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NEWSLETTER 21/2025:
Wir müssen uns noch einige Zumutungen gefallen lassen, damit es wieder aufwärts geht

Mit all den geopolitischen Krisen und Kriegen, der Klimabedrohung, der durchgemachten Corona-Pandemie und Hochinflationsphase, der seit drei Jahren stagnierenden deutschen Wirtschaft sowie den politischen Querelen hat die Zukunftszuversicht natürlich stark gelitten. Dabei sollte man einräumen, dass die tatsächlichen Belastungen jedes Einzelnen in der Mehrzahl noch gar nicht so groß sind. Trotz aller Unsicherheit sollte vielmehr gesehen werden, dass wir unsere Möglichkeiten und Handlungsoptionen bei weitem noch nicht ausgeschöpft haben. Werden der ultimative Handlungsdruck anerkannt und die Zumutungen auf alle Gesellschaftsschichten möglichst fair verteilt, so kann eine mutige Reformpolitik verbunden mit einer überzeugenden Zukunftsvision viel bewirken.

Zu den Ursachen der hohen Verunsicherung der Deutschen in den letzten Monaten und Jahren brauche ich wohl kaum viele Worte zu verlieren. Ein paar Schlagworte und ökonomische Daten zu Deutschland mögen genügen:

- ‚Kranker Mann Europas‘: Deutschlands reales BIP befindet sich im 3. Quartal 2025 noch unter dem Wert vom Q3/2019, in der EU ist das reale BIP im gleichen Zeitraum um +7,0% gestiegen.
- Die Verbraucherpreise liegen heute um 23,1% über dem Niveau vom Herbst 2019.
- In der Industrie gingen in den letzten 12 Monaten 146.000 Stellen verloren. Die Zahl der Arbeitslosen ist im August 2025 erstmals seit Februar 2015 wieder über 3 Millionen gestiegen.
- Im laufenden Jahr werden 22.000 bis 23.000 Unterneh-mensinsolvenzen erwartet, so viel wie seit 2015 nicht mehr.
- Der Economic Policy Uncertainty Index EPU für Deutsch-land (Auswertung von Medien bzgl. Schlagwörtern auf Unsicherheit bzgl. wirtschaftlicher Entwicklungen, siehe Newsletter 16/2025) hat sich in den 2020er-Jahren im Schnitt nahezu versechsfacht zum letzten Jahrzehnt (beachte Skala der beiden Grafiken!).

Das drückt alles mächtig auf die Stimmung. Aber die Krise und der Handlungsdruck scheint noch nicht so richtig bei Allen angekommen zu sein. Studien kommen eher zu dem Ergebnis, dass die allgemeinen Lebenszufriedenheit der Menschen in Deutschland selten größer war als heute und sich seit 2004 stark verbessert hat. Im aktuellen Glücks-atlas (Institut für Demoskopie Allensbach) bewerten die Deutschen ihr Wohlbefinden leicht höher als 2024 mit durchschnittlich 7,09 Punkten auf einer Skala zwischen null und zehn. Von den Befragten beschrieben sich sogar 49 Prozent als hochzufrieden. Damit liegt die Lebenszufrie-denheit hierzulande wieder auf dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. Interessant hierbei vor allem, dass gemäß aktuellen Befragungen der Forschungsgruppe Wahlen die eigene wirtschaftliche Situation mit 59% als gut bezeichnet wird. Dagegen sagen das nur 9% in Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Lage.

Woher kommt diese Diskrepanz? Hier spielt sicher eine Rolle, dass sich der kurzfristig große wirtschaftliche Einbruch während der Corona-Pandemie relativ wenig auf die Beschäftigung ausgewirkt hat. Durch das Kurzarbeiter-geld und Eingriffe ins Insolvenzrecht konnten die Unter-nehmen die meisten Arbeitnehmer erst mal halten, auch im Hinblick auf den befürchteten Fachkräftemangel. Echte Krisensituationen bezüglich der Beschäftigung in Deutsch-land hatten wir mit Arbeitslosenquoten weit über 10% in den Jahren 1994 bis 2006. Die heutige Quote mit 6,2% ist da noch eher moderat. Durch die kräftigen Lohnsteigerun-gen der letzten drei Jahre mit einem Plus von 16,9% konnten die Inflationssteigerungen und Nettolohnverluste der Jahre 2020 bis 2022 weitgehend ausgeglichen werden: Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte befinden sich 26,3% über dem Stand von vor fünf Jahren. Sie sind also mehr gestiegen als die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum.

