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NEWSLETTER 13/2025:
Trotz Zoll-Chaos an den Börsen: Es ist nie alles nur negativ!

Die globalen Aktienmärkte erleben in Folge der Zoll-Eskapaden des US-Präsidenten Trump seit einer Woche einen ausgemachten Crash: Innerhalb von zwei Tagen brachen die Aktienindizes weltweit in historischem Ausmaß deutlich über 10% ein. Einige Märkte haben von ihrem jüngsten Hoch um die 20% an Wert verloren, auch wenn sich gestern Abend die Kurse in Amerika wieder kurzfristig erholt haben. Vorbei ist die Krise wegen der Unsicherheit in Bezug auf einen umfassenden Handelskrieg aber noch lange nicht. Daher will ich die absehbaren Folgen dieser Krise etwas einordnen und auch mögliche positive Entwicklungen herausarbeiten. Ein besonnener Blick ist in einer derartigen Situation schon hilfreich und erlaubt vielleicht etwas optimistischer auf das Geschehen zu blicken.

Die sprunghaften und bizarren Zoll-Ankündigungen von Trump haben weltweite Börsenturbulenzen ausgelöst, die ein Ausmaß erreichten könnten wie die großen Aktien-marktkrisen der Vergangenheit („Schwarzer Montag“ im Oktober 1987, Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000, weltweite Finanzkrise 2008, Corona-Pandemie ab 2020). Sogar Analogien zur Weltwirtschaftskrise und Großen Depression der 1930er Jahre sind vorhanden: Diese wurde immens verstärkt durch einen von den USA ausgelösten Zollprotektionismus.

Dennoch sind wir heute in einer ganz anderen Situation, als vielen strukturellen oder konjunkturellen Rezessionsphasen zugrunde liegt. Die (Welt-)Wirtschaft ist einigermaßen stabil, die Arbeitslosigkeit gering und die Zinsen historisch eher niedrig. ‚Nur‘ ein amerikanischer Präsident meint den USA etwas Gutes zu tun, wenn der durch Zölle den Welt-handel massiv beeinträchtigt. Wie sich diese singuläre Bedrohung weiterentwickelt ist nicht vorherzusagen, es könnte aber durch Einsicht (?) oder Verhandlungen und Kompromisse auch relativ schnell zu einer gewissen Ent-spannung kommen. Gestern Abend reichte die Ankündi-gung von Donald Trump, Ländern eine 90-tägige Zollpause in Aussicht zu stellen die mit seiner Regierung über eine Lösung verhandeln, um die Aktienmärkte in kurzzeitige Euphorie zu versetzen.

Zunächst einmal zum Ausmaß der aktuellen Börsenein-brüche. Der deutsche Aktienmarkt hat gemessen am DAX

von seinem jüngsten Allzeithoch in der Spitze 18% ver-loren. Das erscheint sehr viel, liegt aber nur wenig unter dem DAX-Stand vom 30.12.2024. Damit waren die kurz-fristigen Gewinne des Jahre 2025 zwar aufgezehrt. In den beiden Jahren zuvor gab es aber außergewöhnliche Wertsteigerungen jeweils um die +20%, so dass der DAX im Tief der letzten Tage immer noch um ca. 46% über dem Stand von Anfang 2020 lag, trotz zwischenzeitlichem Corona-Crash und Russlands Angriffs auf die Ukraine. Ein Dauerinvestor mit längerem Anlagehorizont kann da eigentlich noch ganz entspannt sein.

Betrachtet man die längerfristige Entwicklung des DAX, so muss aber schon konstatiert werden, dass die enormen Kurssteigerungen um +83% von Mitte 2022 bis aufs Top im März 2025 (Hintergründe: Überwindung der Corona-Pan-demie, sinkende Zinsen, stabile Weltkonjunktur, Kosten-senkungsprogramme der Unternehmen) übertrieben erscheinen. Eine höhere Rückschlaggefahr ist da ohne weiteres zu erkennen und das Zoll-Chaos wohl nur der Anlass dafür.

Wie weit die Börsenkorrektur gehen kann ist vollkommen offen. Ein weiteres Abrutschen ist mit Blick auf die ‚Über-performance‘ der letzten Jahre ohne weiteres möglich. Alles hängt von Trump ab und ob sich die Zoll-Androhungen in einen Handelskrieg aufschaukeln und die Weltwirtschaft in eine Rezession abgleitet oder nicht. Hier will ich nur ein paar Aspekte aus europäischer Sicht beisteuern.

