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NEWSLETTER 18/2025:
Bio-Landwirtschaft und Selbstversorgung mit Lebensmitteln in Deutschland

Schon auffällig: Wurde die Überproduktion von Lebensmitteln in Deutschland (z.B. bei Schweinefleisch) vor ein paar Jahren aus ökologischen Gründen noch eher kritisch betrachtet, so wird jetzt schon mal vorsichtig hinterfragt, wie sich Deutschland in einem Krisenfall selbst versorgen könnte. Das ist naturgemäß ja nach Produkt sehr unterschiedlich, aber bei vielen Grundnahrungsmitteln sieht es gar nicht so schlecht aus. In diesem Kontext kann man auch diskutieren, wie sich der klare Trend zur Bio-Landwirtschaft weiter entwickeln wird, der in letzter Zeit etwas abgeflacht ist. Immerhin ist der Flächenverbrauch je Ertragsmenge im Pflanzenanbau bei ökologischer Bewirtschaftung im Schnitt um ca. 25 Prozent höher ist als in der konventionellen Landwirtschaft.

Der Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln war lange Zeit in Deutschland kein großes Thema. Der internationale Handel gemäß der relativen Vorteilhaftigkeit bzgl. Preis und Produktionsmöglichkeiten bringt beiden Seiten Vorteile, dem Erzeugerland und den Verbrauchern im Importeurland. Doch angesichts der weltweiten Krisen und dem Trend zur Deglobalisierung wird plötzlich in Zeitungen wieder darüber geschrieben, wie sich Deutschland im Ernstfall selbst versorgen könnte.

Ohne aus dem Ausland importiertes Tierfutter lag der Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln in Deutschland im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre bei 83 Prozent, mit leicht abnehmender Tendenz. Das hört sich erst einmal gut an. Doch die Spannweite in breit: Bei Fleisch (insb. Schweinefleisch) produzieren wir seit langem mehr als wir verbrauchen, aktuell 120,5%. Auch bei Zucker und Kartoffeln erzeugt Deutschland 50% mehr als hierzu-lande benötigt. Bzgl. (Konsum-)Milch und Getreide liegt die Produktion ebenso leicht über dem Verbrauch. Der Bedarf an wichtigen Grundnahrungsmitteln ist daher gedeckt. Bei Eiern sind wir dagegen nur zu 72% autark und erst recht bei Gemüse, Obst und Fisch sind wir sehr stark auf den 

Import angewiesen. Während es bei Speisezwiebeln noch zu 70% und bei Möhren sogar zu 79% reicht, stammt jeder zweite verbrauchte Apfel aus dem Ausland, bei Tomaten sind es sogar 96%.

Dass wir einen Teil der benötigten Lebensmittel aus dem Ausland importieren ist natürlich auch logisch. Durch großflächigeren Anbau und günstigere Produktionsbedin-gungen sind viele Obst- und Gemüsesorten im Import deutlich preiswerter als aus dem heimischen Anbau bzw. lassen sich hierzulande gar nicht sinnvoll anbauen. Dazu kommt unser Konsumverhalten: Wird ganzjährig eine große Sortenvielfalt nachgefragt, bestimmt diese Nachfrage das Angebot.

Hierdurch entstehen naturgemäß Abhängigkeiten und Gefahren für die Versorgungssicherheit, wenn sich der Import auf wenige Länder bzw. Regionen beschränkt und es dort verstärkt zu Ernteausfällen infolge von Naturkatas-trophen oder dem globalem Klimawandel kommt. Die Gefahr für Missernten wächst und Schädlinge breiten sich aus. Gemäß einer Studie von BCG könnte die weltweit produzierte Menge der 15 wichtigsten Anbaupflanzen (die für 70% des globalen Kalorienverbrauchs stehen), durch den Klimawandel bis 2050 um bis zu 35% sinken.

Neben klimatischen Extremen wirken auch geopolitische Unsicherheiten, Handelsbarrieren und fragile Lieferketten verstärkend auf Importrisiken. Auf der anderen Seite bringt die Klimaerwärmung auch Chancen für Nutzpflanzen, die zunehmend auch bei uns gedeihen können. Die Anbau-grenzen von Oliven und Obst wie Pfirsiche oder Zitrus-früchte wandern vom Mittelmeer immer weiter nach Norden. Insgesamt beläuft sich das Defizit Deutschlands im Außenhandel mit Lebensmitteln und Agrarprodukten im Jahr 2024 allerdings auf stolze 21,5 Mrd. Euro, 6,5% mehr als im Vorjahr.

Dass wir dennoch als flächenmäßig begrenztes Land so viel an Lebensmitteln selber produzieren können, hat natürlich entscheidend mit der hohen Produktivität der Landwirtschaft zu tun. In Deutschland gibt es noch rund 255.000 landwirtschaftliche Betriebe. Das sind zwar fast 45% weniger als zur Jahrtausendwende. Die landwirt-schaftlich betriebene Fläche hat sich jedoch kaum ver-ringert, die jeweiligen Betriebe bewirtschaften dagegen mehr Hektar: 2023 im Schnitt 65. Im Jahr 2000 waren es noch ungefähr 37 Hektar. Damit ernährt ein/e Landwirt/in heute im Schnitt etwa 147 Konsumenten in Deutschland. 1950 waren dies nur 10 Menschen gewesen!

