In aller Kürze
- Die überschießende Entwicklung des Goldpreises in den letzten Jahren lässt sich fundamental am besten mit zwei Faktoren erklären. Zum einen durch die stark gestiegene Unsicherheit der Wirtschaftsteilnehmer durch die weltweiten Krisen und geopolitischen Umwälzungen: Der EPU-Unsicherheitsindex (Economic Policy Uncertainty) erreichte mit der Wiederwahl Trumps und v.a. den Zoll-Eskapaden vom Frühjahr 2025 einen extremen, historisch nie gesehenen Risikowert. Der zweite Faktor ist die massiv erhöhte Nachfrage nach Gold für die Währungsreserven der Zentral-banken. In den letzten 4 Jahren haben die internationalen Notenbanken im Schnitt jeweils über 1.000 Tonnen Gold netto neu erworben, doppelt so viel wie im Durchschnitt der vorangegangenen Dekade.
- Den absoluten Hochpunkt erreichte die Goldpreis-Hausse im Februar dieses Jahres bei einem Stand von 5.394 USD/Feinunze. Dieses Niveau lässt sich rückblickend aber nur noch durch den Zufluss spekulativer Gelder von Investoren erklären, die 801 Tonnen Gold im Gesamtjahr 2025 allein in Gold-ETS angelegt hatten. Ein kleines Modell mit dem EPU-Unsicherheitsindex zeigt auch, dass bis Ende 2025 nur ein Goldpreis von 3.500 USD und im März/April 2026 von maximal 4.270 $ angemessen gewesen wäre. Diese Überbewertung wurde jetzt mit einem deutlichen Kurs-rückgang von über ./. 25% auf bis unter 4.000 USD Ende Juni abgebaut.
- Nach der Korrektur (auf die mit dem Iran-Krieg verbundenen Kapitalmarktturbulenzen wurde eher mit Gewinnreali-sierungen auf die liquiden Goldbestände reagiert) passt das derzeitige Goldpreisniveau von 4.100 bis 4.200 US-Dollar wieder zum makroökonomischen Umfeld. Kurzfristig könnte der Druck auf den Goldpreis noch etwas anhalten. Mit den gestiegenen Energie- und Chippreisen könnten die Notenbanken gezwungen sein, die Zinsen (weiter) zu erhöhen, was den Goldkurs tendenziell belastet. Auch hat sich das Unsicherheitslevel mit der (vorrübergehenden) Entspannung im Iran-Krieg schon wieder etwas entspannt.
- Dennoch gibt es gute Argumente dafür, dass der Goldpreis auf Sicht eher wieder steigen wird. Mit der fragilen geopolitischen Lage und den Midterm-Elections in den USA im November ist immer mit Überraschungen und neuen Verwerfungen zu rechnen. Auch scheint in den USA die Stimmung schon wieder umzuschlagen und die bislang erwarteten Zinserhöhungen der FED womöglich ganz ausbleiben. Den entscheidenden Einfluss auf die längeren Goldperspektiven sollte aber die Nachfrage der Zentralbanken entfalten. Gemäß der jüngsten Umfrage des World Gold Council erwarten 89% der befragten Notenbanken, dass die globalen Goldreserven der Zentralbanken in den kommenden zwölf Monaten ansteigen werden. Auffallend ist hier, dass es v.a. die Schwellen- und Entwicklungsländer sind, die jetzt verstärkt Gold für ihre Währungsreserven nachfragen. Konkret planen 53% dieser Notenbanken, die eigenen Goldreserven aufzustocken – so viel wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2018.
- Gold wird damit zunehmend als das ultimative Sicherheits-Asset angesehen, das nicht wie eine Papierwährung völlig entwertet werden kann, sondern als langfristiger Wertspeicher dient und in Krisenzeiten die eigene Währung stützen kann. Für 95% der Schwellen- und Entwicklungsländer ist die Absicherung gegen geopolitische Instabilität das Hauptmotiv der staatlichen Goldnachfrage. Die zunehmende Diversifikation der Währungsreserven zeigt sich bereits: Machte der Goldanteil an den weltweiten Reserven der Notenbanken in den Jahren 2000 bis 2020 noch 10-15% aus, so ist dieser Anteil in 2025 bereits auf 27% angestiegen. Das ist mehr, als bislang in US-Staatsanleihen als vermeintlich sicherste Anlageform gehalten wurde. Mit der ausufernden Staatsverschuldung und den handelspoli-tischen Abschottungstendenzen ist verständlich, dass viele Länder nach größerer Unabhängigkeit vom westlich dominierten Finanzsystem und dem US-Dollar als Leitwährung streben.
Bensheim, 09.07.2026
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