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NEWSLETTER 5/2026:
Sind die Deutschen bezüglich ihrer Arbeitszeit zu faul?

Angesichts der strukturellen wirtschaftlichen Schwäche Deutschlands wird in Politik und Gesell-schaft derzeit heftig darüber diskutiert, ob wir (wieder) mehr arbeiten müssen um unser Wohl-standsniveau halten zu können. Es gibt in der Tat einige Fakten, die im internationalen Vergleich für eine relativ kurze Arbeitszeit der deutschen Arbeitnehmer sprechen. So ist Deutschland mit einer Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen von 1.331 Stunden das OECD-Land mit den geringsten Arbeitsstunden p.a.. Das hat neben den relativ vielen Urlaubstagen (und auch Krankheitstagen) aber sehr viel mit der ausgeprägten Teilzeitarbeit in Deutschland zu tun. Hier ist über das Buzzword der ‚Lifestyle-Teilzeit‘ hinaus v.a. der Aspekt der Vereinbarkeit von Arbeit mit Familie relevant. Da Frauen in Deutschland mittlerweile stark ins Berufsleben integriert sind, diese aber deutlich häufiger als Männer nur in Teilzeit arbeiten (können) und nebenbei viel unbezahlte Care-Arbeit verrichten, ist die Jahresarbeitszeit aller Erwerbstätigen allein nicht aussagekräftig. So liegt Deutschland z.B. bei der Lebensarbeitszeit von derzeit 40 Jahren deutlich über dem EU-Durchschnitt von 37,2 Jahren. Der genauere Blick auf die Fakten sollte hier helfen (geht leider nicht ganz so kurz).

           Korrelation zwischen Erwerbstätigenquote und erwarteter Lebensarbeitszeit (2024)

Datenquelle: EuroNews 13.08.2025, auf Basis von Eurostat-Daten
Zunächst muss man sich vor Augen führen, dass die Beurteilung der geleisteten Arbeit in Deutschland aus verschiedenen Perspektiven erfolgen kann: Während die Lebensarbeitszeit in Jahren sehr viel mit der Frage der Aus-bildungsdauer und vor allem mit dem Renteneintrittsalter zu tun hat, ist die Jahres- bzw. Wochenarbeitszeit auch von den Urlaubs- bzw. Krankheitstagen abhängig, sowie es muss hinterfragt werden, wie mit unbezahlten Überstunden umgegangen wird. Daneben spielt klar der Anteil der Teil-zeitarbeit bzw. der Umfang von unbezahlter Tätigkeit im Care-Bereich eine große Rolle. Zudem ist reine Arbeitszeit ja auch nicht gerade aussagekräftig, es kommt viel mehr auf die Produktivität der geleisteten Arbeit an. Also schauen wir uns die Daten erst mal genauer an.

Beginnen wir mit der Lebensarbeitszeit. Im Vergleich mit den Ländern Europas schneidet hier Deutschland mit einer erwarteten Lebensarbeitszeit von 40,0 Jahren gar nicht so schlecht ab (bezüglich der erbrachten Leistung, Quelle: EuroNews). Der EU-Durchschnitt liegt bei 37,2 Jahren. Nur in den nordischen Ländern, den Niederlanden und der Schweiz wird länger bis zur Rente gearbeitet. Deutlich unter dem Schnitt liegen Griechenland mit 34,8 Jahren, Italien mit 32,8 Jahren, Rumänien mit 32,7 Jahren und außerhalb der EU die Türkei mit 30,2 Jahren. Das liegt zum einen an sozialen Traditionen der Länder, z.B. in Bezug auf Allein-/Doppelverdiener, Renten- und Arbeitsmarktrege-lungen und familiären Betreuungsmodellen. Erstaunlicher-weise lässt sich die Dauer des Arbeitslebens laut Eurostat mit der Erwerbsquote gut erklären (Korrelation von 0,90, siehe Grafik): Bei einem hohen Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung wird wohl viel Arbeit nachgefragt, was eine längere Lebensarbeitszeit erforderlich macht.