 

Die Inflation in Europa dürfte mit den aktuellen Entwicklun-gen eher weiter zurückgehen. Zum einen beeinträchtigen die Unsicherheiten bezüglich der globalen Handelsbedin-gungen natürlich die Wirtschaftsaussichten und damit auch die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer bei Lohnver-handlungen. Dass es diese Woche im öffentlichen Dienst bei weit auseinander liegenden Vorstellungen doch noch kurz vor flächendeckenden Streiks zu einer Einigung gekommen ist, hat sicher auch etwas mit der weltpoliti-schen Krisensituation zu tun. Zum anderen droht mit den weltweiten US-Zöllen eine Umlenkung von Handels-strömen. Waren z.B. aus Asien die wegen der hohen Zölle nicht mehr in den USA abgesetzt werden, könnten (mit Rabatten) versucht werden in der EU abzusetzen und hier tendenziell die Preise drücken. Die EU will sich zwar gegen größere Warenströme wehren, aber das gelingt nie zügig oder vollständig.

Wissenschaftler rechnen damit, dass sich die hiesige Inflationsrate damit vorübergehend bis zu einem Prozent-punkt reduzieren könnte. Das ist natürlich willkommene Unterstützung für die Geldpolitik: Die EZB dürfte die Leit-zinsen weiter zügig absenken, wahrscheinlich sogar unter die bisher erwartete Zielmarke von 2%. Damit werden auch die für die Wirtschaft und die Investitionen relevanten Kapitalmarktrenditen gedrückt. Bereits jetzt hat sich der mit der Ankündigung des Schuldenpakets herausgebildete Renditebuckel bei den zehnjährigen Bundesanleihen signifikant zurückgebildet. Das sind gute Nachrichten für den Immobilienmarkt und die Häuslebauer. Aber auch für den Staat, der dadurch tendenziell die großen Summen des Schuldenpakets günstiger aufnehmen kann.

Unterstützt wird diese Tendenz auch durch die kurzfristige Entwicklung des US-Dollars. Aufgrund der Unsicherheit wie es mit der gesamten US-Wirtschaft weitergeht ist der USD erst einmal schwächer geworden. Das ist an sich schon ungewöhnlich, da in globalen Krisenzeiten der Dollar als „sicherer Hafen“ eher aufwertet. Der schwächere USD verbilligt aber unsere Importe (auch den Treibstoff an der Tankstelle) und hilft somit der EZB bei der Inflationsbekämpfung.

Die Rohstoffe sind generell mit den unsicheren Aussichten bezüglich der Weltwirtschaft in den letzten Wochen deutlich günstiger geworden. Mit dem Zoll-Chaos ist zum Beispiel der Erdölpreis (Brent) innerhalb von nur 5 Handelstagen um ca. 19% auf unter 60 USD abgesackt (in Euro gerech-net sogar um knapp 22%!). Selbst nach der kurzfristigen Erholung gestern Abend auf um die 64 USD kostet heute das Barrel Brent deutlich weniger als im Schnitt seit 2021 mit 76 USD. (Nebenbemerkung: Damit erzielt auch Russ-lands deutlich weniger Einnahmen aus seinen Rohölex-porten: im Haushalt wird mit einem Preis von ca. 70 USD/ Barrel kalkuliert). Aber auch weitere Rohstoffe haben sich deutlich verbilligt, so z.B. der Kupferpreis innerhalb weniger Tage um 14%. Günstigere Rohstoffe sind natürlich eine gute Unterstützung für die Konjunktur.

Zur Einschätzung der längerfristigen Auswirkungen ist es allerdings ganz entscheidend, wie weit sich die Zollspirale weiter hochdrehen wird und wie lange die Einschränkungen für den Welthandel aufrecht erhalten bleiben. In den USA wird zunehmend damit gerechnet, dass es dort zu einer Rezession kommen könnte. Besonders gefährlich wird die Situation, wenn sich die US-Inflation mit den zollbedingt hohen Importpreisen wieder deutlich erhöhen sollte (erst mal wurden praktisch alle US-Importe mit hohen Zöllen belegt). Der US-Notenbank FED sind dann die Hände gebunden, die Zinsen zur Unterstützung der Konjunktur weiter abzusenken. Es würde die berüchtigte Stagflation drohen.

