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NEWSLETTER 23/2025:

Anfang vom Ende der USA als globale Supermacht?

Fast alle heute Lebenden kennen nur eine durchgehend dominierende Weltmacht der letzten 80 Jahre: die USA. Doch das war nicht immer so. Wie kam es eigentlich zu dieser unglaublichen Vormachtstellung? Daneben soll der Frage nachgegangen werden, wie es zum Niedergang großer Reiche in der alten und neuern Geschichte gekommen ist. Vieles davon kann zu denken geben, ob nicht Amerika heute vor einem ähnlichen Einschnitt steht. Mit der klar auf sich selber fokussierten USA, seiner protektionistischen Wirtschaft und Einschränkung der Migration, der enormen Staatsverschuldung und der Schwäche der Weltwährung US-Dollar könnte das Ende der alleinigen Dominanz eingeleitet sein.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zerfall der Sowjetunion 1991 scheint es mit den USA lange Zeit nur noch eine globale Supermacht zu geben. Die politische und ökonomische Dominanz ist bis heute so groß, dass niemand das Weltgeschehen so bestimmen kann wie der US-amerikanische Präsident. Die Vereinigten Staaten erwirtschaften mit 30 Billionen USD das weitaus höchste BIP. Unter den 20 größten Unternehmen der Welt kommen 17 aus Amerika. Noch vor 25 Jahren konnten europäische Unternehmen bei Umsatz und Gewinnspannen mit US-Unternehmen mithalten. Das ist vorbei: Die sechs großen Tech-Giganten aus den USA zusammen erzielten allein im letzten Jahr 441 Mrd. USD Gewinn, das entspricht beinahe 25% des Marktwertes aller deutschen DAX-Unternehmen. Die USA geben so viel für Forschung und Entwicklung aus wie kein anderes Land (knapp doppelt so viel wie China).

Neben den reinen ökonomischen und geopolitischen Faktoren war es auch lange Zeit die auf dem Ideal der individuellen Freiheit beruhende kulturelle Anziehungskraft, die Menschen weltweit gebannt und zu einem laufenden Migrationsstrom von Bürgern und Ideen in die USA geführt hat. Mit der Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, der Weltleitwährung US-Dollar durch das Folge des Bretton-Woods-Systems (vgl. Newsletter 14 und 15/2025) und der enormen Anziehungskraft der freiheitlichen Demokratien ist die USA scheinbar unumkehrbar die führende Weltmacht geworden. Um einschätzen zu können, ob mit der Konkur-renz Chinas und der neuen Ausrichtung auf ‚America first‘ auch die Vormachtstellung Amerikas ein Ende finden kön-nte, ist erst einmal zu fragen, wie es eigentlich zu dieser Dominanz gekommen ist.

Die Rolle der global führenden Macht hatte seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg Großbritannien inne. Mit dem größten Kolonialreich, das bis zu einem Viertel der gesamten damaligen Weltbevölkerung und ¼ der Landfläche der Erde umfasste (u.a. Kanada, Indien, Pakistan, Australien, Neuseeland, Ägypten, Südafrika …), übte Großbritannien über ein Jahrhundert lang eine unan-gefochtene Dominanz über die Weltmeere und den Welt-handel aus. Das Land wurde zur ersten Industrienation, die dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus den Weg ebnete. Die Vereinigten Staaten waren in diesen Zeiten dagegen eher noch ein ökonomischer ‚Nachahmerstaat‘. Die Technologien und Industriepatente kamen überwiegend aus England, die meisten Nobelpreise gingen an deutsche Wissenschaftler.

