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NEWSLETTER 11/2026:
Wälder bewusst aus jeglicher Nutzung herausnehmen:              Urwald in Deutschland?

Im Osten von Darmstadt soll sich ein 247 Hektar großes Waldstück zu einem echten Urwald entwickeln. Dafür wird das Waldgebiet völlig der Natur überlassen, das vorher von Menschenhand geschaffen und bewirtschaftet wurde. Nur ein Beispiel für die zahlreichen Bestrebungen, Wälder ganz aus der Nutzung herauszunehmen. Eine neue in Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass sich tropische Regenwälder schneller regenerieren können als bisher angenommen: Auf ehema-ligen Weiden und Plantagen in Ecuador konnten sich innerhalb von ca. 30 Jahren eine Arten-vielfalt entwickeln, die zu etwa 75 % der ursprünglichen Biodiversität entspricht. Aber kann in Deutschland ‚Urwald‘ entstehen und in welchem Ausmaß ist das sinnvoll? Unser heutiger Wald ist bereits weitgehend von Menschen gemacht und gegen den Klimawandel sind wahrscheinlich andere Arten von Wäldern resistenter, als die ursprünglich einmal wuchsen. Daneben wird Holz als natürlicher und kohlenstoffspeichernder Rohstoff eher noch mehr benötigt als bisher.

Anteil von Wäldern mit natürlicher Entwicklung in den          Bundesländern, Quelle: NABU Hessen 2020
Deutschland ist eines der waldreichsten Länder der EU und zu 32% mit Wald bedeckt. Knapp die Hälfte davon befindet sich mit 48 Prozent im Privateigentum, überwiegend klein-strukturiert und zersplittert. Knapp 29% der Waldfläche besitzen die Länder. Staatswald im Eigentum des Bundes sind nur 3%, vor allem militärisch genutzte Flächen. Dagegen macht der Anteil des Waldes im Besitz von Kommunen und öffentlich-rechtlichen Körperschaften 20 Prozent aus. Die Frage, wieviel von der gesamten Wald-fläche in Deutschland bereits ganz aus der Nutzung aus-genommen ist, kann gar nicht so leicht beantwortet werden und hängt nicht zuletzt von den Eigentumsverhältnissen ab. Auf Basis von Schätzungen sind ca. 3% des privaten Wal-des nicht nutzbar oder freiwillig nicht bewirtschaftet.

Bei den Landes- und Bundeswäldern wird dagegen bereits ein größerer Anteil bewusst von Eingriffen des Menschen ausgenommen. So haben sich zum Beispiel Baden-Württemberg und Hessen das Ziel gesetzt, 10% des Staatswaldes als Naturentwicklungsflächen sich selbst zu überlassen (laut Hessen Forst ist das Ziel auch bereits erreicht). Hierbei handelt es sich überwiegend um ge-schützte Nationalparks und Naturwaldreservate. Diese sind rechtlich verbindlich von jeder Nutzung vollkommen ausge-nommen, sogenannter Naturwald im Prozessschutz. Dage-gen können aber Wälder z.B. in Biosphärenreservaten oder außerhalb von geschützten Kernzonen grundsätzlich auch bewirtschaftet werden. Bei Wäldern im Kommunalbesitz ist der geschützte Anteil mit etwa 1-2 Prozent deutlich gerin-ger: Die Bewirtschaftung des Waldes ist für die Gemeinde-finanzen vor allem in waldreichen Regionen häufig ein wichtiger, historisch gewachsener Wirtschaftsfaktor.

Damit wird verständlich, dass eindeutige Aussagen über den Anteil geschützten Waldes in ganz Deutschland kaum zu finden sind. Meist wird von Größenordnungen von 3-4%

aller Wälder ausgegangen, die komplett stillgelegt sind. Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt der Bundesre-gierung aus dem Jahr 2007 sah vor, einen Anteil von 5 % der Waldfläche aus der Nutzung zu nehmen (Hessen hat dies wohl umgesetzt). Zumindest flächendeckend wurde dies bisher aber nicht erreicht und das Ziel daher 2024 bei der Fortschreibung der Strategie auch noch einmal be-stätigt.