Auch wenn insbesondere die Lebensmittelteuerung noch als hoch wahrgenommen wird bewegt sich die gesamte Geldentwertung, gemessen am aktuellen Warenkorb, seit Frühjahr 2024 wieder um die von der Geldpolitik ange-peilten +2,0% jährlich. Ebenfalls sind die gesetzlichen Renten in den letzten 5 Jahren um 22,8% gestiegen und haben die Inflation damit nahezu ausgeglichen. Im statis-tischen Mittel geht es den Bürgern damit heute eigentlich noch recht gut. Auch die Vermögensbildung ist in den krisenbehafteten letzten Jahren nicht zu kurz gekommen: Seit dem Jahr 2020 sind die Geldvermögen der privaten Haushalte um knapp 2 Billionen Euro (!) und damit um 27,8% gestiegen. Darin kommt zum einen die besonders hohe Sparquote in Corona-Zeiten mit bis zu 17% zum Ausdruck. Auch heute werden immer noch 11,3% des verfügbaren Einkommens gespart. Zum anderen konnten an den Aktienmärkten in den letzten Jahren trotz aller Krisen hohe Renditen erzielt werden. Der DAX hat jetzt bereits im dritten Jahr um die 20% p.a. an Wert zugelegt. Von Wirtschaftskrise ist da wenig zu sehen.

Die individuellen Verhältnisse, gerade auch von Menschen mit kleineren Einkommen und geringem Vermögen, mögen von dieser Situationsbeschreibung abweichen. Aber wir müssen uns schon eingestehen, dass uns bislang größere Einschränkungen noch gar nicht getroffen haben. Der deutsche Staat sieht sich enormen Mehrausgaben durch die massiv gestiegenen Verteidigungslasten und einem Investitionsstau bei Infrastruktur und Bildung in Höhe von 600 Mrd.€ gegenüber (Institut der deutschen Wirtschaft/ Hans-Böckler-Stiftung). Wie soll das bitte ohne Belastung der Bürger durch Ausgabenkürzungen oder Steuerhöh-ungen finanziert werden? Mit den Ausnahmen von der Schuldenbremse für Militärausgaben und dem Sonder-vermögen (was an sich sinnvoll ist, siehe Newsletter 11/2025) wird den Bürgern sogar signalisiert, dass diese Anstrengungen ohne direkte Auswirkungen auf die Finan-zen der Bürger bewältigt werden könnten.

Hier fehlt ganz entscheidend die schonungslose Benen-nung der Mega-Herausforderungen und Aussagen der Politik zu erforderlichen Einschränkungen. Wo ist die konkrete Zukunftsvision einer zupackenden und geeinten Regierung, die zu gemeinsamen Anstrengungen motiviert und Zumutungen erst möglich machen? Die Probleme in den Sozialversicherungssystemen, der Belastung der Wirtschaft durch Bürokratie und Energiekosten, mit der Ertüchtigung der Bundeswehr, der Wohnungsnot, mit der demografischen Entwicklung, dem Klimawandel und der immer mehr zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft sind so groß, dass umgehend nachhaltige Reformen an-gegangen werden müssen.

An der Substanz und Ansatzpunkten für Maßnahmen fehlt es nicht. Das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland (Summe aller Geld-, Sach- und Gebrauchs-vermögen, abzüglich Schulden im Eigentum von Privaten und Organisationen ohne Erwerbszweck, Quelle: Armuts- und Reichtumsbericht der Bunderegierung, 02.10.2025) beläuft sich Stand Ende 2023 auf 20,4 Billionen Euro (zum Vergleich:  Gesamtverschuldung des öffentlichen Gesamt-haushalts zum Q2/2025 von 2,6 Billionen). Das Vermögen in Deutschland ist aber sehr ungleich verteilt: Gemäß einer Studie der Bundesbank besitzen 10 Prozent der Bevöl-kerung mehr als 60 Prozent des privaten Vermögens. Im Vergleich mit 20 weiteren europäischen Ländern weist demnach nur Österreich eine noch ungleichere Struktur auf. Laut aktuellen Schätzungen des Manager Magazins gibt es gegenwärtig 256 Milliardäre/-innen in Deutschland. Den Top-100 gehören demnach 578 Mrd.€, eine Verdrei-fachung seit 2001. Hohe Vermögen sind dabei stark mit Immobilien- und Unternehmensbesitz korreliert.