Den Haupteinfluss auf die Dauer des Arbeitslebens hat aber sicherlich das Pensionsalter. Während Arbeitnehmer im Jahr 2004 in Deutschland im Schnitt mit 63,1 Jahren in Rente gingen, sind das 64,7 Jahre im Jahr 2024 (nur 44% arbeiteten 2023 bis zum regulären Rentenalter). Das ge-setzliche Renteneintrittsalter steigt bis 2029 auf 67 Jahre. Das ist im europäischen Vergleich schon relativ hoch: Unter den großen Ländern hat Frankreich derzeit mit 62,75 mit das geringste. In der Schweiz gehen Frauen derzeit noch mit 64 Jahren in Rente, die schrittweise Angleichung auf die 65 Jahre der Männer läuft aber bereits. In UK liegt das reguläre Rentenalter bei 66 Jahren (67 Jahre ab 2028), in Spanien bei 66,8 Jahren. Italien hat zwar mit 67 Jahren ein relativ hohes gesetzliches Renteneintrittsalter, in der Rea-lität gehen aber Frauen mit 62,3 Jahren, Männer mit 63,6 in Pension. In Schweden liegt das tatsächliche Pensionsalter bereits über 65 Jahre. Dänemark hat ab 2030 die Anhe-bung der Rentengrenze auf 68 Jahre beschlossen, ab dem Jahr 2040 sogar auf 70 Jahre.

In Relation zur Lebenserwartung der Deutschen liegt das hiesige Renteneintrittsalter damit bereits heute über dem europäischen Schnitt. Im Negativen (in Bezug auf ein Missverhältnis zur Lebenserwartung) fallen hier Polen (für Frauen), Griechenland und Österreich auf, die beiden letzteren haben aber bereits ein schrittweises Anheben in Richtung 65 Jahre in Umsetzung. Daneben v.a. Frankreich, wo die geplante Anhebung des Pensionsalters auf 64 Jahre (was immer noch unterdurchschnittlich zur Lebenserwar-tung wäre) ja erst mal am Widerstand des Parlaments ge-scheitert ist. Bezüglich der Lebensarbeitszeit kann man den Deutschen damit kaum vorwerfen, dass sie vergleichsweise wenig arbeiten würden.

Datenquellen: Statista, 05.12.2025 (Lebenserwartung), EuroNews 27.05.2025 (Renteneintritt) tlw. aktualisiert
Mit dem bereits höheren Pensionsalter arbeiten in Deutsch-land auch mit 21% noch relativ viele im Alter von über 65 Jahren. Viele verdienen sich auch als Renter noch neben-bei etwas dazu, auch über die Minijob-Grenze hinaus. Das Statistische Bundesamt hat unlängst veröffentlicht, dass die hiesige Arbeitsbevölkerung die Älteste in der EU ist: Dem-nach sind 24% der Erwerbstätigen in Deutschland zwi-schen 55 und 64 Jahre alt (im EU-Schnitt sind das 20,1%). Das spricht für eine hohe Teilhabe der Älteren am Arbeits-leben. Allerdings sind im Alter noch Berufstätige häufig die mit höherem Bildungsabschluss, weniger die in Engpass-bereichen wie Pflege- und Erziehungsberufen.