Dessen ungeachtet dürfte Donald Trump erheblichen Druck auf die Selbständigkeit der FED ausüben und dennoch versuchen, sie zu Zinssenkungen zu ‚bewegen‘ – mit offenen Konsequenzen für das Vertrauen in die Notenbank und die Stabilität der Finanzmärkte. In diesem Szenario wären auf jeden Fall verstärkte Steuersenkungen zu 

erwarten, um der Wirtschaft wieder Schwung zu geben. Viele Experten sind der Meinung, dass sich unter diesen Voraussetzungen (dauerhaft höhere Inflationsraten in den USA, relativ zu anderen Märkten hohe US-Zinsen, massive steuerliche Unterstützungsleistungen der Politik, Verlage-rung vieler Produktionsstätten ausländischer Firmen in die USA) der US-Dollar sogar gut halten und wieder steigen könnte. Wenn das so käme, dann wäre das aber kontra-produktiv für das erklärte Ziel von Trump, über einen schwachen Dollar den US-Export zu stützen. Gut allerdings wiederum für die Europäer, deren Export in die USA damit wieder erleichtert und die Wirkung der US-Zölle tendenziell kompensiert wären.

Abgesehen von den ökonomischen Auswirkungen, die nicht nur negativ sind, können noch weitere ‚positive‘ Aspekte genannt werden. Zum einen ist es denkbar, dass die massiven ökonomischen Folgen der Trump‘schen Politik in den USA zu hohen Protestwellen und wirksamem Wider-stand führen. Die Börseneinbrüche verursachen schmerz-hafte Verluste für die US-Bevölkerung, deren Altersvor-sorge stark vom Aktienmarkt abhängt. Wenn sich dann noch die Konjunktur deutlich abkühlt und vor allem die Inflation in den USA merklich steigt, dann könnte der Druck auf Donald Trump so groß werden, dass er seine radikale Politik abschwächen muss.

Die Macht des Kapitalmarkts ist an dieser Stelle nicht zu unterschätzen. Zu hohe Renditen für den US-Staatshaus-halt sind wegen der massiven Verschuldung nicht zu ver-kraften. Bereits Liz Truss musste als englische Premier-ministerin bereits nach 49 Tagen zurücktreten, nachdem sie gegen den Markt versucht hatte, deutliche Steuersen-kungen finanziert nur durch höhere Verschuldung durch-zudrücken. Und die Renditen für US-Treasuries sind innerhalb eines Tages vor der gestrigen Lockerungsent-scheidung von Trump um bis zu 0,50% Prozentpunkte nach oben geschnellt (für den riesigen US-Bondmarkt sind das Welten!). Die überraschende Teilaussetzung der Zölle gestern Abend dürfte entscheidend mit auf diesen Gegen-wind zurückzuführen sein.

Auch in der europäischen Politik kann man, wenn man will, positive Auswirkungen der aktuellen globalen Unsicherheiten festmachen. Neben der durch Russland (und die Trump-USA) massiv verschlechterten Sicherheitslage müssen die Europäer jetzt auch wegen der Zoll-Bedrohungen deutlich enger zusammenrücken. Die EU-Kommission hat schon einige Maßnahmen in die Wege geleitet, um der (auch strukturellen) Schwäche der europäischen Wirtschaft entgegen zu wirken. Auch in der Zollfrage scheint es einen weitgehenden Konsens darüber zu geben, hart aber flexibel zu reagieren.

Ein großer Gewinn wäre es daneben, wenn die sich bereits über Jahre hinziehenden Verhandlungen über Handelsabkommen durch den aktuellen Druck endlich abgeschlossen werden könnten. Viele Länder und Weltregionen sitzen jetzt mit uns in einem Boot und sind an Erleichterungen im regelgebundenen Handel sehr interessiert. Mit Kanada, Südamerika (Mercusor), Indien, Indonesien oder dem Beitritt in den Handelsverbund CPTPP (Kanada, Japan, Großbritannien) etc. können wir zollreduziert mehr Handel betreiben, ohne uns gleich in die Arme von Autokraten oder China werfen zu müssen. Und die europäische Wirtschaft sollte aufgrund ihrer stabileren Rahmenbedingungen und dem freiheitlichen Leitbild auch für Unternehmensansiedlungen interessanter werden.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zur deutschen Politik. Dass sich die CDU/CSU und die SPD in ihren Koalitionsverhandlungen (zuvor auf das milliardenschwere Schuldenpaket) doch so rasch einigen konnten, hat sicher auch etwas mit dem enormen Druck zu tun, der von der globalen Situation und Trump ausgeht. Hier können wir natürlich nur hoffen, dass trotz Eile und immer noch erkennbarem Parteigeschachere gute Ansätze herauskommen, die der Wirtschaft und unserer Zukunft wirklich helfen.