Erst mit den Umwälzungen Anfang des 20. Jahrhunderts und dem ersten Weltkrieg verlor Großbritanniens zuse-hends seine Vormachtstellung. Neben der Entkolonialisie-rung mit dem Verlust der direkten Rohstoffquellen und dem zunehmenden wirtschaftlichen Erstarken der USA hatte der Niedergang vor allem finanzielle Gründe: Die Belastungen des Ersten Weltkriegs hatten die Staatsverschuldung Groß-britanniens in den 1920er Jahren auf 175% seines BIP anwachsen lassen und das Pfund Sterling verlor zusehend seinen Status als Leitwährung. In den USA betrug der Schuldenstand trotz Ersten Weltkrieges nur um die 30% der Wirtschaftsleistung. Selbst nach der Weltwirtschafts-krise 1929 hatten die USA nur einen Schuldenstand um die 40% erreicht.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde die USA mit dem US-Dollar als alleinige Leitwährung dann unangefochten zur Supermacht. Der Schuldenstand Großbritanniens machte 1946 enorme 270% des BIP aus. Die Vereinigten Staaten konnten es sich dagegen leisten, den Westen nachhaltig zu unterstützen und wieder aufzubauen. Sie profitierten dabei von dem immensen Zuzug der Menschen und Immigration der klügsten Köpfe aus Europa. Eine fortschrittliche Wirt-schaft entstand die bis heute Arbeitssuchende aus der ganzen Welt anzieht.

Die Bevölkerungszahl in den USA ist von um die 140 Millio-nen nach dem zweiten Weltkrieg auf heute 348 Millionen stetig angewachsen. Allein in den vergangenen 30 Jahren betrug der Zuwachs mehr als 77 Millionen Personen, fast so viel wie ganz Deutschland heute als Einwohner zählt. Damit liegt das Durchschnittsalter in den USA fast 10 Jahre unter dem deutschen, was ein klarer Standortvorteil ist, denn eine junge Bevölkerung ist innovativer und dynami-scher. Nicht zuletzt ist das ein Grund dafür, dass die USA auch technologisch in den letzten Jahren so dominierend geworden sind.

Demografische Entwicklung, wirtschaftliche und militärische Stärke sowie solide Staatsfinanzen scheinen also mit die entscheidenden Faktoren für das Entstehen und den Niedergang von großen Mächten zu sein. Hier ist auch ein Blick in die weiter zurückliegende Geschichte sehr auf-schlussreich. Der aus Schottland stammende und an Harvard lehrende Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hat einen sehr interessanten Zusammenhang zwischen Vertei-digungsausgaben, den Staatsschulden und dem Status einer Großmacht hergestellt (Hoover Institution, 21.02. 2025). Er hat anhand vieler historischer Beispiele das ‚Ferguson Gesetz‘ entwickelt, dass die Vormachtstellung eines Staates gefährdet ist, wenn er über einen längeren Zeitraum mehr Geld für die Zinszahlungen auf seine Schul-den ausgibt als für seine Verteidigung. Ferguson zieht den Schluss, dass der Schuldendienst dann die knappen Re-ssourcen des Staatshaushalts so belastet, dass die Mittel für die nationale Sicherheit eingeschränkt sind und den Staat zunehmend anfällig für militärische Bedrohunmgen machnt.

Demnach scheitern große Mächte mit militärischen und politischen Ambitionen letztendlich an begrenzten wirt-schaftlichen Mitteln, indem sie ihre Kräfte überdehnen. Ferguson hat eine Reihe von historischen Beispielen seit dem Aufstieg Westeuropas im 16. Jahrhundert analysiert: Das habsburgische Spanien konnte das Weltreich Karls V. nicht gegen die finanziell stärkeren Niederländer aufrecht-erhalten, da die Belastung der Staatsverschuldung zu groß wurde. (Spanien musste dann erneut Mitte des 19. Jahr-hunderts mehrere Schuldenschnitte durchmachen und legte 1882 eine Staatspleite hin, siehe obige Abbildung). Das bourbonische Frankreich verlor seine Kriege gegen Großbritannien im 19. Jahrhundert (beide Länder ver-stießen zunächst gegen das Ferguson’s Gesetz), weil die französischen Monarchen nicht mehr für geregelte Staats-finanzen sorgten, während sich England relativ entwickelter Kapitalmärkte und privater Wirtschaftskraft bedienen kon-nte. Weitere Fälle sind laut Ferguson das Osmanische 

Reich des späten 19. Jahrhunderts und der politische Niedergang Österreich-Ungarns nach 1867.

