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NEWSLETTER 6/2026:
Produktivität der Deutschen pro Arbeitstunde genauso hoch wie die der Amerikaner!

Die reale Wirtschaftsleistung pro Kopf der Bevölkerung ist in den USA im Jahr 2025 mit 76,8 Tsd. USD/Kopf um 21% höher als in Deutschland mit 63,6 Tsd. USD/Kopf. Noch im Jahr 2011 lagen die beiden Länder nur etwas über 3% auseinander, in den 1980er bis zur Mitte der 1990er Jahre sogar noch gleichauf. Auch bezüglich des Produktivitätswachstums bleibt Deutschland mit einem jährlichen Zuwachs von 0,8% im Schnitt der letzten 10 Jahre deutlich hinter den Vereinigten Staaten mit im Schnitt 1,6% p.a. zurück. Da überrascht es schon sehr, dass die Arbeitsproduktivi-tät pro Stunde in absoluten Zahlen in den USA mit 81,8 USD/h in Preise von 2021 kaum über dem Wert von Deutschland mit 80,5 USD/h liegt! In Westeuropa ist die Arbeitsproduktivität im Schnitt mit 83,0 USD/h sogar über der in den Staaten. Das müssen wir uns natürlich genauer anschauen.  

             Datenquelle: Datenquelle: OECD World Economic Outlook
Dass Deutschland den USA beim Wirtschaftswachstum und beim Produktivitätszuwachs in den letzten Jahren deutlich hinterherhinkt, ist allgegenwärtig und wird laufend kommen-tiert. Genannt werden häufig Zahlen, dass die Wirtschafts-leistung pro Kopf der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten um 50% über der hiesigen liegen würde. In dieser (nominalen) Betrachtung wird allerdings die unterschied-liche Preisentwicklung in den USA und Deutschland außer Acht gelassen (seit 1980 sind die US-Verbraucherpreise doppelt so stark gestiegen wie die deutschen!). Verglichen werden muss daher die reale Wirtschaftsleistung: Hier liegt Deutschland im Jahr 2025 beim BIP pro Kopf mit 63,6 Tsd. USD (zu konstanten Preisen von 2017 gemäß den Kauf-kraftparitäten) nur um 17,2% hinter den USA zurück. Während Deutschland bis Anfang der 2010er Jahre einiger-maßen mithalten konnte, so ist der reale Outputzuwachs in den letzten 10 Jahren signifikant hinter den USA zurückge-blieben, siehe Grafik.

Auch beim Produktivitätszuwachs ist das gleiche zu beob-achten. Wuchs die Arbeitsproduktivität pro Stunde in Deutschland früher im Schnitt zwischen Eins und 1,5% im Jahr an, so sind dies in den letzten 5 Jahren nur noch im Schnitt 0,6% p.a.. In den USA dagegen hat sich das Pro-duktivitätswachstum für denselben Zeitraum auf 1,4% jährlich beschleunigt.

Schaut man sich dagegen die Arbeitsproduktivität pro Stunde in absoluten Zahlen an, so ist man zuerst erstaunt. Mit diesem Maß wird erhoben, wieviel Güter und Dienst-leistungen pro Erwerbstätigen und geleistete Stunde er-wirtschaftet werden. Und hier kommt die International Labour Organization 2025 für Deutschland in konstanten Preisen von 2021 auf 80,5 USD. Das liegt nur unwesentlich unter der realen Arbeitsproduktivität der US-Amerikaner von 81,8 USD pro Stunde.

In Westeuropa werden im Schnitt sogar mit 83,0 USD eine höhere Produktivität pro Stunde als in den USA gemessen. Wie passt das mit der deutlich geringeren Wirtschaftsleis-tung pro Kopf zusammen? Der Hauptgrund ist wieder die bereits im letzten Newsletter behandelte Tatsache, dass die Amerikaner einfach länger arbeiten als die Deutschen bzw. Westeuropäer. Sie kommen wegen längerer Wochenar-beitszeiten und weniger Urlaub auf ein Jahresarbeitsvolu-men von 1.796 Stunden. In Westeuropa sind es etwa 1.500h (in Deutschland mit der sehr hohen Teilzeitquote nur 1.331h). Daneben spielt natürlich der höhere Kapitaleinsatz in den USA und der viel größere Kapitalmarkt mit leichte-rem Zugang zu Risikokapital eine Rolle.

Es bleibt aber dabei, dass die einzelnen Beschäftigten in Deutschland/Westeuropa bezogen auf ihren Arbeitseinsatz genauso produktiv sind wie die Amerikaner! Und waren in der Vergangenheit sogar relativ produktiver: Im Jahr 1995 erwirtschafteten die Deutschen einen realen Output von 56,9 USD in der Stunde (wieder in Preisen von 2021) und die Westeuropäer von 58,4 USD, die Amerikaner dagegen mit 49,5 USD/h deutliche 15% weniger.