Daneben ist es für die gesetzliche Rentenversicherung natürlich ein Problem, wenn jetzt die zahlreichen Baby-boomer in Rente gehen. Die Lebenserwartung der Deut-schen hat sich aufgrund des medizinischen Fortschritts und des höheren Stellenwertes eines gesünderen Lebenswan-dels von 79,0 Jahren ab Geburt bei Frauen im Jahr 1990 auf heute 83,2 Jahre um 5,3% erhöht. Bei Männern sind es sogar +8,1% auf heute 78,5 Jahre. Die heute 65-Jährigen können damit im Schnitt 82,7 bzw. 85,9 Jahre alt werden. Das effektive Renteneintrittsalter ist dagegen von 1990 auf heute nur um +2,4% gestiegen. Damit ist allein rechnerisch auch ohne demografische Belastung klar, dass die Renten-versicherung in Probleme kommt, wenn wir immer älter werden. An einer schrittweisen (weiteren) Erhöhung des Renteneintrittsalters werden wir nicht umhinkommen, eine 

Kopplung an z.B. die Hälfte der erhöhten Lebenserwartung erscheint sinnvoll.

Damit zum zweiten relevanten Betrachtungsansatz: Die Jahres- bzw. Wochenarbeitszeit in Deutschland ist auf den ersten Blick in der Tat bescheiden. Im Jahr 2024 arbeitete eine erwerbstätige Person hierzulande mit 1.331 Stunden am wenigsten unter allen 38 OECD-Ländern. Der OECD-Schnitt liegt hier bei 1.736 Arbeitsstunden im Jahr. In Frankreich werden 1.491 Stunden im Jahr gearbeitet, in Italien 1.709h, in den USA 1.796h und in Griechenland sogar 1.898 Stunden.

Um diesen Befund zu erklären fallen einem zuerst die Urlaubstage ein: In Deutschland haben die vollzeitbeschäf-tigten Arbeitnehmer im Schnitt um die 30 Tage Urlaub, weit über dem gesetzlichen Mindestanspruch von 20 Tagen. In Frankreich besteht gleich ein gesetzlicher Anspruch auf 30 Urlaubstage, wobei allerdings der Samstag als Arbeitstag zählt. In Italien werden gewöhnlich 26-30 Tage bezahlter Urlaub genommen, in Spanien sind das 22-23 Tage, im europäischen Schnitt um die 25 Tage. Am unteren Ende sind die USA, in denen es gar keinen gesetzlichen An-spruch auf Urlaub gibt. Häufig werden aber 10-20 bezahlte Urlaubstage im Jahr gewährt. In Japan haben langjährig Beschäftigte einen Urlaubsanspruch von bis zu 20 Tagen. Tatsächlich genommen werden aber im Schnitt nur 10,9 Tage!

                        Datenquelle: Labour Statistics OECD (2025), Annual hours worked OECD (2024)
Daneben könnten die Krankheitstage einen Einfluss auf die geleisteten Arbeitsstunden haben. Gemäß OECD-Daten hatte Deutschland im Jahr 2022 mit 24,9 Tagen einen der höchsten Fehlzeiten pro Beschäftigten, Spanien kommt hier auf 17,5 Tage, Frankreich auf 14,2 Tage und Schweden auf 11,4 bezahlte Tage (wobei es bei diesen Ländern Karenzta-ge in Bezug auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt). Aufgrund der höchst unterschiedlichen Erhebungsmetho-den in den Ländern und der Nichtberücksichtigung von un-bezahlten Krankheitstagen werden diese Zahlen als nicht voll aussagekräftig angesehen.

Umfragebasierte Studien der EU-Arbeitskräfteerhebung kommen für 2024 zu dem Ergebnis, dass in Deutschland 6,8% der Wochenarbeitszeit durch Krankheit verloren geht (etwa 15 Fehltage, was auch der Arbeitsmarkt-Statistik der letzten Jahre entspricht, die DAK kommt für 2024 aber auf 19,7 Krankheitstage). Das ist im oberen europäischen Mittelfeld: An der Spitze liegt Norwegen mit 10,7%, auch Spanien mit 8,6% und Frankreich mit 7,7% sind über dem deutschen Wert (Schweden kommt hier auf 6,6%). Der EU-Mittelwert liegt aber darunter bei 5,0%. Deutschland hat daneben mit das großzügigste Lohnfortzahlungssystem in Europa. Die Beispiele Spaniens und Frankreichs zeigen aber auch, dass Karenztage kontraproduktiv sein können, da sich Arbeitnehmer dann tendenziell später krankmelden (und dabei andere Beschäftigte anstecken könnten), dafür aber länger, um die Sozialversicherungsleistungen zu ‚nutzen‘.