Was soll mit der Schaffung von Naturwald in Deutschland bewirkt werden?  Wenn der Wald sich vollkommen selbst überlassen wird, können die natürliche Prozesse ungestört wirken. Dadurch erhofft man sich eine größere Artenvielfalt. In ungenutzten Wäldern entstehen durch das Älterwerden der Bäume und natürliche Alterungsphasen besondere Mikrohabitate. Vor allem Totholz dient unzähligen Pilzen, Insekten, Flechten, Moosen und Vögeln als essenzielle Lebens- und Nahrungsquelle. Abgestorbene Bäume speichern auch große Mengen an Feuchtigkeit und Nähr-stoffen im Boden, was zu einer höheren Klimaresistenz beiträgt. Durch die Rückentwicklung zu der unter den vorhandenen Boden- und Klimabedingungen ‚natürlichen‘ Bewaldung können zudem wichtige Erkenntnisse für den Klimaschutz gewonnen werden. Da der Naturwald in der Regel alle Baumentwicklungsphasen aufweist, besitzt er auch eine bessere Regenationsfähigkeit und sollte durch die Einstellung jeglicher Holzentnahme insgesamt mehr CO2 speichern können.

Selbst unter vollständiger Einstellung aller menschlichen Einflüsse wird aber in Deutschland kein echter ‚Urwald‘ entstehen können. Es werden immer Flächen innerhalb einer intensiv genutzten Kulturlandschaft bleiben, die von Menschen beeinflusst werden. Für eine umfassende Verbreitung einer ‚ursprünglichen‘ Fauna und Flora wären sehr große, zusammenhängende Flächen erforderlich. Von den bisher in Deutschland geschaffenen Naturwald-Entwicklungsflächen sind nur 2% größer als hundert Hektar. Nach Anhaben des Nabu Hessen gab es im Jahr 2020 überhaupt nur fünf Gebiete, die über 1.000 Hektar zusammenhängenden Waldes als Mindestgröße von Wildnisgebieten erreichen (Kernzonen der Nationalparke Bayerischer Wald, Harz und Schwarzwald, des Hainichs und des Reinhardwaldes).

Der jetzt neu bei Darmstadt geschützte Teil des Stadt-waldes östlich der Grube Prinz von Hessen hat z.B. (nur)

eine Fläche von 247 Hektar. Zum Vergleich: Das entspricht gerade mal 2% der Gesamtfläche des Stadtgebietes von Darmstadt. Da Wälder für den Menschen daneben einen sehr hohen Freizeit- und Erholungswert haben, werden gerade die Naturwälder auch nicht vollkommen für den Besucherverkehr gesperrt. Auf ausgezeichneten Wegen sollen die Menschen gerade die besondere ‚Wildnis‘ erle-ben können.

Bis dort etwas ‚Urwaldähnliches‘ zu bestaunen gibt, wird es aber noch eine gehörige Zeit dauern. Die Entwicklung zu einem echten, artenreichen Wildnisgebiet ist ein sehr lang-wieriger Prozess. Bäume wachsen nun mal langsam und bis ein Wald eine stabile, komplett durchmischte Alters- und Artenverteilung erreicht hat, vergehen Jahrhunderte. Nicht zu vergessen, dass zwischenzeitliche Lücken und Lich-tungen durch Sturmschäden, Trockenheit und Schäd-lingsbefall nicht zu vermeiden sind. Sie sind sogar wichtig um Raum für Nachwuchs und die natürliche Verjüngung zu geben.

So zeigt der Nationalpark Bayerischer Wald, der sich immerhin schon über ein halbes Jahrhundert in der Kern-zone selbst überlassen wurde, dass mit einem längeren Zeithorizont auch ein großer Borkenkäferbefall wie in den Jahren 1986 bis 1995 überwunden werden kann. Die in der Naturzone abgestorbenen Fichtenwälder wurden mittler-weile auf natürliche Weise durch einen entstehenden Naturwald mit Tannen und Buchen ersetzt. Zum Schutz der angrenzenden Wirtschaftswälder wird der Borkenkäfer aber in einer 500m breiten Schutzzone rund um den National-park streng überwacht und befallenes Holz konsequent entnommen. Ebenfalls werden Windbrüche in den Ent-wicklungszonen aufgearbeitet und so insgesamt den Be-fürchtungen der Anwohner Rechnung getragen.

Auch mit Blick auf den Zustand der (ehemaligen) Fichten-wälder z.B. im Harz muss man große Geduld aufbringen, um dem natürlichen Prozess Zeit zu geben. Inwiefern hier gezielte Aufforstungen mit der Neupflanzung tiefwurzelnder und trockenheitsresistenterer Baumarten (Rotbuche, Weiß-tanne, Bergahorn, Douglasie, Lärche) Sinn machen, ist umstritten. Mit einer raschen Wiederbewaldung soll der Boden vor Erosion geschützt und der Nährstoffkreislauf erhalten bleiben. Ob sich die neue Bewaldung ausreichend entwickelt, wird sich aber wieder erst über einen längeren Zeitraum erweisen.