In aller Kürze:

- Die massive Verunsicherung durch die sprunghaften und überzogenen Zoll-Ankündigungen durch Donald Trump haben die globalen Aktienmärkte um bis zu 20% einbrechen lassen. Trotz der gestern Abend in Aussicht gestellten Zollpause für 90 Tage für verhandlungsbereite Länder ist der Ausgang der Handelsstreitigkeiten völlig offen. Mit Blick auf den deutschen Aktienmarkt hat der jüngste Crash auch ‚nur‘ die Gewinne des Jahres 2025 aufgezehrt. Der DAX ist aber in den vorangegangenen Jahren (trotz Corona-Einbruch und Ukraine-Krieg) übermäßig stark angestiegen, so dass nicht nur die bisherige Korrektur für Daueranleger noch gut verkraftbar ist. Weitere Rückschläge sind aufgrund der irrationalen Handlungen von Trump nicht auszuschließen.

- Entscheidend für die weitere Entwicklung wird sein, ob sich die Zoll-Androhungen zu einem Handelskrieg aufschaukeln und die Weltkonjunktur in eine Rezession abgleitet. Der entscheidende Unterschied zu sonst üblichen strukturellen oder konjunkturellen Rezessionsphasen ist aber, dass es nur von der Entscheidung eines einzelnen Menschen abhängt, ob es soweit kommt oder nicht. Gestern Abend reichte die Ankündigung von Donald Trump, Ländern eine 90-tägige Zollpause in Aussicht zu stellen die mit seiner Regierung über eine Lösung verhandeln, um die Aktienmärkte in kurzzeitige Euphorie zu setzen.

- Ansonsten muss aus europäischer Sicht auch nicht nur schwarz gemalt werden. Die Inflation in Europa dürfte bei Anhalten der aktuellen Zoll-Unsicherheiten eher weiter zurückgehen (gedrückte Nachfrage, gemäßigtere Lohnabschlüsse, Umlenkung von Handelsströmen z.B. aus Asien in die EU). Damit eröffnet sich für die Geldpolitik die Chance auf deutlichere Zinssenkungen und werden die für die Wirtschaft und die Investitionen relevanten Kapitalmarktrenditen gedrückt. Gute Nachrichten für den Immobilienmarkt, die Häuslebauer aber auch den Staat zur Bewältigung der Summen aus dem Schuldenpaket. Auch der (kurzfristig) schwächere USD verbilligt unsere Exporte und hilft der EZB bei der Inflationsbekämpfung. Ebenso die in den letzten Tagen deutlich verbilligten Rohstoffe wie Erdöl.

- Gefährlicher dürfte die Situation für die USA selber werden, wenn die Handelsbeschränkungen länger anhalten sollten. Mit zollbedingt in der Breite verteuerten Importen wird die US-Inflation steigen und damit die US-Notenbank FED behindern, die Zinsen weiter abzusenken (Risiko der Stagflation, mögliche Angriffe auf die Selbständigkeit der FED). Wenn sich die US-Konjunktur stärker abkühlt, die wahlentscheidende Preisentwicklung sich ins Negative kehrt und die Börsenturbulenzen anhalten (die Altersvorsorge der Amerikaner hängt stark vom Aktienmarkt ab), so könnte der Druck auf Donald Trump aus der Wirtschaft und der Bevölkerung so groß werden, dass er seine radikale Politik abschwächen muss. Auch zu hohe Marktrenditen sind angesichts der massiven Staatsverschuldung der USA nicht zu verkraften. Die überraschende Teilaussetzung der Zölle gestern Abend dürfte schon dem Gegenwind und der Macht der Märkte geschuldet sein.

- Auch für die europäische Politik bedeuten die verschlechterte Sicherheitslage und die Zoll-Bedrohungen den (heilsamen) Zwang deutlich enger zusammenrücken. Auch könnten jetzt die Verhandlungen über Handelsabkommen mit Ländern und Weltregionen zügiger abgeschlossen werden, die den regelgebundenen Handel weiter unterstützen wie Kanada, Südamerika (Mercusor), Indien oder Indonesien. Und die europäische Wirtschaft dürfte aufgrund ihrer stabileren Rahmenbedingungen und dem freiheitlichen Leitbild auch für Unternehmensansiedlungen interessanter werden. Nicht zuletzt hat sicher auch die globale Unsicherheit und der Zoll-Druck dazu geführt, dass die Koalitionsverhandlungen in Deutschland doch so rasch abgeschlossen werden konnten.

Bensheim, 10.04.2025

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