In aller Kürze:
- Die Vereinigten Staaten sind wirtschaftlich und politisch ohne Zweifel die global führende Supermacht der letzten Dekaden. Mit der Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem US-Dollar als Leitwährung hat die USA bislang auch eine große Anziehungskraft als freiheitliche Demokratie entfaltet. Diese Dominanz ist aber erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ent-standen. Zuvor war Großbritannien für lange Zeit die global führende Macht mit seinem ein Viertel der Welt umfassenden Kolonialreich, der Herrschaft über die Weltmeere und den Welthandel sowie als erste Industrienation. Der Niedergang als Weltmacht hatte dann vor allem finanzielle Gründe: Die Belastungen des Ersten Weltkrieges hatten die Staatsverschuldung Großbritanniens in den 1920er Jahren auf 175% seines BIP anwachsen lassen und das Pfund Sterling verlor zusehend seinen Status als Leitwährung. Erst recht waren die Finanzen nach dem 2. Weltkrieg mit einem Schuldenstand von enormen 270% zerrüttet.
- In den USA dagegen erreichten die Staatsschulden in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts trotz Weltwirtschafts-krise maximal 40% der Wirtschaftsleistung. Auch nach den Belastungen der Zweiten Weltkrieges blieb genug finanzieller Spielraum, um den Westen nachhaltig zu unterstützen und zur Aufrüstung, als der kalte Krieg mit der UDSSR begann. Die Vereinigten Staaten profitierten dabei auch von dem immensen Zuzug der Menschen und klügsten Köpfe aus Europa. Die Bevölkerungszahl in den USA ist von um die 140 Millionen nach dem zweiten Weltkrieg auf heute 348 Millionen stetig ange-wachsen. Damit liegt das Durchschnittsalter in den Staaten fast 10 Jahre unter dem deutschen, was ein klarer Standortvorteil ist, denn eine junge Bevölkerung ist innovativer und dynamischer. Sicher mit ein Grund dafür, dass die USA auch technolo-gisch in den letzten Jahren so dominierend geworden sind.
- Den Zusammenhang zwischen Verteidigungsausgaben, den Staatsschulden und dem Status einer Großmacht hat der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson eingehender untersucht (Hoover Institution, 21.02.2025). Er kommt auf Basis vieler historischer Beispiele zu dem Ergebnis, dass die Vormachtstellung eines Staates dann gefährdet ist, wenn er über einen längeren Zeitraum mehr Geld für die Zinszahlungen auf seine Schulden ausgibt als für seine Verteidigung. Die Überdehnung der Staatsfinanzen mit der Folge des Niedergangs hat Ferguson u.a. an den Beispielen des habsburgischen Spaniens Anfang des 18. Jahrhunderts und des bourbonischen Frankreichs im 19. Jahrhundert demonstriert. In Großbritannien überstieg der Schuldendienst dann von 1920 bis ins Jahr 1937 durchweg seine Militärausgaben, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, deren Zinskosten für die Staatsschulden selbst nach dem Zweiten Weltkrieg gerade mal 2% ihres BIPs ausmachten.
- In den letzten Jahren ist die Staatsschuldenquote aber weltweit massiv angestiegen, in den G7-Staaten im Schnitt von 75,1% im Jahr 2000 auf heute 125,7% (IWF). In Deutschland scheint das trotz Schuldenpakete und Sondervermögen noch erträglich zu sein. Die gemäß Ferguson relevante Zinslastquote beläuft sich heute noch auf weniger als 1% am deutschen BIP und könnte in den kommenden Jahren auf noch maßvolle 1,5 bis 2,5% steigen. In den USA dagegen ist nicht nur der höchste Stand der Schuldenquote seit dem 2. Weltkrieg bereits überschritten und wird in den kommenden 10 Jahren weiter auf 140 bis 150% des BIPs anziehen. Belastend ist vor allem, dass die US-Regierung bereits heute 2,5% ihres BIP für Zinszahlungen aufbringen muss, 12% des gesamten Staatshaushaltes. Das übersteigt die Militärausgaben und der kritische Punkt von Ferguson ist damit erreicht. Aufgrund der riesigen Konjunkturprogramme und der gestiegenen Zinsen wird sich die Zinslastquote des US-Staates aber in den kommenden zehn Jahren gemäß Projektionen weiter auf 22% erhöhen, einen absoluten Rekordwert unter den Industriestaaten.
- Neben dem rein fiskalischen Sprengstoff kommen weitere Faktoren hinzu: Donald Trump unterminiert mit seiner Politik eigentlich alles, was Amerika groß gemacht hat. Seine Anziehungskraft beruhte bislang nicht zuletzt auf wertebasierten Aspekten einer freien, demokratischen und rechtstaatlichen Gesellschaft. Die Wirkung dieser ‚Soft Power‘ nimmt damit im Ausland spürbar ab, indem an der Respektierung internationaler Regeln und Institutionen sowie der Pflege von konstruktiven Beziehungen zu Verbündeten große Einschränkungen zu machen sind. Besonders gravierend dürfte sich daneben das bewusste Zurückdrängen der Migration in die USA auswirken. Erstmals in der Geschichte könnte die Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zurückgehen. Zudem ist die bewusste Schwächung des US-Dollars ein gefährlicher Drahtseilakt, der die Funktion des US-Dollars als Leitwährung und zur Reservehaltung der Zentralbanken tangiert.
- Allerdings ist zumindest beim Dollar kein erstzunehmender Ersatz in Sicht. Hier kann China trotz seiner ohne Zweifel erheblich gestiegenen wirtschaftlichen und technologischen Macht mit dem nicht konvertierbaren Yuan und einem für Ausländer nur eingeschränkt zugänglichen Kapitalmarkt bei weitem nicht mithalten (China hat sich nebenbei mit der Ein-Kind-Politik ein massives Demographieproblem eingehandelt). Politisch, militärisch und kulturell bekommen die Vereinigten Staaten aber auf jeden Fall Konkurrenz und werden die Welt nicht mehr so dominieren wie in den letzten 80 Jahren. Zu rechnen ist mit einem eher multipolaren System, das womöglich aus mehreren, mehr oder weniger stark voneinander abgegrenzten Einflussspähen und Wirtschaftsräumen besteht. Wenn Europa aus dieser Situation das beste macht und verstärkt mit den Ländern und Weltregionen zusammenarbeitet, die sich weiter an weltweite Regeln halten wollen und an guten Handelsbeziehungen interessiert sind, kann Europa durchaus ein gefragter Partner werden: Letztendlich vielleicht als letzte Bastion der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit auch eine große Sogwirkung auf die Menschen entfalten, die demokratische Werte teilen.