                 Quelle: Vierte Bundeswaldagentur 2022, Veränderung im Vergleich zu 2012

Werden die Kahlflächen sich dagegen selbst überlassen und das entstandene Totholz als Erosionsschutz und Nähr-stoffquelle vor Ort gelassen, entsteht schrittweise eine Vegetation, die den sich wandelnden Bedingungen wahr-scheinlich besser angepasst ist. Bis hier allerdings Samen der hoffentlich klimastabileren Baumarten den Weg vom Süden (zum Teil über die Alpen) nach Norddeutschland gefunden haben, wird es eine längere Zeit dauern.

Dass es unter guten Bedingungen aber auch viel schneller gehen kann als bisher vermutet, zeigt eine aktuelle Studie, an der die TU Darmstadt beteiligt war und die im April in Nature veröffentlich wurde. Ein internationales Forschungs-team hat auf insgesamt 62 Flächen im Tieflandregenwald von Ecuador untersucht, wie schnell sich die Tier- und Pflanzenwelt auf bislang bewirtschafteten Flächen regene-riert. Bisher war man davon ausgegangen, dass ein Regen-wald mindestens 200 Jahre braucht, um sich wieder zu erholen.

Die Forscher haben nun aber festgestellt, dass sich auf ehemaligen Weiden und Plantagen bereits nach ca. 30 Jahren eine artenreiche Waldstruktur entwickeln kann, die zu etwa 75 % der ursprünglichen Biodiversität entspricht. Die Häufigkeit, dass eine Art überhaupt wieder auftritt, erholte sich sogar auf mehr als 90 Prozent des ursprüng-lichen Niveaus. Besonders Vögel und Fledermäuse förder-ten dabei die Rückkehr von Baumarten durch ihre Samen-ausbreitung. Förderlich war sicher auch, dass es auf den aufgelassenen Flächen noch schattenspende Bäume und 

noch Naturwald in relativer Nähe gab. Dennoch ist das ein überraschend positives Ergebnis, das Mut macht für die weltweit bereits mehr als die Hälfte zerstörten tropischen Wälder.

Zurück zum deutschen ‚Urwald‘. Große zusammenhän-gende Flächen an Naturwald sind im dichtbesiedelten Deutschland sicher nur in den Nationalparks möglich. Sollte in den Wirtschaftswäldern aber deutlich mehr Fläche voll-kommen der Natur überlassen werden? Hier gehen die Meinungen auseinander. Es gibt Untersuchungen die nahe-legen, dass in reinen 
Naturwäldern nicht mehr Biomasse erzeugt wird als in bewirtschafteten Wäldern.

Der jährliche Biomassezuwachs (die Produktionsleistung) kann in nachhaltig bewirtschafteten Wäldern sogar höher sein. Der Grund dafür ist, dass durch die gezielte Entnah-me reifer Bäume (d.h. vor ihrem Absterben und der CO2-Wiederfreigabe) das Wachstum verbleibender jüngerer Bäume gefördert wird. Eine Studie unter Mitwirkung des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) aus dem Jahr 2023 zeigt, dass in unbewirtschafteten Waldbeständen 30-40 % der gesamten Holzproduktion durch konkurrenzbe-dingte Mortalität zu Totholz wird. Wird das Holz aber ge-schlagen und möglichst lange genutzt (nicht verbrannt!), so vergrößern die nachwachsenden Bäume sogar die ge-samte Biomasse. Dazu kommt, dass in reifen Naturwäldern häufig Baumarten dominieren, die anderen Pflanzen viel Licht nehmen (wie z.B. die Buche) und daher dunkle Wäl-der mit weniger Bodenbewuchs vorherrschen.

Quelle: Vierte Bundeswaldagentur 2022

Andere Studien weisen aber darauf hin, dass die CO2-Speicherfähigkeit von Naturwäldern nicht vor allem auf der Vegetation, sondern auf dem Boden beruht. Ungenutzte Wälder reichern über Jahrhunderte hinweg deutlich mehr Totholz, Humus und gebundenen Kohlenstoff im Boden an als Forste. Urwäldern vermögen deshalb in Summe aus lebender und toter Biomasse über 70% mehr an Kohlen-stoff zu speichern (Science, 19.03.2026). Hinzu kommen natürlich die Vorteile bezüglich der Biodiversität und dem Schutz wertvoller Genressourcen. Die letzten ‚echten‘ Urwälder, die es in Europa nur noch in den Karpaten, in Polen/Weißrussland und in Skandinavien gibt, sollten auf jeden Fall bewahrt werden.

