Zinsen seien eher eine Ausnahme vom Trend sink-ender Realzinsen gewesen. Auf weitere Aspekte, dass die zunehmend effizienten Kapitalmärkte und die immer weiter abnehmenden Realzinsen bis zu Negativzinsen die stei-gende Staatsverschuldung auffangen würden (zu Lasten der Kapitalgeber), gehe ich hier aus Platzgründen nicht weiter ein.

Ich schaue mehr auf die historischen Gegenbewegungen. Werden die Verläufe ab dem jeweiligen Tiefpunkt der identifizierten Zinsdepressions-Phasen an den aktuellen Tiefpunkt des Realzinses im Jahr 2020 angehängt, so ergeben sich die Realzinsverläufe der obigen Grafik. Der Verlauf der Jahre 1902 bis 1924 ist dabei als Ausreißer ausgeklammert, da der erste Weltkrieg zu einem extremen Absinken und Wiederanstieg geführt hat, der den Schnitt nach unten wie nach oben stark verzerren würde. Aus den verbleibenden 6 historischen Verläufen ist der Durchschnitt ab 2021 ebenfalls in der Grafik als braune Linie verzeich-net.

Und jetzt muss ich einfach mal tief durchatmen: Der reali-sierte Realzinsverlauf ab 2021 entspricht ziemlich genau dem erwarteten Realzins (für 2025 realisiert wie auch abge-leitet aus den historischen Daten bei -0,5%), allein statis-tisch ermittelt aus seiner 700-jährigen Geschichte! Das kann wohl kein reiner Zufall sein. Und jetzt wird es natürlich erst so richtig spannend: Für den zukünftigen Verlauf zeigt uns die Historie, dass der Realzins erst mal weiter steigen sollte. Auf 2,3% im Jahr 2027, um dann bis ins Jahr 2038 auf hohem Niveau von im Schnitt 1,4% zu verbleiben (der aktuelle Realzins liegt nur bei 0,7%). Also stehen uns jetzt mindestens 10 weitere Jahre hoher Realzinsen bevor?

In der letzten Grafik habe ich ein mögliches Szenario für die additive Zerlegung der Realzins-‚Prognose‘ wiedergege-ben. Unterstellt ist dabei, dass sich die (globalen) Inflations-raten von 3,2% in 2026 langsam entspannen und ab 2032 bei 2,0% angekommen sind. Unter dieser optimistischen Annahme würden sich aus dem erwarteten Realzinsverlauf nominale Globalzinssätze von 5,3% in der Spitze für 2027 ergeben (aktuell bei 4,0%), die in der Folge unter Schwan-kungen erst 2034 nachhaltig unter 4% zurückgehen. Legt man pessimistischere Inflationsszenarien zugrunde, so lägen die Nominalzinsen entsprechend noch höher.

Das erscheint mir keine unplausible Entwicklung: Der aktuelle Inflationsdruck, steigende Energiepreise, die Deglobalisierung, das geringere Arbeitsangebot und insbe-sondere die galoppierende Staatsverschuldung in den Industrieländern sollten die Real- und Nominalzinsen noch eine Weile nach oben drücken. Vielleicht droht auch ein genereller Niedergang westlicher Demokratien, der ziemlich sicher mit hohen Zinssteigerungen verbunden wäre. Auf der anderen Seite könnten mit den erwarteten Produktivitäts-steigerungen durch die Künstliche Intelligenz auch wieder Zins-Entspannungen möglich sein, sofern die Zentralban-ken die Inflation in den Griff bekommen.

Für die Renditen der ‚sicheren‘ Anlage gilt im Prinzip das gleiche, wobei der deutlich höheren Volatilität in der Ver-gangenheit Rechnung getragen werden muss (die Stand-ardabweichung dieser Realrenditen beträgt bis 1900 hohe 4,3%, für den Zeitraum 1900 bis 2026 unter Ausklamme-rung der Weltkriege nur 2,1%). Der durchschnittliche Anstieg der Realrenditen in den Gegenbewegungsphasen beträgt damit auch 12,3 Prozentpunkte, was für die ‚Prognose‘ am aktuellen Rand erst mit dem Faktor 2,1/4,3 herunterskaliert werden muss, um auf plausible Werte zu kommen. Aus diesem Grund habe ich für die obigen Aus-führungen auch die globale Zinsdatenreihe verwendet, bei der keine derartige Skalierung erforderlich ist (Verhältnis der Standardabweichungen bis/ab 1900 von 3,5 zu 3,6% ohne jegliche Datenkorrektur).

Als zweite zentrale Feststellung muss also im Einklang mit der 700-jährigen Realzinsgeschichte erwartet werden, dass wir uns seit 2020 mitten in einer Gegenbewegungs-phase befinden, welche die Nominal- und Realzinsen im Schnitt über mindestens 15 Jahre um insgesamt bis zu 5-6% nach oben treiben könnte. Eine doch relativ langanhal-tende ‚Hochzinsphase‘ nach den Erfahrungen der tiefen Zinsen der 2000er Jahre!

Hinweise: 

Sehr gerne Kommentare und Themenvorschläge an matthiashillmer@deutschlandpositiv.de oder in LinkedIn (www.linkedin.com/in/matthias-hillmer-geno), wo ich die Newsletter-Themen auch immer kurz vorstellen werde. Alle Ausgaben des Newsletters sind unter www.deutschlandpositiv.de zu finden.

Die Recherche der Themen erfolgt nach bestem Wissen und Gewissen. Quellen der Daten werden so weit wie möglich immer angehen. Für die Richtigkeit der Darstellung kann ich natürlich keine absolute Verantwortung übernehmen. Daher bitte auch keine weitere Verwendung als Newsletter-Zitat

Wenn Sie diese E-Mail (an: matthiashillmer@deutschlandpositiv.de) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier kostenlos abbestellen.
 
Impressum
Dr. Matthias Hillmer
Schillerstraße 34a
64625 Bensheim
Deutschland

matthiashillmer@deutschlandpositiv.de