Da geleistete unbezahlte Überstunden nicht in die o.a. Zahlen zur Arbeitszeit eingehen, könnte auch das ein Ein-flussfaktor sein. Auf jeden Beschäftigten in Deutschland entfielen 2023 laut Arbeitsmarkt-Statistik im Schnitt 32,2 Überstunden, davon 18,8h unbezahlt. Das ist laut Internet-Recherche ein im europäischen Vergleich wohl eher hoher Wert, genaue Vergleichszahlen sind aber nicht zu finden. Insgesamt sind wohl maximal 5+4+1 = 10 Tage niedrigere

Jahresarbeitszeit in Deutschland auf die Faktoren Urlaubs-tage, Krankheitstage und Überstunden in Deutschland zurückzuführen. Diese 80 Arbeitsstunden können das große Gap von ca. 300h im Vergleich zum europäischen Schnitt aber kaum ausreichend erklären.

Das gelingt auch nicht bezüglich der Wochenarbeitszeit: In Deutschland arbeiten Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 40,2 Stunden in der Woche inkl. bezahlter Überstunden. Das ist im europäischen Vergleich im Mittelfeld: In Griechenland wird pro Woche mit 42,5h am meisten gearbeitet, allerdings zählt dort auch der Samstag als regulärer Arbeitstag. Über dem EU 27-Schnitt von 40,4 Stunden liegen bei der Wochenarbeitszeit Österreich (41,7h), Schweden (41,5h), Polen (41,2h) und knapp Italien mit 40,5 Stunden. Darunter z.B. Frankreich (40,0h), die Niederlande (39,2h) und Däne-mark mit 38,9 Wochenstunden (alles Statista-Zahlen für 2023). Bezieht man die statistische Wochenarbeitszeit aber auf alle Beschäftigten, so ergibt sich für Deutschland nur ein Schnitt von 34,8 Stunden – deutlich unter dem EU 27-Schnitt von 37 Wochenarbeitsstunden. Nur in Dänemark und den Niederlanden wird danach optisch weniger gear-beitet, in Italien aber mit 37,2 Stunden, in Polen mit 40,1h und in Griechenland mit 41h anscheinend deutlich mehr.  

