Wird diese Nachricht nicht richtig dargestellt, klicken Sie bitte hier.

NEWSLETTER 7/2025:
Die wirtschaftliche Krise auch als Chance sehen: Der Blick auf das große Ganze

Deutschland steckt ohne Zweifel in der größten strukturellen Krise seit über 20 Jahren: Die reale Wirtschaftsleistung stagniert auf dem Niveau von vor 6 Jahren, mit der Deglobalisierung und den hohen Energiepreisen droht das stark auf den Export ausgerichtete deutsche Wirtschaftsmodell zu erodieren und auch die politischen Rahmenbedingungen sind alles andere als stabil. Dennoch darf nicht nur schwarzgemalt werden: In jeder Krise steckt auch eine Chance. Es kommt jetzt darauf an, mutig große Reformanstrengungen zu unternehmen, um die Stärken der Deutschen und der deutschen Wirtschaft wieder zur Geltung zu bringen.

Das BIP in Deutschland ist preis- und kalenderbereinigt im letzten Jahr erneut und 0,2% zurückgegangen. Bleibt das reale Wirtschaftswachstum auch 2025 aus, so bedeutet
das drei Jahre lang hintereinander Stagnation bzw. Rezession, einmalig in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik. Aber noch schlimmer: das reale BIP befindet sich mit ca. 900,8 Mrd. für das 4.Quartal 2024 immer noch nicht über dem Vor-Corona-Niveau vom 4.Quartal 2019 mit 901,9 Mrd. - sechs Jahre ohne jeden realen Zuwachs der Wirtschaftsleistung! Die längste Periode mit per Saldo unverändertem realen BIP waren bisher die Jahre 2001-2004. In dieser Zeit galt Deutschland als der kranke Mann Europas.  

Was für Krisenmeldungen stürmen derzeit auf die Deutschen ein: Bedingt durch die hohen Energiepreise in Folge der Abkopplung vom russischen Gas und der not-wendigen Energiewende, die wirtschaftliche Schwäche-periode Chinas und den politischen Gegenwind für den freien Welthandel wird eine drohende Deindustrialisierung in Deutschland an die Wand gemalt. So ist die Produktion im produzierenden Gewerbe Deutschlands seit dem Hoch-punkt im November 2017 bis heute um 15,0% zurückge-gangen, hauptsächlich in der Automobilbranche aber auch 

in den energieintensiven Branchen wie der Chemie und der Metallerzeugung.

So häufen sich in letzter Zeit Meldungen über große Ent-lassungsrunden von Mitarbeitern: Allein in der Industrie gehen derzeit etwa 10.000 Arbeitsplätze pro Monat ver-loren. Dass sich das noch nicht nachhaltig in der Arbeits-losenstatistik niederschlägt liegt u.a. daran, dass der Mitarbeiterbedarf in anderen Branchen oder Regionen immer noch in Folge des demographischen Wandels hoch ist. Die Zahl der abhängig Beschäftigten stieg daher ins-gesamt bis 2024 auf den Rekordwert von 46,1 Mio. in Deutschland, gegenüber z.B. 42,8 Mio. Beschäftige von vor zehn Jahren. Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass per Saldo mehr Stellen nur im Dienstleistungs-gewerbe entstanden sind, und da v.a. in staatlich dominier-ten Sektoren wie der Gesundheit, Erziehung und in der öffentlichen Verwaltung. Gleichzeitig nimmt die Teilzeitbe-schäftigung weiter zu und erreichte im dritten Quartal 2024 einen Höchststand von 39,7% (zum Vergleich zu 37,8% in 2014 und 32,8% in 2004). So wird die Arbeitslosenquote - trotz aktuell dominierender Negativmeldungen -  in den kommenden Jahren auch nur moderat steigend erwartet, z.B. auf ca. 6,2% im Jahr 2025.
Quelle der Daten: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamts, Deutsche Bundesbank
Damit wären wir bei der nüchternen Betrachtung der aktuellen Krisensituation aus einer größeren Perspektive. Zunächst einmal sollte gesehen werden, was wir in den letzten Jahren für wirtschaftliche Belastungen durchge-macht haben. Die Corona-Krise mit einem Einbruch des realen BIP im 2. Quartal 2020 um sage und schreibe -10,7% gegenüber dem Vorjahr. Eine Verdopplung der Erdgaspreise von 2021 bis heute infolge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine mit den resultierenden Sank-tionen und dem radikalen Umbau der deutschen Energie-versorgung. Oder die damit zusammenhängende allge-meine Preisentwicklung mit einer Inflationsrate von bis zu 8,8% im Herbst 2022 (das gabs zum letzten Mal in Deutschland im Jahr 1973), infolge dessen auch die Marktzinsen in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit angestiegen sind, dass der Immobilienmarkt kollabiert ist.