Infolge des Ersten Weltkrieges lagen die Zinszahlungen Großbritanniens für die Staatsschulden dann von 1920 bis ins Jahr 1937 durchweg über seinen Militärausgaben, gemäß Ferguson ein klarer Schwäche-Indikator. Mit dem Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg Ende 1941 konnte das Blatt aber letztendlich zugunsten der Alliierten gewendet werden. Amerikas Staatschulden stiegen damit zwar 1946 kurzzeitig auf 121% des US-BIP. Der Schulden-dienst des amerikanischen Staates machte damals aber gerade mal 2% ihrer BIP aus (Zinslastquote), was also die Möglichkeiten der USA zum Wiederaufbau des Westens in keiner Weise beeinträchtigte und genug Spielraum zur Aufrüstung ließ, als der kalte Krieg mit der UDSSR begann.

Die westlichen Staaten erlebten unter der Hegemonie der USA den Fall der Sowjetunion, konnten die Friedensdivi-dende einfahren und gerieten auch wegen der langen Niedrigzinsphase 2008 bis 2022 kaum in Konflikt mit der Ferguson’schen Grenze. Die absolute Staatsverschuldung stieg in Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/08 und der anschließenden europäischen Staats-schuldenkrise zwar deutlich. Aber niedrige Zinsen und ein langanhaltendes Wirtschaftswachstum bei sehr geringen Inflationsraten ermöglichte es den Staaten, ihre Verschul-dung in Relation zum BIP weitgehend im Griff zu behalten. Deutschlands Staatsschuldenquote konnte sogar von über 80% wieder im Jahr 2019 unter die Maastricht-Zielmarke von 60% abgesenkt werden.

Diese Zeiten sind aber vorbei. Mit den Verwerfungen der Coronapandemie, der in den Jahren 2022/23 explodierenden Inflation und damit der Zinsen sowie einer (zumindest in Europa bzw. Deutschland) sehr schwachen Wirtschaft steigen die Staatsschuldenquoten weltweit stark an. Betrugen die öffentlichen Schulden der G7-Staaten am BIP im Schnitt noch 75,1% im Jahr 2000, so beläuft sich die Schuldenquote heute bereits auf 125,7% und bis ins Jahr 2030 wird vom IWF ein Anstieg auf 137% prognostiziert. Eine Grenze für die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Staatsschulden ist wissenschaftlich nicht zu belegen, da es vor allem auf das Vertrauen in die Währung und Wirtschaftskraft eines Staates ankommt (Newsletter 4/2025).

Für Deutschland scheint das mit einem erwarteten Anstieg der Staatsschuldenquote von heute 62,5% auf 80-90% infolge der Schuldenpakete und Sondervermögen aber noch erträglich. Die gemäß Ferguson relevante Zinslast-quote ist und bleibt für Deutschland wohl auch im Rahmen: Die Zinsausgaben des Bundes belaufen sich heute immer noch auf weniger als 1% am deutschen BIP und könnten in den kommenden Jahren auf 1,5 bis 2,5% der Wirtschafts-leistung steigen. In den 1980er und 1990er-Jahren lag die Zinslastquote in Deutschland wegen der deutlich höheren Kapitalmarktzinsen schon mal über 2,5% (allerdings auch bei Verteidigungsausgaben von bis zu 3,2% am BIP in den Jahren 1981-83). Für Frankreich oder Italien dagegen sieht es schon nicht mehr so gut aus: Deren Zinslastquoten könnten in den kommenden Jahren auf bis zu 5 bis 6% steigen.