Im Jahr 2024 wurden nach Daten des Statistischen Bun-desamt insgesamt 113,2 Mrd.€ vererbt oder verschenkt und

auch steuerlich erfasst. Nicht enthalten sind darin allerdings die kleineren Erbschaften/Schenkungen, die innerhalb der Freibeträge liegen. So werden die jährlichen Gesamtüber-tragungen auf ca. 400 Mrd. geschätzt. Auf die veranlagten 113,2 Mrd. wurden 2024 zunächst 13,3 Mrd. an Steuern festgesetzt. Tatsächlich bezahlt dann aber nur 10,0 Mrd. (effektiver Steuersatz von 8,8%), da aufgrund der soge-nannten Schonungsbedarfsprüfung 45 Großerben bei der Vererbung von Unternehmen 3,4 Mrd. an Steuern ganz erlassen wurde. Gemäß der Veröffentlichung des Netzwerk Steuergerechtigkeit vom 03.09.2025 lag damit der tatsäch-liche Steuersatz für Übertragungen über 20 Mio.€ bei 5,9%. Für Übertragungen in Höhe bis zu 200 T€ (über den Frei-beträgen) errechnet sich dagegen ein Steuersatz von um die 13,2%.

In den großen Vermögen und Erbschaften in Deutschland liegen damit ohne Zweifel erhebliche Potenziale, die aus Gerechtigkeitsgründen höher besteuert werden können. Eine Vermögenssteuer wird seit 1997 nach einem Urteil des BVerG gar nicht mehr erhoben, da die korrekte Er-fassung von Marktwerten sehr schwierig und aufwändig ist und daher die Besteuerung von Vermögen von den meisten Ländern abgeschafft wurde (bis auf Spanien, Norwegen und die Schweiz, die 0,6 bis 4,3% ihres Steueraufkommens daraus bestreiten; Frankreich erhebt eine Immobilienver-mögenssteuer und diskutiert neuerdings die Wiedereinfüh-rung einer Reichensteuer). Bei der Erbschaftssteuer be-steht auf jeden Fall großer Reformbedarf auch wenn es nicht trivial ist, für den Übergang von Betriebsvermögen an die nächste Generation Regelungen zu finden, ohne die Fortführung der Unternehmen zu gefährden. Zahlreiche Vorschläge mit einer breiten Bemessungsgrundlage aber einheitlichem, relativ geringem Steuersatz von z.B. 5-10% und großzügigen Stundungsregeln für Unternehmen liegen auf dem Tisch. Noch in diesem Jahr könnte auch ein Urteil des BVerfG die Bundesregierung hier zum Handeln zwingen.

Aufgrund der enormen Herausforderungen vor denen Deutschland steht, wäre nach m.E. aber auch eine (ein-malige) Abgabe auf große Vermögen (etwa ab 10 Mio.€) und hohe Einkommen (ab 500 T€ p.a.) eine denkbare Variante. Gut begründet und mit klar auf Zukunftsprojekte definierter Mittelverwendung würde sich hier kaum jemand ernsthaft dagegen aussprechen können. Um die Probleme der Vermögensbewertung zu umgehen, könnte z.B. nur auf das Geldvermögen der privaten Haushalte abgestellt werden, dass sich aktuell auf 9,4 Billionen Euro beläuft. Werden von den 10% der vermögendsten Haushalte, die zusammen 5,1 Billionen besitzen, einmalig eine Sonderab-gabe von 5% erhoben, so kämen rechnerisch 254 Mrd.€ zusammen.

Bei der Einkommenssteuer würde es sich eher um symbo-lische Beträge handeln. Im Jahr 2020 (Datensammlung zur Steuerpolitik 2025 des Bundesfinanzministeriums) hatten 79.100 Deutsche EK-steuerpflichtige Jahreseinkünfte über 500 T€ und zahlten dafür zusammen 40,0 Mrd. an Steuern. Darauf eine Sonderabgabe in Höhe von 5% würde gerade mal 2,0 Mrd. ergeben. Auch wenn aus Solidaritätsaspekten und zur Vermeidung von Sprungstellen allen Steuerpflichti-gen daneben eine Sonderabgabe von 1, 2, 3 bzw. 4% (für steuerpflichtige Einkommen zwischen 20 - 40 T€, 40 - 70 T€, 70 - 100 T€ und 100 bis 500 T€) erhoben würde, so kämen dabei zusätzliche 6,4 Mrd. zusammen, insgesamt also 8,4 Mrd. für alle EK-Steuerpflichtigen (was nach heutigen Werten für 2024 etwa 10,2 Mrd. entspräche).