Betrachtet man diese Faktoren, gerne noch ergänzt um die geopolitischen Disruptionen und die Abschottungstenden-zen im Welthandel, so erscheint die derzeitige wirtschaft-liche Lage in Deutschland sogar als erstaunlich robust. Wurden nicht Massen-Pleiten und -Entlassungen infolge der Corona-Verwerfungen vermieden (durch das Kurzar-beitergeld und Eingriffe ins Insolvenzrecht sowie das ‚Horten‘ von Arbeitskräften der Unternehmen mit Blick auf den befürchteten Facharbeitermangel: klar kommt es da jetzt zu Nachholeffekten) und die Abkopplung von russischem Gas gemeistert (um den Preis sehr hoher Energiekosten) etc..

Ein erstaunlicher Indikator dafür, dass es möglicherweise gar nicht so schlimm ist, sind die Aktienmärkte: Hat der deutsche DAX nicht im Jahr 2023 um +20,3% zugelegt und im letzten Jahr nochmals um 18,3%? Klar, sind die großen DAX-Werte so international aufgestellt, dass die wirtschaft-liche Situation in Deutschland viel weniger durchschlägt als 

bei kleineren Unternehmen. Der SDAX ist aber dennoch in den zwei Jahren um +15% gestiegen. Wo ist da die Krise?

Nun will ich die gegenwärtige Situation alles andere als kleinreden. Aber einen Blick auf die letzte große strukturelle Krise in Deutschland zu werfen ist schon sehr nützlich. In den Jahren 2001 bis 2005 galt Deutschland schon mal als ‚Kranker Mann Europas‘. Ende 2005 betrug die Arbeits-losenzahl in Deutschland über 5 Mio., die Arbeitslosen-quote stieg damals bis auf 11,9%! Die Hypothekenzinsen lagen zwischen 5 und 6% und der Realzins damit weit von der Null entfernt, so wie er es zuletzt zeitweise war. Warum dieser Vergleich? Weil es damals auch gelungen ist aus
der strukturellen Krise herauszukommen! Ab dem Jahr 2006 wuchs das BIP wieder real zwischen 2 und 3% jährlich (bis zur Zäsur der Weltfinanzmarktkrise 2008/09, als das BIP in Deutschland kurzfristig bis zu 7% einbrach).

Wieviel an diesem Erfolg wirklich auf die berühmte Schröder‘sche Agenda 2010 zurückzuführen ist, will ich gar nicht beurteilen. Der Arbeitsmarkt erlebte aber zu der Zeit eine enorme Flexibilisierung, der Anreiz zur Aufnahme einer Beschäftigung stieg z.B. mit den neuen Minijob-Regeln und die Lohnstückkosten sanken in Deutschland von 2002 bis ins Jahr 2007 um ca. 15%. Also sollte vielleicht heute auch an Strukturreformen am Arbeitsmarkt und an die Förderung der Aufnahmebereitschaft von Arbeit gedacht werden. Immerhin ist laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufs-forschung die Anzahl der hierzulande effektiv gearbeiteten Tage von 214,8 im Jahr 2004, über 208,8 Tage im Jahr 2014 auf heute nur noch 203,3 Arbeitstage im Jahr gesun-ken. Die Deutschen arbeiten damit gemäß einer OECD-Auswertung im Jahr 2023 effektiv mit 1.343 Arbeitsstunden im Jahr pro Beschäftigten am wenigsten unter allen 38 OECD-Ländern (im OECD-Schnitt werden 1.742h im Jahr gearbeitet).