Damit zur Budgetsituation der (Noch-?)Weltmacht USA. Deren Staatsschuldenquoten von über 130% in Corona-Zeiten und 122,3% im letzten Jahr sind bereits höher als zum Höchststand der Verschuldung unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Mit den riesigen Konjunkturprogrammen der Biden- wie der Trump-Regierungen ist ein weiterer Anstieg auf 140 bis 150% in den nächsten zehn Jahren nicht zu verhindern. Das Congressional Budget Office (CBO) ging bereits im Mai davon aus, dass das staatliche Schulden-niveau bis 2050 auf 200% des BIP anwachsen könnte. Der vom Kongress verabschiedete ‚One Big Beauitful Bill Act‘ dürfte jetzt noch zusätzliche Haushaltslöcher reißen. Das strukturelle Ungleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen hat drei Haupttreiber: steigende Gesundheits-kosten, die Alterung der amerikanischen Bevölkerung und wachsende Zinskosten.

Da die Marktzinsen für 10-jährige US-Treasuries heute zwischen 4,0 und 4,75% rentieren und die durchschnittliche Laufzeit der Staatsschulden vergleichsweise kurz ist, steigt

die Zinsbelastung durch Wegfall der niedrigst verzinsten Bonds aus den 2010er Jahren sukzessive weiter an. Bereits heute wendet die US-Regierung 2,5% ihres BIP für Zinszahlungen auf, das sind um die 12% der gesamten Staatsausgaben. Dies wird sich in den kommenden zehn Jahren noch weiter auf 22% erhöhen und könnte in 2050 sogar 35% erreichen, einen absoluten Rekordwert unter den Industriestaaten. Hier ist ja vor allem das Verhältnis zu den Verteidigungskosten von Interesse. Obwohl die jähr-lichen Ausgaben des Pentagons fast dreimal so hoch wie das Militärbudget Chinas sind und mehr als zehnmal so hoch wie das von Russland, musste Washington in 2024 zum ersten Mal mehr Geld für Zinsen aufwenden, als es in Verteidigung investierte. Der kritische Punkt von Ferguson ist damit erreicht und wird noch für längere Zeit deutlich überschritten werden.

Der Druck zur Haushaltskonsolidierung ist also enorm. Wenn die Militärausgaben nicht wieder eingeschränkt werden (wonach es derzeit nicht aussieht), die Gesund-heitskosten in den USA aber demographiebedingt weiter steigen, müssen andere Ausgaben drastisch reduziert werden. Das dürfte zu massiven Verteilungskämpfen führen und nicht gerade konjunkturförderlich sein, obwohl der Staat ja gerade auf sprudelnde Steuerquellen angewiesen ist. Die Trump’schen Exzesse zur Erzielung von Zolleinnah-men, der Druck auf die FED zur Reduzierung der Zinsen oder auch die angestrebte Verringerung der militärischen Präsenz in aller Welt erscheinen unter diesem Aspekt auch in einem etwas anderen, rein fiskalischem Licht. Hoffen kann Amerika eigentlich nur darauf, dass sich die KI-Revolution und die technische Vorherrschaft in hohem 

Produktivitätswachstum niederschlagen (wohl auch ein Grund dafür, warum Trump so KI-affin ist). Oder nimmt Trump insgeheim eine höhere Inflation in Kauf, um mit finanzieller Repression die Zinslast zu reduzieren?

Allein mit dem Überschreiten der Ferguson’s Grenze ist der Niedergang der USA als Supermacht sicher nicht besiegelt. Doch zur Dramatik der Schuldensituation mit der erdrück-enden Zinsbelastung kommen weitere Faktoren hinzu: Donald Trump unterminiert mit seiner Politik eigentlich alles, was Amerika groß gemacht hat. Seine Anziehungs-kraft beruhte bislang nicht zuletzt auf wertebasierten As-pekten einer freien, demokratischen und rechtstaatlichen Gesellschaft. Daran kommen so erhebliche Zweifel auf, dass liberale Kräfte wie z.B. auch Spitzenforscher sich aufmachen das Land zu verlassen. Auch die Wirkung der ‚Soft Power‘ im Ausland nimmt spürbar ab, indem an der kulturellen Vorbildfunktion, der Mitwirkung an internatio-nalen Regeln und Institutionen sowie der Pflege von kon-struktiven Beziehungen zu Verbündeten große Fragezei-chen zu machen sind.   