Damit sind wir bei der entscheidenden Erklärung für die rechnerisch geringe Jahresarbeitszeit der Deutschen: Da sie als Schnitt über alle Erwerbstätige ermittelt ist, verzerrt der überdurchschnittlich hohe Anteil der Teilzeitbeschäftig-ten in Deutschland die Statistik. Unter den erwerbstätigen Personen gingen hierzulande zuletzt 29,3% einer Teilzeit-beschäftigung nach. Im europäischen Vergleich kommen lediglich die Niederlande und die Schweiz auf signifikant höhere Teilzeitquoten. Im EU-Durchschnitt und in den USA liegt die Teilzeitquote dagegen bei unter 20%. Besonders wenig ausgeprägt ist Teilzeit z.B. in Portugal mit 6,7%, Polen mit 6,4%, Griechenland 4,7% und in Rumänien mit 2,4%.
Quelle: Statista, 11.02.2026 (Frauen: grau, Männer: schwarz)
Ein Zeichen für das übermäßige Bedürfnis nach Work-Life-Balance (Stichwort: Lifestyle-Teilzeit) ist die ausgeprägte Teilzeit in Deutschland aber wohl weniger: Sie hängt v.a. an der hohen Quote berufstätiger Frauen von 74%. Eine sehr positive Entwicklung: Diese Erwerbstätigenquote von Frauen (Anteil der Beschäftigten an allen 15- bis 64-Jährigen) lag im Jahr 2000 in Deutschland noch bei 58%! Auch im internationalen Vergleich haben wir damit eine hohe Beteiligung der Frauen am Arbeitsleben. Im OECD-Schnitt lag diese bei knapp 64%, so z.B. in den USA und Frankreich bei 67%, in Griechenland bei 56% und in Italien nur bei 54%. Da in Deutschland aber 48,5% der erwerbs-tätigen Frauen (nur) in Teilzeit arbeiten, erklärt sich die op-tisch geringere Jahresarbeitszeit vor allem damit, dass hierzulande einfach deutlich mehr Personen am Arbeits-leben teilnehmen (auch bei Männern mit einer Erwerbstäti-genquote von 81% zum OECD-Schnitt von 77%), diese dann aber nicht in Vollzeit arbeiten müssen oder können. Wenn z.B. in Italien (nur) 71% der Männer und 54% der Frauen im erwerbsfähigen Alter arbeiten (das sind 19% weniger als in Deutschland), so müssen diese zwangsläufig mehr arbeiten um ihre Familien zu ernähren.
Dass gerade Frauen hierzulande so viel nur in Teilzeit arbeiten, kommt natürlich von der hohen (unbezahlten) Care-Arbeit bei der Kindererziehung, Betreuungsarbeit und im Haushaltsbereich. Bei Frauen mit Kindern liegt die Teilzeitquote sogar bei 70% der Beschäftigten. Laut dem Statistischen Bundesamt haben Frauen 2022 knapp 30 Stunden pro Woche unbezahlte Arbeit verrichtet, Männer dagegen knapp 21h (sogenannter Gender Care Gap von 44,3%). Gründe dafür sind neben geschlechtsspezifischen und traditionellen Aspekten vor allem die Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Kinderbetreuungsangeboten. Daneben führen steuerliche Problemanreize (Ehegattensplitting, Minijob-Privilegierung, beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung) dazu, dass sich eine höhere Arbeitsbeteiligung für den Zweitverdiener häufig weniger lohnt. Reformen bzgl. des Ehegattensplittings hin zu einem Realsplitting mit einem Transferbetrag in Höhe des Grundfreibetrags und zum Minijob werden bereits diskutiert.

Betrachtet man nur die Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftig-ten, so gibt es zwischen Frauen und Männern wenig Unter-schiede (der Gender Pay Gap wegen unterbrochener Ar-beitsphasen, unterschiedlicher Berufswahl etc. von Frauen ist davon unberührt). Wird die Jahresarbeitszeit in Deutsch-land daher nur für Vollzeitbeschäftige berechnet, so kom-men 1.609 Stunden statt der o.a. 1.331h heraus (bei einer 8h-Woche wären das rechnerisch 201 Tage, wobei das Jahr um die 250 potenzielle Arbeitstage hat: an 49 Wo-chentagen wird also statistisch nicht gearbeitet).

Zusammen mit den (etwas) höheren Urlaubs-/Feiertags-zahlen, Krankheitstagen sowie geleisteten Überstunden ist der Gap bzgl. der Jahresarbeitszeit der Deutschen zu anderen Ländern damit zu erklären. Die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden insgesamt in Deutschland ist auch seit dem Jahr 2000 kontinuierlich gestiegen auf 61,4 Mrd. Stunden im Jahr 2024 (+4,8%), trotz rückläufiger Arbeitszeit pro Beschäftigten um ./. 8,9%. Das liegt an dem stetigen Beschäftigungszuwachs, gerade bei Frauen, und an der bereits höheren Lebensarbeitszeit der Deutschen. In 2025 waren rekordmäßige 46,0 Millionen erwerbstätig, 15,0% mehr als im Jahr 2000.

