In aller Kürze
- Generative KI hat sich mit den großen Sprachmodellen (LLMs) bereits weitgehend durchgesetzt. Im gegenseitigen Wettlauf wollen v.a. die Cloud-Giganten (Hyperscaler wie Amazon, Microsoft, Alphabet/Google und Meta) in 2026 zusätzlich bis zu 725 Mrd. USD in KI-Infrastruktur und den Bau von Rechenzenten investieren, um die enorme Nachfrage nach Rechenleistung bedienen zu können. Der Entwickler spezieller Grafikprozessoren Nvidia aber auch die Produzenten herkömmlicher Speicherchips erleben dabei astronomische Gewinnsteigerungen. Zusammen mit den großen KI-Laboren wie OpenAI und Anthropic ist in den USA ein KI-Boom mit vielfältigen, gegenseitigen Abhän-gigkeiten entstanden. Zum hohen Gewinnwachstum der gesamten S&P 500-Unternehen im ersten Quartal 2026 hat die Tech-Branche rund 80% beigetragen. Allein im April und Mai ist der der amerikanische Technologie-Index Nasdaq um bis zu 28% angestiegen.
- Aber auch Branchen jenseits der IT-Technologie wie die Bauindustrie und die Energiewirtschaft profitieren deutlich vom KI-Boom, da KI-Rechenzentren einen enormen Strombedarf haben. In den letzten Monaten ist die große KI-Euphorie aber etwas abgeklungen. Begonnen hatte die Skepsis bezüglich der positiven Breitenwirkung der Künst-lichen Intelligenz zu Beginn des Jahres, als viele KI-Agenten veröffentlich wurden, die Routineaufgaben und vor allem das Software-Programmieren automatisieren. Branchen mit einem hohen Anteil an repetitiven, datenintensiven und prozessgetriebenen Bürotätigkeiten gerieten dadurch unter Transformations- und Anpassungsdruck. Vor allem die Softwarebranche hat mit dem Wegbrechen klassischer, auf Arbeitsstunden basierender Geschäftsmodelle im ersten Halbjahr 2026 an den Börsen 30% bis 50% Kursverluste erlitten.
- Trotz weiterhin guter Fundamentaldaten und hoher Steigerungen bei den tatsächlichen Gewinnen der Tech-Gigan-ten und der Chip-Entwickler hat in den letzten Wochen eine größere Skepsis bezüglich der Rentabilität der KI-Inves-titionen eingesetzt. Da die sehr hohen Bewertungen auf ausgeprägten Wachstums- und Gewinnerwartungen in der Zukunft basieren, schlagen sich geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheiten, technologische Disruptionen (zunehmende Konkurrenz aus China mit leistungsfähigen Open Source-Modellen) und auch die steigenden Zinsen sehr schnell auf deren Marktwerte durch. Der Nasdaq hat in den letzten 6 Wochen knapp 10% an Wert eingebüßt.
- Mit zu einer Belastung hat möglicherwiese auch der bislang größte Börsengang der Tech-Firma SpaceX von Elon Musk geführt. Insbesondere, da weitere voluminöse IPOs von Anthropic und OpenAI sowie neue Bond-Emissionen und Kapitalerhöhungen der Hyperscaler erwartet werden. Daneben haben viele kommerzielle Anwender mittlerweile realisiert, dass die nach Token (Anzahl der Wörtereingaben und -ausgaben) abrechnenden neusten Modelle schnell teuer werden. Daneben werden immer mehr KI-Modelle aus China veröffentlicht, die frei verfügbar sind. Laut einer Studie der UBS drosseln bereits 60% der Unternehmen bewusst ihre KI-Ausgaben wegen der ausufernden Kosten.
- Die Frage drängt sich auf, ob es sich bei der aktuellen Eintrübung bereits um die in allen großen Hype-Zyklen auftretende Ernüchterungsphase handelt. Dieser Zwischeneinbruch in Innovationszyklen folgt gemäß dem Gartner Hype Cycle auf den Gipfel der überzogenen Erwartungen, da die Innovation ihre unrealistischen Versprechen nicht sofort erfüllt. Nach diesem Tal führt dann aber die Konzentration auf echte, wirtschaftliche Anwendungen auf einen stabilen und nachhaltigen Wachstumspfad und die Technologie entfaltet auf vielfältige Weise eine große Breiten-wirkung. Zumindest die großen Sprachmodelle und teilweise KI-Agenten dürften schon in die Phase der Enttäuschung eingetreten sein.
- Das langfristig enorme Potenzial der KI-Revolution spricht aber dafür, dass der eigentliche wirtschaftliche Hebel in einer zweiten Welle noch vor uns steht. Kleinere und spezialisierte KI-Modelle werden immer gezielter eingesetzt. Der tatsächliche Nutzen, das Überprüfen der Ergebnisse und Resilienz-Aspekte spielen zunehmend eine Rolle. Damit wird der Bedarf an Chips auch zukünftig weiter massiv wachsen und die technische Entwicklung bleibt definitiv ein Treiber (energiesparende Chip-Generationen, Graphen statt Silizium als Trägermaterial, Datenübertragung per Lichtwellen etc.). Eine besondere Bedeutung wird dem KI-Einsatz in Industrieprozessen zukommen (physische KI, Mensch-Maschine-Kollaboration). Hier hat Deutschland einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil durch das große Ingenieurswissen und die Verfügbarkeit mannigfaltiger Produktionsdaten. Dazu und zu weiteren Aspekten mehr in den folgenden Ausgaben der KI-Reihe.
Bensheim, 30.07.2026