Quelle: Bundesministerium für Finanzen, Monatsbericht März 2017
Arbeits- und Sozialabgabekosten sind sicher nur ein Aspekt, der zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähig-keit Deutschlands dringend auf den Tisch gehört. Ich habe hier auch keine Patentrezepte anzubieten, aber ein paar Anregungen. Warum musste sich Deutschland als rohstoff-armes Wissensland denn nach dem Krieg so zu einem Industrieland entwickeln? In den USA macht das Verar-beitende Gewerbe gerade einmal 17-18% der Wirtschafts-leistung aus, über 77-78% kommen aus dem Dienstlei-stungsgewerbe. In Deutschland beträgt der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung noch 24% (ohne Baugewerbe). Nicht jede Basisindustrie muss in Deutschland mit teuren Subventionen am Leben erhalten werden, wenn es Länder mit deutlich besseren Produktionsvoraussetzungen gibt und die auch an einem regelgebundenen Handel festhalten.

Deutschland sollte sich vielmehr auf seine Stärken fokus-sieren und diesen vertrauen. Bei uns hat noch immer jeder zweite weltweite Hidden Champion (weniger bekannte Weltmarktführer) seinen Sitz. Die Bundesrepublik liegt bei Patentanmeldungen in Europa vorn und ist immer noch Spitzenreiter bei Forschungs- und Entwicklungsausgaben (FuE) in der EU. Immerhin rund 3,1% des BIP bringen Staat und Privatwirtschaft hierzulande für FuE auf, deutlich über dem EU-Schnitt mit 2,1%. Das liegt auch an den vielen Innovationstreibern, großartigen Universitäten, Max-Planck-Instituten, der Fraunhofer-Gesellschaft etc..

Der Fokus muss auf die Entwicklung neuer Technologien und hochwertiger, innovativer Produkte gerichtet sein. Quantentechnologie, Batterieforschung, neuartige Mate-rialien, Nachhaltigkeitstechnologien, Digitalisierung der Verwaltung – zum Beispiel in diese Bereiche, in die Förder-ung von Ausgründungen und Start-Ups sowie generell in die Bildung müssen gezielt mehr Mittel investiert werden. Gerne auch über eine vorübergehende höhere Staatsver-schuldung zur Finanzierung der Zukunftsinvestitionen (siehe Newsletter 04/2025). Finanzmittel sind (im privaten) 

Sektor eigentlich genug vorhanden. Das Geldvermögen der privaten Haushalte ist im dritten Quartal 2024 auf den Rekordbetrag von 9.004 Mrd. gestiegen. Aber dazu mehr in der Newsletter-Ausgabe der kommenden Woche.

Zum Schluss das Wichtigste: Die deutsche Wirtschaft war schon immer dann gut, wenn sie vor Herausforderungen gestellt wurde, z.B. in Zeiten der harten DM, als gegen die billigeren Güter aus Weichwährungsländern angekämpft werden musste. Innovationen und radikale Reformen werden häufig erst in Krisenzeiten ermöglicht. Vielleicht hat hier Donald Trump auch etwas Gutes, indem er die Europäer aufweckt, deutlich mehr disruptives zu wagen. Wirtschaftlichen Fortschritt bringt nur mit Mut ins Risiko zu gehen, neues auszuprobieren und nicht an alten Strukturen festzuhalten (die Schumpeter’sche schöpferische Zer-störung). Da muss mehr gehen, als die enttäuschenden Programme aller Parteien zur Bundestagswahl derzeit hergeben! Ohne einschneidende Reformen und ohne Zumutungen wird es nicht gehen. Aber hierin liegt auch eine Chance, die jetzt ergriffen werden muss.