Die Angleichung an die Produktivität in Westeuropa hat erst nach der globalen Finanzmarktkrise 2007/08 eingesetzt und bekam im Jahr 2020 einen großen Schub. Dieser er-staunliche Effekt wird darauf zurückgeführt, dass mit der Corona-Pandemie ein massiver Stellenabbau im Niedrig-lohnsektor der USA stattgefunden hat. Durch den Wegfall dieser Arbeitsplätze in Branchen mit geringer Produktivität (z.B. im Freizeit- und Gastgewerbe) stieg statistisch die Arbeitsproduktivität der verbleibenden Belegschaft deutlich an! Wird dieser Effekt mit der in Europa zu verzeichnenden Entwicklung bereinigt, so würde die Produktivität in den USA heute um 7,4% niedriger und der Abstand zu uns über die Zeit praktisch gleichgeblieben sein.   

Datenquellen: International Labour Organization
In den letzten Jahren stagnierte die Produktivität in Deutschland, während sie in den USA ab 2022 wieder kräftig um 6,4% gestiegen ist. Überraschend, zumindest für mich, ist die relativ geringe Arbeitsproduktivität in Groß-britannien und v.a. in Japan, die nur 84% bzw. 66% der deutschen erreicht. Für UK ist das weitgehend auf den Brexit zurückzuführen. Während der Produktivitätsrück-stand zu Deutschland bis vor etwa 15 Jahren durchweg nur um die 10% betragen hat (aufgrund geringerer Investitionen und Qualitätsdefiziten am Arbeitsmarkt), hat der Brexit zu einer Belastung der britischen Produktivität um 3-4% ge-führt. In Japan dagegen liegt die geringere Produktivität der Beschäftigten v.a. an kulturellen Faktoren: Es wird zwar lange gearbeitet, aber wenig effizient (reine Präsenzkultur) und die Strukturen sind sehr bürokratisch und hierarchisch (z.B. Beförderung rein nach Dauer der Betriebszugehörig-keit).

Obwohl diese Effekte auch der deutschen Gesellschaft bzw. Wirtschaft zugeschrieben werden, belasten sie die Wirtschaftskraft hierzulande wohl bei weitem nicht so stark. Dennoch verlieren wir aktuell nicht nur im Vergleich zu den USA. Die Arbeitsproduktivität konnte in Westeuropa insge-samt in den letzten drei Jahren um 1,3% gesteigert werden, während sie in Deutschland stagnierte. Damit haben uns die USA im Jahr 2024 zum ersten Mal in der Wirtschafts-leistung pro Stunde überholt. Das ist vor allem auf den Zugang der US-Wirtschaft zu günstiger Energie, hohe staatliche Subventionen des Inflation Reduction Acts sowie auf die technologische Führerschaft der USA zurückzu-führen. Die hohen Investitionen in Spitzentechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI), Software und Digitalisierung hat die US-Produktivität wohl bereits merklich erhöht.

Hierzu habe ich bei Bethmann‘s Markets on Monday eine sehr interessante Grafik gesehen und nachgebaut. Die Jahresrate der nominalen US-Arbeitsproduktivität wird dort geglättet mit dem gleitenden Durchschnitt über 10 Jahre dargestellt. Eine Beschleunigung der Produktivität im Zuge der großen technologischen Innovationen PC-Einführung, Verbreitung des Internets und der laufenden KI-Revolution wird nahegelegt. Warum sich der Effekt gerade über eine mittlere Wirkungsverzögerung von 5 Jahren einstellen soll bleibt dahingestellt. Die hier ergänzten ungeglätteten Jahresraten lassen das Muster jedenfalls nicht auf den ersten Blick erkennen. Das gleiche auf deutsche Daten übertragen zeigt ebenfalls keinerlei Zusammenhang mit den Technologieschüben.

So wird über die produktivitätssteigernde Wirkung der Künstlichen Intelligenz noch heftig gestritten. Euphorische Stimmen erwarten, dass die KI in Kombination mit Robotik einen Großteil der Arbeit automatisiert erledigen könne. Dagegen prognostizieren Skeptiker, dass durch die zwingend erforderliche Kontrolle und Fehlerkorrektur die Zeitersparnis wieder zunichte gemacht würde. Auch könnte der Fortschritt allein zu Lasten der Beschäftigung gehen. Studien die bereits den Echt-Einsatz von KI analysieren kommen zu dem Ergebnis, dass in Branchen, die von KI am stärksten profitieren (z.B. Finanzdienstleistungen, Software), sich das Produktivitätswachstum vervierfachen lässt (PwC). Für Europa kommt die EIB jüngst durch die Auswertung einer 12.000 Unternehmen umfassenden Erhebung zu dem Ergebnis, dass die Einführung von KI die Arbeitsproduktivität um 4 Prozent erhöht. Und dies weniger durch den Abbau von Arbeitsplätzen, sondern durch eine Vertiefung des Kapitaleinsatzes.