Für Deutschland wird dagegen im Allgemeinen die Meinung vertreten, dass für die Mehrzahl der Wälder eine nachhal-tige Bewirtschaftung in Summe sinnvoller ist, als eine Ausweisung vieler, unzusammenhängender Naturwald-Gebiete. Der Grund ist ganz einfach der Holzbedarf unserer Gesellschaft. Holz ist ein klimafreundlicher, langlebiger Baustoff und auch das Heizen mit Holz (zumindest mit Holzabfällen) ist fossilen Energieträgern vorzuziehen und klimaneutral, sofern genug Holz von der Natur nachprodu-ziert wird. Und da haben sinnvoll bewirtschaftete Wälder bei uns sicher Vorteile gegenüber dem Holz, das umweltbe-lastend aus Ländern importiert werden muss, in denen die Kaltschlagwirtschaft noch vorherrscht.

In Deutschland werden insgesamt pro Jahr etwa 60 bis 80 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen. Davon werden ja nach Marktlage und Schadholzaufkommen (z.B. durch Borkenkäfer) um die 10% exportiert. Die verbleibende Ver-wendung im Inland geht zu ca. 55% in die Sägeindustrie (für Bau- und Möbelholz), ca. 20% in die Holzwerkstoff- und Papierindustrie und zu 15% als Brennholz in die energe-tische Nutzung. Importiert werden müssen aber immer 

noch um die 7% des gesamten Holzbedarfes. Das zeigt die hohe Bedeutung von Holz als Rohstoff in Deutschland

Dafür muss also im Wald also genug (nach-)produziert werden. Eine nachhaltige Bewirtschaftung versucht, ältere (oder angeschlagene bzw. störende) Bäume so zu ent-nehmen, dass ein Mischwald mit guter Altersdurchmi-schung entsteht. Wertvolle Habitatbäume (z.B. mit beson-deren Lebensräumen) und Arten die gefördert werden sollen bleiben dabei bewusst stehen. Ziel ist die Sicher-stellung langfristig hoher und stabiler Bewirtschaftungs-erträge durch die Holzentnahme und gleichzeitig einen möglichst naturnahen Mischwald mit guter Artenvielfalt zu schaffen, in dem durch die Entnahme immer wieder Raum für die Naturverjüngung geschaffen wird.

In solch einem ‚Dauerwald‘ werden nur etwa alle 5 Jahre gezielt einzelne Bäume entnommen. Der Kahlschlag eines Gebietes ist hier absolutes Tabu. Da der Aufbau eines derartigen Dauerwaldes auch bis zu 80 Jahre dauert, muss hier Weitsicht und Geduld mitgebracht werden. In Wälder mit hohen Wildbeständen ist auch eine ausreichende Be-jagung Voraussetzung, damit nicht zu viel Jungbäume dem Verbiss zum Opfer fallen (auch die Rehe fressen am liebsten frisches Grün). Daneben ist sicher Raum für Ex-perimente mit der bewussten Anpflanzung neuer, klima-resistenterer Baumarten. Das erfordert aber auch einen größeren Pflegeaufwand mit ggf. Bewässerung und Ver-bissschutz. Und der Erfolg oder Misserfolg kann auch erst über einen längeren Zeitraum beurteilt werden.

Als Fazit aus der Debatte um das Thema Urwald gegen stark genutzten Wirtschaftswald erweist sich damit wieder einmal der Mittelweg als die in der Breite beste Lösung: Eine nachhaltige Bewirtschaftung, die zu einem wider-standsfähigen und möglichst artenreichen Wald führt, der zugleich unseren Holzbedarf zu decken vermag.

In aller Kürze:

- Der Wald in Deutschland befindet sich knapp zur Hälfte in Privateigentum. Daneben haben auch die Kommunen aufgrund wirtschaftlicher Interessen häufig keinen Anreiz, Wald ganz aus der Bewirtschaftung herauszunehmen. Für den verbleibenden Flächenanteil von 32% im Staatsbesitz (überwiegend der Länder) gibt es aber meist schon Vorgaben zur Stilllegung von Wäldern. So haben sich z.B. Baden-Württemberg und Hessen das Ziel gesetzt, 10% des Staatswaldes als sogenannten Naturwald sich selbst zu überlassen. Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt der Bundesregierung sieht vor, einen Anteil von 5 % der gesamten Waldfläche Deutschlands aus der Nutzung zu nehmen. Derzeit sind nach Schätzungen erst 3 bis 4% aller Wälder komplett stillgelegt.