Eine faire Belastung Aller orientiert an ihrer Leistungs-fähigkeit sollte das entscheidende Kriterium für derartig einschneidende Maßnahmen sein. Dazu gehören ohne Zweifel auch die Sozialausgaben und weitere Reformen z.B. in den Sozialversicherungssystemen um die Kosten der Arbeit und des Standorts Deutschlands wieder tragfähig zu machen. Wie stark die Sozialausgaben in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft: Wurden im Jahr 1992 nur 35% des Bundesetats für soziale Leistungen aufgewendet, so waren es im letzten Jahr bereit 48%. Im Gegenzug sank der Anteil der Investitionen am Haushalt von 15,4% in 1992 auf 8,6% im Jahr 2021. Gegenwärtig beläuft er sich wieder auf 12,2%. Alle Sozialausgaben zusammen betrugen im Jahr 2024 in Deutschland mehr als 1,3 Billionen Euro, über 30% der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Die Bruttoanlageinvestitionen von Staat und Wirtschaft erreichten dagegen im letzten Jahr nur einen Anteil von 20,5% am deutschen BIP.

Die Herausforderungen sind so groß, dass zur Bewältigung wirklich jeder beitragen und spürbare Einschränkungen akzeptieren muss: Ob Bürgergeldempfänger, Steuerpflich-tiger, Konsument, Vermögender oder auch Rentner. Und für Steuergeschenke an einzelne Gruppen besteht keinerlei Spielraum. Hier muss also ein großer Wurf her, der über alle Ansatzpunkte hinweg einschneidende Reformen auf den Weg bringt. Erforderlich sind großer politischer Wille und Mut, verbunden mit einer inspirierenden Zukunftsidee, 

da auch der psychologische Effekt entscheidend ist. Wenn alle betroffen sind und wissen wofür die Anstrengung dienen soll, kann mit gemeinsamem Handeln eine echte Aufbruchstimmung erzeugt werden. Hierzu würde auch beitragen, dass einige Leuchtturmprojekte angepackt werden, die relativ schnell zu sichtbaren Ergebnissen führen.

Schon einmal konnte sich Deutschland aus einer prekären wirtschaftlichen und sozialen Lage mit mutigen Reformen befreien. Das waren die Schröder’schen Reformen der Agenda 2010, die in den Jahren 2003 bis 2005 mit erheb-lichen Veränderungen im Arbeitsrecht, bei Arbeitslosengeld bzw. Sozialhilfe und in der Ausgestaltung arbeitsmarktpoli-tischer Leistungen die Wirtschaft wieder in Schwung brachte. Die Arbeitslosigkeit halbierte sich von knapp 5 Millionen 2005 in den Folgejahren und die Lohnstückkosten sanken in Deutschland von 2002 bis ins Jahr 2007 um ca. 15%. Selbst die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 konnte der Aufwärtsentwicklung am Arbeitsmarkt nichts anhaben. Heute dagegen ist Arbeit wieder sehr teuer geworden, zwischen 2011 und 2024 sind die Lohnstück-kosten in Deutschland um 31% gestiegen, auch weil wir heute deutlich weniger arbeiten: Die Zahl der effektiv gearbeiteten Tage ist laut IAB von 213,2 im Jahr 2010 auf nur noch 203,3 Arbeitstage im Jahr 2023 gesunken (bzw. auf 1.343 Arbeitsstunden im Jahr, dem geringsten Wert unter allen 38 OECD-Ländern).

Es ist damit wohl (höchste) Zeit für einen erneuten Kraftakt. Dass die Bevölkerung bei konkreter Perspektive und über-zeugenden Zielen bereit ist einige Zumutungen zu tragen, zeigt der Wahlerfolg der pro-europäischen D66 bei den jüngsten Parlamentswahlen in den Niederlanden. Mit Fokus auf den für die Wähler wichtigen Themen Wohnungskrise, Zustand des Gesundheitssystems und Migration umfasste das Wahlprogramm der D66 auch steuerliche Mehrbelas-tungen, die Abschaffung bestimmter Steuervergünstigun-gen, größere Verteidigungsausgaben und die (langfristige) Überführung staatlicher Leistungen in eine Art Grundver-sorgung. Mit Optimismus und bewusster Gegenposition zu dem Schwarzmalen des Rechtsradikalen Wilders konnte der erst 38-jährige Rob Jetten damit aber die Wahlen für sich entscheiden (Wahlslogan: „Es ist doch möglich“, Ankündigung 10 neue Städte zu bauen 😉…).