Die enorme Leistungssteigerung wurde natürlich durch moderne Technologien, verbesserte Produktionsmethoden, effizienteren Pflanzenschutz, Bewässerungssysteme und neue Anbausorten möglich. Damit sind mittlerweile aber auch erhebliche Probleme verbunden: Umweltbelastungen wie Wasser- und Bodenverschmutzung, Verlust der Arten-vielfalt und das Risiko der Entstehung von Monokulturen. So ist die Lebensmittelproduktion für ein Drittel der weltweit durch den Menschen bedingten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Insgesamt verlangsamt sich auch das Wachstum der Ernteerträge und wird teilweise aufgrund von Umweltveränderungen sogar negativ.

Damit sind wir beim großen Thema ökologischer Landbau, um die negativen Folgen der exzessiv betriebenen Land-wirtschaft zu begrenzen. Mit einer Kreislaufwirtschaft (Pflanzenanbau und Tierhaltung ist aufeinander abgestimmt und folgt der natürlichen Abfolge), dem Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und einer tiergerechten Haltung wird eine nachhaltige Bodennutzung angestrebt, welche der Biodiversität nutzt und die Ressour-cen schont. Dies entspricht auch der zunehmenden Nach-frage nach biologischen Lebensmitteln, die weniger Schadstoffe enthalten und fair produziert werden. Mehr Details zur Bio-Landwirtschaft im zweiten Teil dieser Newsletter-Ausgabe.

Hier zunächst zum (teilweise) negativen Zusammenhang zwischen ökologischem Landbau und dem Selbstversor-gungsgrad mit Lebensmitteln. Vor allem durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel und Pestizide ist der Ernteertrag bei biologischer Landwirtschaft signifikant geringer als bei konventioneller Produktion. Vor allem beim Getreideanbau ist laut Informationsportal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ein um über 50% geringer Output bezogen auf die gleiche Anbaufläche zu verzeichnen. Um die gleiche Erntemenge zu erzielen ist also eine doppelt so große Anbaufläche erforderlich. Gemäß verschiedener Metastudien und über alle Pflanzen-anbauarten hinweg wird mit einem Flächenmehrverbrauch je Ertragsmenge in der ökologischen Landwirtschaft von über 25 Prozent gegenüber der konventionellen Bewirt-schaftung gerechnet (Initiative Neue Soziale Marktwirt-schaft, 08.04.2019).

Auf Deutschland bezogen findet sich dort auch die Berech-nung, dass der Flächenverbrauch bei einer überwiegend ökologischen Ernährung um rund 40 Prozent höher sei als bei konventioneller Ernährung. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche ist aber begrenzt und die Bewirtschaftung

weiterer natürlicher Habitate würde die Umwelt noch stärker belasten (die Biodiversität in freier Natur ist immer noch deutlich größer als die Artenvielfalt auf einer ökolo-gisch bestellten Ackerfläche). Kritiker argumentieren zum Beispiel, dass durch den höheren Flächenbedarf der ökologischen Bewirtschaftung im Endeffekt mehr Treib-hausgasemissionen durch die Rodung ursprünglicher Vegetation und Freisetzung von im Boden gebundener Treibhausgasen resultieren würden - wenn nicht bei uns, dann irgendwo auf der Welt. Im Ergebnis könnten wir uns mit ausschließlich ökologischer Landwirtschaft gar nicht ausreichend ernähren.

Der gesamte Nettoeffekt einer mehr ökologischen Ausrichtung der Landwirtschaft ist sicher nicht leicht zu quantifizieren. Neben dem Ernteertrag spielen natürlich noch eine Reihe weiterer Effekte eine Rolle wie die geringere Umweltbelastung mit Pestiziden, ein besserer Wasserschutz wegen geringerer Nitratbelastung, die höhere Bodenfruchtbarkeit durch nachhaltige Bewirt-schaftung und den Fruchtwechsel, tendenziell eine höhere Klimaresistenz und das generelle Tierwohl. So zeigt allein die obige Grafik der Ernteerträge aus dem Getreideanbau der Jahre 2012 bis 2023, dass beim konventionellen Anbau die Ertragsschwankungen um 40% höher sind als bei der Bio-Variante (Variationskoeffizient = relative Streuung um den jeweiligen Mittelwert von 5,9% zu 4,2%). Dem Bio-Landbau wird generell eine höhere Ertragsstabilität attestiert. Die humusaufbauende, extensivere Bio-Bewirtschaftung kommt besser mit Klimaschwankungen zurecht.

Im Thünen-Report (Johann Heinrich von Thünen-Institut: Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft, 2019) wird im Rahmen einer Auswertung von 528 wissenschaftlichen Studien die Schlussfolgerung gezogen, dass über alle Indikatoren hinweg die ökologische Bewirtschaftung gegenüber der konventionellen Variante im Bereich des Umwelt‐ und Ressourcenschutzes bei 58 % der analysierten Vergleichspaare Vorteile aufwies. Bei 14 % der Vergleichspaare war die konventionelle Variante vor-teilhafter.