Besonders gravierend dürfte sich daneben das bewusste Zurückdrängen der Migration in die USA auswirken. Erstmals in der Geschichte könnte die Bevölkerung in den Vereinigten zurückgehen. Die Nettozuwanderung hat in den vergangenen Jahren maßgeblich das Arbeitskräfte- und damit das Wachstumspotenzial erhöht, während die US-Bevölkerung selbst kaum noch wächst. Forscher rechnen bereits damit, dass per Saldo 500.000 Menschen mehr ab- als zuwandern werden.

Zudem ist die bewusste Schwächung des US-Dollars ein gefährlicher Drahtseilakt, vgl. Newsletter 14/2025. Dient sie zwar dem Ziel der Reduktion des US-Außenhandelsdefizits durch Unterstützung der US-Exporte, so ist die USA aber gerade auf einen steten Zufluss von Auslandskapital zur Finanzierung des Konsumhungers der Verbraucher und des Staatsdefizit angewiesen. Geht das Vertrauen in die Stabilität des Dollars und des US-Kapitalmarktes verloren, so droht dieser Kapitalzufluss zu versiegen. Vielmehr könnte auch die Funktion des US-Dollars als Leitwährung und zur Reservehaltung der Zentralbanken in Frage gestellt werden.

An dieser Stelle muss der Blick aber noch mal geweitet werden mit der Frage, welche Währung die Rolle des US-Dollars dann übernehmen und damit zusammenhängend, welche Macht anstelle der USA in der Welt dominierender

werden könnte. China ist wirtschaftlich und technologisch ohne Zweifel bereits nahe an die USA herangerückt und strebt eine geopolitische Vormachtstellung an. Das Land hat aber selber große strukturelle Probleme, das schnelle Wachstum und die hochsubventionierte Wirtschaft am Laufen zu halten. Eine fundierte Einschätzung der Ver-schuldungssituation bzgl. der Ferguson’schen Grenze ist aufgrund der Intransparenz bzgl. der chinesischen Zahlen allerdings kaum möglich. Mit dem nicht konvertierbaren Yuan und einem für Ausländer nur eingeschränkt zugäng-lichen Kapitalmarkt sind die Voraussetzungen für eine Weltwährung auf jeden Fall kaum gegeben.

Ein gewaltiges Demographieproblem kommt in China hin-zu: Nach Jahrzehnten der Ein-Kind-Politik von 1980 bis 2015 ist China so etwas wie ein ‚kinderloser Staat gewor-den‘. China hat heute mit ca. 1,0 pro Frau eine der gering-sten Geburtenraten der Welt (Japan 1,2, Deutschland 1,4, USA 1,6) und vor allem einen Männerüberschuss von 1,2 zu 1. Dieses Phänomen hat China im Übrigen mit dem späten Römischen Reich gemeinsam, in dem der Männer-überschuss, der Mangel an Arbeitswilligen (Sklaven), hoher Steuerdruck, (Miet-)Preiswucher in den Städten sowie die sozialen Ungleichheiten zu so großen Spannungen führte, dass den Angriffen von außen nur noch wenig gegenüber-gesetzt werden konnte und das Reich verfiel…

Auch der Euro, mit einem Anteil von 20% an den globalen Währungsreserven immerhin auf dem zweiten Platz, kann aufgrund der Vielstimmigkeit des Staatengebildes und eines fragmentierten, zu kleinen Kapitalmarktes bis auf weiters kein Dollar-Ersatz sein. Und Russland ist trotz oder

gerade wegen seiner Expansionsgelüste kaum mehr in der Lage den USA die Stirn zu bieten, sondern droht seine Ressourcen eher zu überdehnen. Der US-Dollar wird daher weitgehend seine Vormachtstellung noch für längere Zeit behalte können. Politisch, militärisch und kulturell bekom-men die Vereinigten Staaten aber auf jeden Fall Konkur-renz und werden die Welt nicht mehr so dominieren wie in den letzten 80 Jahren. Ob die USA in zukünftigen globalen Krisen (z.B. einem Überfall Chinas auf Taiwan) noch in der Lage und willens sein werden, mit aller wirtschaftlicher und politischer Macht entschieden dagegen zu halten, kann bezweifelt werden.