- Wenn Wald sich vollkommen selbst überlassen wird, können die natürliche Prozesse ungestört wirken. Dadurch erhofft man sich eine größere Artenvielfalt. In ungenutzten Wäldern entstehen durch das Älterwerden der Bäume und vor allem durch das liegengelassene Totholz besondere Mikrohabitate für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Zudem wird mehr Feuchtigkeit gespei-chert und durch die Durchmischung aller Alterungsphasen und die natürliche Ansiedlung besser angepasster Arten wird dem Naturwald eine höhere Klimaresistenz zugesprochen. Echte ‚Urwälder‘ werden sich aber in Deutschland kaum entwickeln können, hierzu sind große, zusammenhängende und lange Zeit nicht bewirtschaftete Flächen erforderlich. Abgesehen von den Kernzonen der Nationalparks sind aber derzeit gerade mal 2% der Naturwald-Entwicklungsflächen größer als hundert Hektar. Der jetzt neu bei Darmstadt geschützte Teil des Stadtwaldes östlich der Grube Prinz von Hessen hat auch nur eine Fläche von 247 Hektar.

- Zudem benötigt das Entstehen von echten, durchmischten Naturwäldern eher Jahrhunderte als Jahrzehnte. Die in der Zwischenzeit auftretenden Lücken und Lichtungen durch Sturmschäden, Trockenheit und Schädlingsbefall gehören dazu und sind für die natürliche Verjüngung sogar wichtig. Die erheblich geschädigten Fichtenwälder durch Borkenkäferbefall im Nationalpark Bayerischer Wald konnten sich erst jetzt nach 30 bis 40 Jahren zu einem entstehenden Mischwald auch mit Tannen und Buchen entwickeln. Dass es unter guten Bedingungen aber auch schneller gehen kann als bisher vermutet, zeigt eine aktuelle Studie über aufgelassene Weiden und Plantagen im Umfeld von Regenwäldern in Ecuador. Bereits nach ca. 30 Jahren konnte sich dort eine artenreiche Waldstruktur entwickeln, die zu etwa 75 % der ursprünglichen Biodiversität und zu 90% der ursprünglichen Arten entspricht. Ein Ergebnis, das Mut macht für die weltweit bereits mehr als die Hälfte zerstörten tropischen Wälder.

Gegen eine deutliche Ausdehnung der aus der Bewirtschaftung genommenen Waldfläche spricht allerdings das Nutzungs-argument. Holz ist ein klimafreundlicher, begehrter Baustoff und auch das Heizen mit Holz ist fossilen Energieträgern vorzu-ziehen und klimaneutral, sofern genug Holz von der Natur nachproduziert wird. Der Bedarf an Holz in Deutschland beträgt etwa 60 bis 75 Millionen Kubikmeter im Jahr. Das ist per Saldo durch die inländische Einschlagmenge gerade so zu decken und damit allemal besser, als das Holz umweltbelastend aus Ländern importieren zu müssen, in denen die Kaltschlagwirt-schaft noch vorherrscht. Es gibt Studien, dass in reifen Naturwäldern nicht mehr Biomasse erzeugt wird als in bewirtschafte-ten Wäldern. Durch das Absterben vieler Bäume und die häufige Dominanz von Baumarten, die anderen Pflanzen viel Licht nehmen, verzeichnen natürliche Wälder häufig sogar einen geringeren Holzbestand, als Wälder in denen gezielt reife Bäume entnommen werden und damit die natürliche Verjüngung gefördert wird. Wird das gefällte Holz langfristig genutzt, so entsteht sogar ein Zuwachs an Biomasse.  

- Bezieht man aber die CO2-Speicherfähigkeit von Naturwäldern nicht nur auf die Vegetation, sondern auch auf den Boden, so erweisen sich alte Wälder mit dem über Jahrhunderte hinweg gebildeten Totholz, Humus und gebundenen Kohlenstoff im Boden den Forsten doch überlegen. Im Ergebnis sind ausreichend große, natürliche Wälder auf jeden Fall erstrebenswert. Daneben ist aber die nachhaltige Bewirtschaftung zur Sicherstellung einer langfristig stabilen Holzproduktion genauso wichtig. Mit der Entnahme älterer oder angeschlagener Bäume (etwa alle 5 Jahre) werden immer wieder Raum für Jungbäume geschaffen und dabei besondere Arten und Habitatbäume bewusst stehen gelassen. Dadurch kann über einen Horizont von bis zu 80 Jahren ein ‚Dauerwald‘ entstehen, der einem naturnahen Mischwald mit guter Artenvielfalt nahekommt und gleichzeitig Holzerträge liefert.

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