Abgesehen von den Studien zur Gesamtwirkung ist aber etwas anderes entscheidend. Hauptgrund für die begrenz-ten Flächen für den (ökologischen) Anbau von Lebens-mitteln ist der Ressourcenverbrauch für die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Rund 80 % der landwirtschaft-lichen Fläche weltweit wird als Weideland und für die Erzeugung von Futtermitteln für Nutztiere beansprucht. In Deutschland liegt dieser Anteil bei etwa 50 %. Tierische Nahrungsmittel tragen jedoch nur zu 17% zur weltweiten Nahrungsversorgung bei. Zudem belastet die Tierhaltung mit hohen Treibhausgasemissionen. Bei einer Umstellung auf mehr pflanzliche Nahrungsmittel werden also große Anbauflächen frei, die zur Deckung der Ertragslücke einer ökologischen Produktion genutzt werden können.

Insgesamt muss also auch bei vermehrter Umstellung auf Öko-Landwirtschaft nicht mit einer verringerten Versor-gungssicherheit mit Lebensmitteln gerechnet werden. Voraussetzung ist sicher, dass wir unsere Konsumgewohn-heiten ebenfalls ökologischer ausrichten – und dass wir weniger Lebensmittel wegschmeißen: Etwa ein Drittel landet auf dem Weg vom Acker bis zum Teller im Müll.

In aller Kürze:

Der Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln in Deutschland ist angesichts der hohen Besiedelungsdichte eigentlich relativ hoch: Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag er bei 83 Prozent. Fleisch, Kartoffeln, Zucker, Getreide und Milch produzieren wir statistisch mehr als wir verbrauchen. Bei Gemüse, Obst und Fisch müssen wir dagegen meist viel aus dem Ausland beziehen. Dass wir bei zahlreichen Früchten und Gemüsen auf den Import angewiesen sind, hat natürlich auch etwas mit den klimatischen Bedingungen und unserem Konsumverhalten zu tun, vieles ganzjährig nachzufragen.

In Zeiten der größeren geopolitischen Unsicherheit und der steigenden Klimarisiken sind mit diesen Abhängigkeiten natürlich auch Gefahren für die Versorgungssicherheit verbunden. Gemäß einer Studie von BCG könnte die weltweit produzierte Menge der wichtigsten Anbaupflanzen durch den Klimawandel bis 2050 um bis zu 35% sinken. Auf der anderen Seite können bei uns auch zunehmend Nutzpflanzen angebaut werden, die ein wärmeres Klima benötigen.

Einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Lebensmittelversorgung haben die hohen Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft. Ernährte ein/e Landwirt/in im Jahr 1950 statistisch noch 10 Menschen in Deutschland, so sind es heute im Schnitt etwa 147 Konsumenten. Moderne Technologien, verbesserte Produktionsmethoden, effizienter Pflanzenschutz, Bewässerungssysteme und neue Anbausorten haben diesen enormen Fortschritt ermöglicht. Dadurch sind allerdings auch die Anforderungen an einen wirtschaftlichen Landwirtschaftsbetrieb gestiegen: Die durchschnittliche Betriebsgröße hat sich von 1991 bis heute von 26 auf 65 Hektar vergrößert und die Zahl der Betriebe hat um 84% abgenommen.

Mit der hohen Effizienzsteigerung sind aber auch höhere Umweltbelastungen verbunden. Die Lebensmittel-produktion ist heute für ein Drittel der weltweit durch den Menschen bedingten Treibhausgas-Emissionen verant-wortlich. Aus diesem Grund und aufgrund des Trends zu einer gesünderen Ernährung hat sich der ökologische Landbau entwickelt. Ein Problem dabei ist allerdings, dass der Ernteertrag der Bio-Landwirtschaft signifikant geringer ist als bei konventioneller Erzeugung. Beim Getreideanbau z.B. um über 50% bezogen auf die gleiche Anbaufläche. Um diesen Minderertrag auszugleichen, müsste also eine deutlich größere Fläche ökologisch-landwirtschaftlich genutzt werden um die gleiche Mende zu produzieren. Dies würde c.p. zum Verlust weiterer natürlicher Habitate führen bzw. die Welt gar nicht rein ökologisch ernähren lassen.

Unter Einbeziehung aller (umweltbezogenen) positiven Effekte scheint aber in der Mehrzahl der Fälle die ökologische Bewirtschaftung auch unter Einbezug der Ertragslücke insgesamt besser abzuschneiden als die konventionelle Variante. Ein entscheidender Aspekt ist dabei auch, dass die Produktion von tierischen Nahrungsmitteln einen Großteil der bereits heute bewirtschafteten Agrarfläche beansprucht und dadurch übermäßig Ressourcen verbraucht. Bei einer Umstellung auf mehr pflanzliche Nahrungsmittel werden also große Anbauflächen frei, die für die nachhaltigere Lebensmittelproduktion genutzt werden können.

Hinweise: 

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