Zu rechnen ist mit einem eher multipolaren System, das womöglich aus mehreren, mehr oder weniger stark von-einander abgegrenzten Einflussspähen und Wirtschafts-räumen besteht. Dies macht die Welt auf jeden Fall kom-plexer und wirtschaftlich eher schwächer. Für Europa be-steht damit die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten und zerrieben zu werden. Auf der anderen Seite könnte Europa auch aus der Situation das beste machen und mit den Ländern und Weltregionen verstärkt zusammenarbei-ten, die sich weiter an weltweite Regeln halten wollen und an guten Handelsbeziehungen interessiert sind (z.B. Kanada, Südamerika/Mercusor, Indien, Japan, Indonesien, Australien, Neuseeland, Südkorea etc.). Wenn hierzu eigene protektionistische Interessen (z.B. in der Landwirt-schaft) aufgegeben werden und Europa wirklich enger in Verteidigung und Außenpolitik zusammenrückt, kann Euro-pa ein gefragter Partner werden. Und letztendlich vielleicht als letzte Bastion der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit auch eine große Sogwirkung auf die Menschen entfalten, die demokratische Werte teilen. 

In aller Kürze:

Die Vereinigten Staaten sind wirtschaftlich und politisch ohne Zweifel die global führende Supermacht der letzten Dekaden. Mit der Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem US-Dollar als Leitwährung hat die USA bislang auch eine große Anziehungskraft als freiheitliche Demokratie entfaltet. Diese Dominanz ist aber erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ent-standen. Zuvor war Großbritannien für lange Zeit die global führende Macht mit seinem ein Viertel der Welt umfassenden Kolonialreich, der Herrschaft über die Weltmeere und den Welthandel sowie als erste Industrienation. Der Niedergang als Weltmacht hatte dann vor allem finanzielle Gründe: Die Belastungen des Ersten Weltkrieges hatten die Staatsverschuldung Großbritanniens in den 1920er Jahren auf 175% seines BIP anwachsen lassen und das Pfund Sterling verlor zusehend seinen Status als Leitwährung. Erst recht waren die Finanzen nach dem 2. Weltkrieg mit einem Schuldenstand von enormen 270% zerrüttet.

- In den USA dagegen erreichten die Staatsschulden in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts trotz Weltwirtschafts-krise maximal 40% der Wirtschaftsleistung. Auch nach den Belastungen der Zweiten Weltkrieges blieb genug finanzieller Spielraum, um den Westen nachhaltig zu unterstützen und zur Aufrüstung, als der kalte Krieg mit der UDSSR begann. Die Vereinigten Staaten profitierten dabei auch von dem immensen Zuzug der Menschen und klügsten Köpfe aus Europa. Die Bevölkerungszahl in den USA ist von um die 140 Millionen nach dem zweiten Weltkrieg auf heute 348 Millionen stetig ange-wachsen. Damit liegt das Durchschnittsalter in den Staaten fast 10 Jahre unter dem deutschen, was ein klarer Standortvorteil ist, denn eine junge Bevölkerung ist innovativer und dynamischer. Sicher mit ein Grund dafür, dass die USA auch technolo-gisch in den letzten Jahren so dominierend geworden sind.

- Den Zusammenhang zwischen Verteidigungsausgaben, den Staatsschulden und dem Status einer Großmacht hat der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson eingehender untersucht (Hoover Institution, 21.02.2025). Er kommt auf Basis vieler historischer Beispiele zu dem Ergebnis, dass die Vormachtstellung eines Staates dann gefährdet ist, wenn er über einen längeren Zeitraum mehr Geld für die Zinszahlungen auf seine Schulden ausgibt als für seine Verteidigung. Die Überdehnung der Staatsfinanzen mit der Folge des Niedergangs hat Ferguson u.a. an den Beispielen des habsburgischen Spaniens Anfang des 18. Jahrhunderts und des bourbonischen Frankreichs im 19. Jahrhundert demonstriert. In Großbritannien überstieg der Schuldendienst dann von 1920 bis ins Jahr 1937 durchweg seine Militärausgaben, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, deren Zinskosten für die Staatsschulden selbst nach dem Zweiten Weltkrieg gerade mal 2% ihres BIPs ausmachten.