In aller Kürze:

Die Verunsicherung der Deutschen in den letzten Monaten und Jahren ist gemessen am EPU-Unsicherheitsindikator sechsmal so groß wie im Schnitt der 2010er Jahre (per Saldo stagnierende Wirtschaft seit 6 Jahren, Inflationsschub, Energiekrise, Ukraine-Krieg, geopolitische Unsicherheiten, Trumps Zollkrieg…). Dennoch scheinen die Krise und der Handlungsdruck noch gar nicht so richtig bei Allen angekommen zu sein. Studien kommen eher zu dem Ergebnis, dass die allgemeinen Lebenszufriedenheit der Menschen in Deutschland selten größer war als heute. Interessant hierbei vor allem, dass gemäß aktuellen Befragungen der Forschungsgruppe Wahlen die eigene wirtschaftliche Situation mit 59% als gut bezeichnet wird. Dagegen sagen das nur 9% in Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Lage.

Rein wirtschaftlich stehen die Einzelnen auch gar nicht schlecht dar: Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte befinden sich 26,3% über dem Stand von vor 5 Jahren und sind damit sogar mehr gestiegen als die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum. Auch Arbeitslosigkeit ist angesichts des Fachkräftemangels für viele noch keine echte Bedrohung. Und die Geldvermögen der privaten Haushalte sind seit dem Jahr 2020 wegen der hohen Sparquote und dem Boom an den Aktienmärkten um knapp 2 Billionen Euro (!) gestiegen. Daneben signalisiert der Staat, dass die enormen Herausforderungen und Mehrausgaben z.B. für Verteidigung und die Infrastruktur ohne große Belastung der Bürger durch Ausgabenkürzungen oder Steuerhöhungen nur über neuen Schulden finanziert werden könnten.

Hier fehlt ganz entscheidend die schonungslose Benennung der Mega-Herausforderungen und Aussagen der Politik zu erforderlichen Einschränkungen. Die Probleme in den Sozialversicherungssystemen, der Belastung der Wirtschaft durch Bürokratie und Energiekosten, der Wohnungsnot, mit der demografischen Entwicklung, dem Klimawandel und der immer mehr zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft sind so groß, dass umgehend mutige und nachhaltige Reformen angegangen werden müssen. Hierzu müssen wirklich alle beitragen und spürbare Einschränkungen akzeptieren: Ob Bürgergeldempfänger, Steuerpflichtiger, Konsument, Vermögender und auch Rentner.

An der Substanz und Ansatzpunkten für Maßnahmen fehlt es nicht. Das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland beläuft sich Stand Ende 2023 auf 20,4 Billionen Euro, wobei 10 Prozent der Bevölkerung mehr als 60 Prozent des privaten Vermögens besitzen. Mit einer einmaligen Sonderabgabe von 5% auf das reine Geldvermögen dieser Gruppe würden rein rechnerisch 254 Mrd.€ zusammenkommen. Auch die Erbschaftssteuer bietet Potenzial und bedarf dringend einer Reform, um die steuerliche Besserstellung großer Übertragungen von Unternehmen angemessen zu belasten (hier wurden seit 2021 ca. 24 Mrd. an Vermögen durch Einzelfallentscheidungen praktisch steuerfrei vererbt). Auch dem Auftrieb der Sozialabgaben muss etwas entgegengesetzt werden, da diese heute 48% des gesamten Bundeshaushaltes beanspruchen (1992 waren es nur 35%). An einer grundlegenden Reform der Sozialversicherungen, v.a. des Rentensystems, führt kein Weg vorbei, um die Kosten der Arbeit und des Standorts Deutschlands wieder tragfähig zu machen.

Hier muss also ein großer Wurf her, der großen politischen Willen und Mutes bedarf, verbunden mit einer inspirierenden Zukunftsidee, da auch der psychologische Effekt entscheidend ist. Wenn alle betroffen sind und wissen wofür die Anstren-gung dienen soll, kann mit gemeinsamem Handeln eine echte Aufbruchstimmung erzeugt werden. Hierzu würde auch beitragen, dass einige Leuchtturmprojekte angepackt werden, die relativ schnell zu sichtbaren Ergebnissen führen. Schon einmal konnte sich Deutschland aus einer prekären wirtschaftlichen und sozialen Lage mit den Schröder’schen Reformen der Agenda 2010 befreien. Dass die Bevölkerung bei konkreter Perspektive und überzeugenden Zielen bereit ist einige Zumutun-gen zu tragen zeigt, auch der Wahlerfolg der pro-europäischen D66 bei den jüngsten Parlamentswahlen in den Niederlanden.

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