In aller Kürze:
  • Deutschland macht derzeit die längste wirtschaftliche Stagnationsphase seit den Krisenzeiten der Jahre 2001 bis 2004 durch, als die Arbeitslosenquote auf bis zu knapp 12% stieg und Deutschland als der kranke Mann Europas galt. Bislang sieht die Ist-Situation heute zum Glück noch lange nicht so schlecht aus, da Mitarbeiter in bestimmten Regionen und Berufen immer noch gesucht werden und von den Unternehmen in den letzten Jahren eher versucht wurden zu halten. Durch massive staatliche Maßnahmen konnte der große Einbruch trotz Corona-Verwerfungen, (kriegsbedingt) erzwungenem Umbau der Gasversorgung und dem folgenden Inflations- und Zinsanstieg von historischem Ausmaß bislang eigentlich ganz gut vermieden werden.
  • Jetzt zeigen sich aber tiefgreifende strukturelle Probleme, die das exportorientierte deutsche Wirtschaftsmodell im Kern bedrohen. Schwächephasen wichtiger Abnehmerländer (China), geopolitische Verwerfungen (Deglobalisierung, Protektionismus) und ein generell sehr teuer gewordener Industriestandort (Energiepreise, geringste effektive Arbeitszeiten der Deutschen innerhalb der OECD-Länder) lassen die Produktion in der Industrie seit ihrem Hochpunkt Ende 2017 bis heute um 15% zurückgehen. Größere Entlassungswellen erreichen die Industrie und in der Breite sind neue Stellen vor allem in staatlich dominierten Sektoren des Dienstleistungsgewerbes entstanden.
  • Aber ernsthafte Krisen haben auch ihre Chancen. So konnten nicht zuletzt durch die mutigen Reformen der Schröder’schen Agenda 2010 eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und eine Senkung der Lohnstückkosten entgegen dem Trend erreicht werden, wodurch die Arbeitslosigkeit innerhalb von drei Jahren um rund 1,5 Mio. Menschen zurückging und die Wirtschaft wieder real bis zu 4% wuchs. Auch der Aktienmarkt scheint Deutschland noch nicht abgeschrieben zu haben. Der stark von weltweit agierenden Unternehmen dominierte Dax geht ins dritte Jahr eines ziemlich unerwarteten Booms, aber auch die im SDAX notierten kleineren Werte haben in den letzten 2 Jahren um 15% zugelegt.
  • Also gilt es jetzt durch einschneidende Maßnahmen die Stärken Deutschlands wieder mehr zur Geltung zu bringen und den Strukturwandel aktiv zu fördern, statt zu versuchen, über Subventionen alle Basisindustrien und nicht mehr zukunftsträchtige Wirtschaftszweige zu erhalten (die Schumpeter‘sche Schöpferische Zerstörung). Deutschland ist immer noch ein führendes Land was Forschung, Patentanmeldungen und die Vielfalt an staatlichen wie privaten Forschungseinrichtungen angeht. Quantentechnologie, Batterieforschung, neuartige Materialien, Nachhaltigkeitstechnologien, Digitalisierung der Verwaltung – zum Beispiel in diese Bereiche, in die Förderung von Ausgründungen und Start-Ups sowie generell in die Bildung muss gezielt mehr investiert werden. Die Chance und die Mittel den vielfachen Bedrohungslagen zu entkommen haben wir: mit ehrlicher Bestandsaufnahme, schmerzhaften Reformen und zielgerichteter Förderung neuer Technologien und hochwertiger, innovativer Produkte.
Hinweise: 

Sehr gerne Kommentare und Themenvorschläge an matthiashillmer@deutschlandpositiv.de oder in LinkedIn (www.linkedin.com/in/matthias-hillmer-geno), wo ich die Newsletter-Themen auch immer kurz vorstellen werde. Alle Ausgaben des Newsletters sind unter www.deutschlandpositiv.de zu finden.

Die Recherche der Themen erfolgt nach bestem Wissen und Gewissen. Quellen der Daten werden so weit wie möglich immer angehen. Für die Richtigkeit der Darstellung kann ich natürlich keine absolute Verantwortung übernehmen. Daher bitte auch keine weitere Verwendung als Newsletter-Zitat

Wenn Sie diese E-Mail (an: unknown@noemail.com) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier kostenlos abbestellen.
 
Impressum
Matthias Hillmer
Schillerstraße 34a
64625 Bensheim
Deutschland

matthiashillmer@deutschlandpositiv.de