- In den letzten Jahren ist die Staatsschuldenquote aber weltweit massiv angestiegen, in den G7-Staaten im Schnitt von 75,1% im Jahr 2000 auf heute 125,7% (IWF). In Deutschland scheint das trotz Schuldenpakete und Sondervermögen noch erträglich zu sein. Die gemäß Ferguson relevante Zinslastquote beläuft sich heute noch auf weniger als 1% am deutschen BIP und könnte in den kommenden Jahren auf noch maßvolle 1,5 bis 2,5% steigen. In den USA dagegen ist nicht nur der höchste Stand der Schuldenquote seit dem 2. Weltkrieg bereits überschritten und wird in den kommenden 10 Jahren weiter auf 140 bis 150% des BIPs anziehen. Belastend ist vor allem, dass die US-Regierung bereits heute 2,5% ihres BIP für Zinszahlungen aufbringen muss, 12% des gesamten Staatshaushaltes. Das übersteigt die Militärausgaben und der kritische Punkt von Ferguson ist damit erreicht. Aufgrund der riesigen Konjunkturprogramme und der gestiegenen Zinsen wird sich die Zinslastquote des US-Staates aber in den kommenden zehn Jahren gemäß Projektionen weiter auf 22% erhöhen, einen absoluten Rekordwert unter den Industriestaaten.

- Neben dem rein fiskalischen Sprengstoff kommen weitere Faktoren hinzu: Donald Trump unterminiert mit seiner Politik eigentlich alles, was Amerika groß gemacht hat. Seine Anziehungskraft beruhte bislang nicht zuletzt auf wertebasierten Aspekten einer freien, demokratischen und rechtstaatlichen Gesellschaft. Die Wirkung dieser ‚Soft Power‘ nimmt damit im Ausland spürbar ab, indem an der Respektierung internationaler Regeln und Institutionen sowie der Pflege von konstruktiven Beziehungen zu Verbündeten große Einschränkungen zu machen sind. Besonders gravierend dürfte sich daneben das bewusste Zurückdrängen der Migration in die USA auswirken. Erstmals in der Geschichte könnte die Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zurückgehen. Zudem ist die bewusste Schwächung des US-Dollars ein gefährlicher Drahtseilakt, der die Funktion des US-Dollars als Leitwährung und zur Reservehaltung der Zentralbanken tangiert.

- Allerdings ist zumindest beim Dollar kein erstzunehmender Ersatz in Sicht. Hier kann China trotz seiner ohne Zweifel erheblich gestiegenen wirtschaftlichen und technologischen Macht mit dem nicht konvertierbaren Yuan und einem für Ausländer nur eingeschränkt zugänglichen Kapitalmarkt bei weitem nicht mithalten (China hat sich nebenbei mit der Ein-Kind-Politik ein massives Demographieproblem eingehandelt). Politisch, militärisch und kulturell bekommen die Vereinigten Staaten aber auf jeden Fall Konkurrenz und werden die Welt nicht mehr so dominieren wie in den letzten 80 Jahren. Zu rechnen ist mit einem eher multipolaren System, das womöglich aus mehreren, mehr oder weniger stark voneinander abgegrenzten Einflussspähen und Wirtschaftsräumen besteht. Wenn Europa aus dieser Situation das beste macht und verstärkt mit den Ländern und Weltregionen zusammenarbeitet, die sich weiter an weltweite Regeln halten wollen und an guten Handelsbeziehungen interessiert sind, kann Europa durchaus ein gefragter Partner werden: Letztendlich vielleicht als letzte Bastion der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit auch eine große Sogwirkung auf die Menschen entfalten, die demokratische Werte teilen. 

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