Als Fazit ist festzustellen, dass die in Frage gestellte Ar-beitsmoral der Deutschen insgesamt wohl nicht so schlecht ist. Berücksichtig man zusätzlich die Care-Arbeit, so arbei-ten Frauen mit 30,9 plus 30h = 60,9 Stunden wöchentlich und Männer mit 38,3 plus 21h = 59,3h fast gleich lang und im Schnitt 8,5h an jedem Tag inkl. Samstag und Sonntag. Dazu kommen ja auch noch die ehrenamtlichen Tätigkei-ten, die im Schnitt 2 Stunden pro Woche ausmachen (zuge-gebenermaßen sehr ungleich verteilt). Diese sind für den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit einer Gesell-schaft ebenfalls sehr wichtig, wenn man an Freiwillige Feuerwehr, THW, Sportvereine etc. denkt.     

An den erbrachten Arbeitsstunden allein lässt sich die Leistung einer Gesellschaft auch sicher nicht bemessen. Aus ökonomischer Sicht kommt es hier v.a. auch auf Pro-duktivität an. Die gemessene reale Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigenstunde ist gemäß dem Index der Deutschen Bundesbank von 2000 bis heute kontinuierlich um 22,0% gestiegen. Auch im internationalen Vergleich erwirtschaften die Deutschen pro Stunde mit 83,2 USD in konstanten Preisen von 2020 einen vergleichsweise hohen Wert (der EU-27 Schnitt liegt bei 67,3 USD). Dazu aber mehr im kommenden Newsletter…

Hier noch ein paar Bemerkungen zum Stellenwert der Ar-beit an sich. Die zunehmende Teilzeit hat ja auch einen großen gesellschaftlichen Nutzen. Sie trägt entscheidend zu einer besseren Vereinbarkeit zwischen Beruf und Fa-milie bei. Auch kommt sie dem Wunsch vieler Beschäftigten nach mehr Flexibilität entgegen. So finden gemäß einer Yougov-Umfrage 38 Prozent der Erwachsenen flexiblere Arbeitszeiten in der Woche statt einer täglichen Höchstar-beitszeit gut, nur 20% wollen das nicht. Auch die Viertage-Woche wird ja unter diesem Aspekt diskutiert. Durch eine Flexibilisierung der starren Altersgrenzen könnten auch noch mehr Ältere im Arbeitsprozess gehalten werden, die dazu gesundheitlich in der Lage sind. All dies zusammen, gepaart mit einem weiteren Ausbau der bezahlbaren Kinderbetreuung und einer schrittweisen Anhebung des Renteneintrittsalter, kann dazu beitragen, dass der demo-grafische Wandel bewältigt und das Wohlstandsniveau in Deutschland gehalten werden kann.

In aller Kürze:

- Die erwartete Lebensarbeitszeit beträgt in Deutschland 40,0 Jahre und liegt damit über dem EU-Durchschnitt von 37,2 Jahren. Gründe hierfür sind die starke Arbeitskräftenachfrage und das Pensionsalter von im Schnitt 64,7 Jahren in Deutschland (2024). Das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt bis 2029 auf 67 Jahre. Das ist im europäischen Vergleich schon relativ hoch. Unter den großen Ländern gehen die Franzosen derzeit mit tatsächlich 62,75 Jahren am frühesten in Rente. Auch in Relation zur Lebenserwartung der Deutschen von 81,5 Jahren bei Geburt im Jahr 2024 liegt das hiesige Renteneintrittsalter bereits heute über dem europäischen Schnitt. Auffallend kurz im Vergleich zur Lebenserwartung wird in Frankreich, Griechenland, Polen (für Frauen) und Österreich gearbeitet. In Deutschland arbeiten auch mit 21% noch relativ viele im Alter von über 65 Jahren.