Datenquelle: Federal Reserve Bank of St. Louis
Als Fazit bleibt: Deutschland braucht sich im Vergleich mit den Vereinigten Staaten bezüglich der Produktivität nicht zu verstecken. Wir erzeugen pro Stunde den gleichen wirt-schaftlichen Output, und das mit mehr Freizeit, einer höhe-ren Lebenserwartung und weniger Ungleichheit. Daneben gehen Phasen großer wirtschaftlicher Einbrüche (wie z.B. die Coronakrise) nicht zu Lasten der Schwächsten am Arbeitsmarkt wie in den USA. Zudem belasten wir die Umwelt durch unsere Wirtschaft deutlich weniger.
Für die Zukunft bedarf es allerdings erheblicher Anstren-gungen, um dieses Produktivitätsniveau aufrecht zu er-halten. Allein mit der alternden Gesellschaft gehen wichtige Impulse und die erforderlichen Arbeitskräfte verloren. Um bei den technologischen Innovationen mithalten zu können, muss massiv in die Digitalisierung investiert, Bürokratie drastisch abgebaut und Bildung und Forschung weiter forciert werden. Nur so kann die Arbeitsproduktivität gesich-ert und gesteigert werden, was langfristig für unseren Wohlstand ausschlaggebend ist.
In aller Kürze:

- In realer Betrachtung beträgt die Wirtschaftsleistung der Deutschen pro Kopf der Bevölkerung nur 83% des BIP/Kopfs der USA. Dieser Rückstand hat sich erst in den letzten 10 Jahren aufgebaut, vorher konnte die deutsche Wirtschaft weitgehend mit der amerikanischen mithalten. Das sieht man auch am Produktivitätszuwachs, der in Deutschland im Schnitt der letzten 10 Jahre nur noch 0,8% p.a. betragen hat, halb so viel wie in den USA.

- Es sind aber vor allem drei Phasen in denen die US-Produktivität stark zulegen konnte: Im Anschluss an die globale Finanz-marktkrise 2007/08 und während der Corona-Pandemie um jeweils 2,6% sowie aktuell seit 2023 um knapp 5 Prozent. Dass die US-Wirtschaft gerade in Krisenphasen produktiver wird, liegt am massiven Wegfall vieler Arbeitsplätze im Niedriglohn-sektor in Branchen mit geringer Produktivität (z.B. im Freizeit- und Gastgewerbe). Die verbleibende Belegschaft wird dadurch statistisch produktiver! Wird berücksichtigt, dass in Deutschland deutlich weniger Beschäftigte abgebaut wurden, so liegt der Produktivitätszuwachs bis 2022 praktisch gleichauf mit dem der USA.

- Die absolute Arbeitsproduktivität pro Stunde war in den USA auch lange Zeit um 10 bis 15% geringer als die hiesige. Erst im Jahr 2024 konnte die amerikanische Wirtschaftsleistung pro Stunde die deutsche einholen. In Westeuropa wird im Schnitt sogar immer noch produktiver gearbeitet als in den USA. Und dies obwohl die US-Wirtschaft in den letzten Jahren mit dem Zugang zu günstiger Energie, hohen staatlichen Subventionen des Inflation Reduction Acts sowie mit den massiven Investi-tionen in Spitzentechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI), Software und Digitalisierung stark aufgeholt hat.

- Die produktivitätssteigernde Wirkung der Künstlichen Intelligenz scheint sich damit schon in den USA zu zeigen. Gemäß aktuellen Studien auf Basis echter Erfahrungen kann die KI die Arbeitsproduktivität auch in Europa um ca. 4 Prozent erhöhen. Und dies auch nicht nur durch den Abbau von Arbeitsplätzen! Das europäische Wirtschaftsmodell kann demzufolge immer noch mithalten und geht bei gleicher Produktivität, mehr Freizeit, einer höheren Lebenserwartung und weniger Ungleichheit nicht zu Lasten der Beschäftigten. Um das auch in Zukunft zu gewährleisten und bei den technologischen Innovationen nicht abgehängt zu werden, muss aber massiv in die Digitalisierung investiert, Bürokratie drastisch abgebaut und Bildung und Forschung weiter forciert werden.

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