In aller Kürze:
- Der Wald in Deutschland befindet sich knapp zur Hälfte in Privateigentum. Daneben haben auch die Kommunen aufgrund wirtschaftlicher Interessen häufig keinen Anreiz, Wald ganz aus der Bewirtschaftung herauszunehmen. Für den verbleibenden Flächenanteil von 32% im Staatsbesitz (überwiegend der Länder) gibt es aber meist schon Vorgaben zur Stilllegung von Wäldern. So haben sich z.B. Baden-Württemberg und Hessen das Ziel gesetzt, 10% des Staatswaldes als sogenannten Naturwald sich selbst zu überlassen. Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt der Bundesregierung sieht vor, einen Anteil von 5 % der gesamten Waldfläche Deutschlands aus der Nutzung zu nehmen. Derzeit sind nach Schätzungen erst 3 bis 4% aller Wälder komplett stillgelegt.
- Wenn Wald sich vollkommen selbst überlassen wird, können die natürliche Prozesse ungestört wirken. Dadurch erhofft man sich eine größere Artenvielfalt. In ungenutzten Wäldern entstehen durch das Älterwerden der Bäume und vor allem durch das liegengelassene Totholz besondere Mikrohabitate für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Zudem wird mehr Feuchtigkeit gespei-chert und durch die Durchmischung aller Alterungsphasen und die natürliche Ansiedlung besser angepasster Arten wird dem Naturwald eine höhere Klimaresistenz zugesprochen. Echte ‚Urwälder‘ werden sich aber in Deutschland kaum entwickeln können, hierzu sind große, zusammenhängende und lange Zeit nicht bewirtschaftete Flächen erforderlich. Abgesehen von den Kernzonen der Nationalparks sind aber derzeit gerade mal 2% der Naturwald-Entwicklungsflächen größer als hundert Hektar. Der jetzt neu bei Darmstadt geschützte Teil des Stadtwaldes östlich der Grube Prinz von Hessen hat auch nur eine Fläche von 247 Hektar.
- Zudem benötigt das Entstehen von echten, durchmischten Naturwäldern eher Jahrhunderte als Jahrzehnte. Die in der Zwischenzeit auftretenden Lücken und Lichtungen durch Sturmschäden, Trockenheit und Schädlingsbefall gehören dazu und sind für die natürliche Verjüngung sogar wichtig. Die erheblich geschädigten Fichtenwälder durch Borkenkäferbefall im Nationalpark Bayerischer Wald konnten sich erst jetzt nach 30 bis 40 Jahren zu einem entstehenden Mischwald auch mit Tannen und Buchen entwickeln. Dass es unter guten Bedingungen aber auch schneller gehen kann als bisher vermutet, zeigt eine aktuelle Studie über aufgelassene Weiden und Plantagen im Umfeld von Regenwäldern in Ecuador. Bereits nach ca. 30 Jahren konnte sich dort eine artenreiche Waldstruktur entwickeln, die zu etwa 75 % der ursprünglichen Biodiversität und zu 90% der ursprünglichen Arten entspricht. Ein Ergebnis, das Mut macht für die weltweit bereits mehr als die Hälfte zerstörten tropischen Wälder.
- Gegen eine deutliche Ausdehnung der aus der Bewirtschaftung genommenen Waldfläche spricht allerdings das Nutzungs-argument. Holz ist ein klimafreundlicher, begehrter Baustoff und auch das Heizen mit Holz ist fossilen Energieträgern vorzu-ziehen und klimaneutral, sofern genug Holz von der Natur nachproduziert wird. Der Bedarf an Holz in Deutschland beträgt etwa 60 bis 75 Millionen Kubikmeter im Jahr. Das ist per Saldo durch die inländische Einschlagmenge gerade so zu decken und damit allemal besser, als das Holz umweltbelastend aus Ländern importieren zu müssen, in denen die Kaltschlagwirt-schaft noch vorherrscht. Es gibt Studien, dass in reifen Naturwäldern nicht mehr Biomasse erzeugt wird als in bewirtschafte-ten Wäldern. Durch das Absterben vieler Bäume und die häufige Dominanz von Baumarten, die anderen Pflanzen viel Licht nehmen, verzeichnen natürliche Wälder häufig sogar einen geringeren Holzbestand, als Wälder in denen gezielt reife Bäume entnommen werden und damit die natürliche Verjüngung gefördert wird. Wird das gefällte Holz langfristig genutzt, so entsteht sogar ein Zuwachs an Biomasse.
- Bezieht man aber die CO2-Speicherfähigkeit von Naturwäldern nicht nur auf die Vegetation, sondern auch auf den Boden, so erweisen sich alte Wälder mit dem über Jahrhunderte hinweg gebildeten Totholz, Humus und gebundenen Kohlenstoff im Boden den Forsten doch überlegen. Im Ergebnis sind ausreichend große, natürliche Wälder auf jeden Fall erstrebenswert. Daneben ist aber die nachhaltige Bewirtschaftung zur Sicherstellung einer langfristig stabilen Holzproduktion genauso wichtig. Mit der Entnahme älterer oder angeschlagener Bäume (etwa alle 5 Jahre) werden immer wieder Raum für Jungbäume geschaffen und dabei besondere Arten und Habitatbäume bewusst stehen gelassen. Dadurch kann über einen Horizont von bis zu 80 Jahren ein ‚Dauerwald‘ entstehen, der einem naturnahen Mischwald mit guter Artenvielfalt nahekommt und gleichzeitig Holzerträge liefert.
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