- Die Jahresarbeitszeit in Deutschland beträgt dagegen mit 1.331 Stunden im Schnitt aller Beschäftigten am wenigsten unter allen 38 OECD-Ländern, die US-Amerikaner arbeiten z.B. 1.736h im Jahr. Zum Durchschnitt der europäischen Länder werden hierzulande ca. 300 Stunden pro Person im Jahr weniger gearbeitet. Auch die Wochenarbeitszeit sieht in Deutschland mit 34,8 Stunden pro Erwerbstätigen eher bescheiden aus. In Frankreich und Italien werden mit über 37h pro Woche, in Polen mit 40h und in Griechenland mit 41h anscheinend deutlich mehr gearbeitet. Dies liegt aber vor allem an der hohen Teilzeitquote in Deutschland von zuletzt 29,3%. Im europäischen Vergleich kommen lediglich die Niederlande und die Schweiz auf signifikant höhere Teilzeitquoten. Im EU-Durchschnitt und in den USA liegt die Teilzeitquote dagegen bei unter 20%. Das verzerrt die Statistik bezogen auf alle Beschäftigten natürlich erheblich.

- In Deutschland arbeiten einfach sehr viel mehr mit einer Erwerbstätigenquote von über 77% (81% bei Männern, 74% bei Frauen). Im OECD-Schnitt sind 64% der Frauen berufstätig und z.B. in Italien nur 54%. Diese erfreuliche Entwicklung der Arbeitsbeteiligung in Deutschland ist zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie aber häufig nur in Teilzeit möglich. Bei Frauen mit Kindern liegt die Teilzeitquote bei 70% der Beschäftigten. Gerade Frauen verrichten in Deutschland im Schnitt knapp 30 Stunden pro Woche unbezahlte Care-Arbeit bei der Kindererziehung, Betreuungsarbeit und im Haushaltsbereich, Männer dagegen knapp 21h. Das liegt neben geschlechtsspezifischen und traditionellen Aspekten vor allem an der Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Kinderbetreuungsangeboten sowie an steuerlichen Problemanreizen (Ehegattensplitting, Minijob-Privile-gierung).

- Betrachtet man nur Vollzeitbeschäftigte, so gibt es bei der reinen Arbeitszeit zwischen Frauen und Männern wenig Unter-schiede. Die Jahresarbeitszeit für diese Gruppe beträgt dann auch 1.609 Stunden. Wird darüber hinaus berücksichtigt, dass die vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer in Deutschland im Schnitt um die 30 Tage Urlaub haben (im europäischen Schnitt sind das um die 25 Tage) und auch mit 15-20 relativ viele (bezahlte) Krankheitstage, so schließt sich die Lücke zu den Jahresarbeitszeiten der anderen europäischen Länder. Das gesamte Arbeitsvolumen der Deutschen ist auch seit dem Jahr 2000 kontinuierlich gestiegen, trotz rückläufiger Arbeitszeit pro Beschäftigten. Heute sind in Deutschland rekordmäßige 46,0 Millionen erwerbstätig, 15,0% mehr als im Jahr 2000.

- Insgesamt kann man daher nicht von einer schlechten Arbeitsmoral der Deutschen sprechen. Die reine Arbeitszeit allein ist ja auch kaum aussagekräftig. Hier kommt es viel mehr auf die Produktivität pro Arbeitsstunde an, die in Deutschland mit 83,2 USD in konstanten Preisen von 2020 überdurchschnittlich und seit der Jahrtausendwende um 22% gestiegen ist. Daneben muss die gesamte Arbeitszeit von um die 62h/Woche inkl. Care-Arbeit und der gesellschaftlich so wichtigen ehrenamtlichen Tätigkeiten gesehen werden. Der weitere Ausbau der Flexibilität des Arbeitsangebotes (Tagesarbeitszeit, Teilzeit, Arbeiten im Alter) und der bezahlbaren Kinderbetreuung sowie die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalter können dazu beitragen, den demografischen Wandel zu bewältigen und das Wohlstandsniveau in Deutschland zu halten.

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