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NEWSLETTER 12/2025:
Was treibt Trump an, den freien Welthandel zu zerstören?

Sprachlos werden wir heute Morgen mit dem größten Angriff auf den offenen Welthandel unserer Generation konfrontiert. Warum riskiert Trump die völlige Disruption des regelgebundenen Systems internationaler Zusammenarbeit, das der Welt über viele Jahrzehnte relativen Wohlstand gebracht hat? Eine Erklärung könnte in einer Generationentheorie aus den 1970er Jahren liegen, die in den USA und insbesondere im Trump-Lager starke Unterstützung findet. Nach dieser Denkschule würden wir nicht nur eine Episode außergewöhnlicher US-Politik erleben, sondern am Anfang einer ganz neuen Periode stehen. Um die chaotische Zollpolitik einzuordnen und mögliche dramatische Folgen für unsere Zukunft zu umreißen, heute bereits eine erste Reaktion mit ungewohntem Duktus in Kurzform.

Die in den 1990er Jahren entwickelte Generationentheorie von William Strauss und Neil Howe („Generations“, 1991, „The Fourth Turning“, 1997) orientiert sich an den Lebens-phasen eines Menschen und erklärt so lange Zyklen über 80-90 Jahre einer Gesellschaft. Nach dieser Theorie er-leben viele Länder alle vier Generationen entscheidende Veränderungen mit häufig einer radikalen Transformation der gesellschaftlichen und politischen Strukturen.

Man kann diese Theorie als unwissenschaftlich bzw. esoterisch betrachten. Sie spielt aber bei den Umwäl-zungen in den USA der letzten Jahre eine große Rolle. Für Steve Bannon, Berater und kurzzeitig Chefstratege von Trump in dessen erster Amtszeit, ist sie Grundlage seiner rechtsradikalen Gesellschaftsansichten. Sie beschreibt auch recht plausibel die drei großen Generationswellen nach dem zweiten Weltkrieg. Hier nur stichpunktartig:

- die Aufbaugeneration nach dem zweiten Weltkrieg mit starken Institutionen und ausgeprägtem Sinn für Familie, Gemeinschaft und kollektiven Fortschritt (Aufstieg Amerikas zur Supermacht, Wirtschaftswunder)

- die Periode Mitte der 60er bis in die 1980er Jahre mit der Gegenbewegung zu mehr Individualismus und der Kritik an gesellschaftlichen Normen (68er-Generation)

- anschließend die Freiheits-Welle mit der Betonung der individuellen Vorteile, die durch Deregulierung zwar die Wirtschaft fördert (Globalisierung) aber auch zu großen Ungleichgewichten und Konflikten führt.

Das entscheidende ist jetzt die vierte Wendung („Turning“), die in einer krisenhaften Zuspitzung zu einer Hinwendung zu einfachen, radikalen Lösungen mit konservativer und nationalistischer Ausrichtung und dem Niederreißen alter Institutionen führt, häufig verbunden auch mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Die letzte derartige Phase machten demnach die Große Depression und der Zweite Weltkrieg aus. Strauss/Howe haben auf dieser Basis bereits in den 1990er Jahren eine Krisenphase um die Jahre 2005 bis 2025 vorausgesagt.

Vertreter dieser Theorie sehen die Ereignisse der letzten Jahre (beginnend mit 09/11, der weltweiten Finanzkrise ab 2007 bis zur Corona-Epidemie und dem Russischen An-griffskrieg auf die Ukraine) bereits als Teil und Ausdruck dieser vierten Phase. Sie mündet demnach in der Zer-störung der bisherigen Ordnung und legt den Grundstein für eine neue Hochphase mit starker Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl. Teil einer derartigen Umbruchphase sind daneben starke Persönlichkeiten, die durch radikale Eingriffe ohne Rücksicht auf Nachteile das bisherige (korrumpierte) System beenden und dadurch neue Zukunftszuversicht schaffen.

Donald Trump sieht sich damit wohl in der Reihe von Benjamin Franklin (amerikanische Unabhängigkeit), Abraham Lincoln (Beendigung des US-Bürgerkriegs) und Franklin D. Roosevelt (New Deal und 2. Weltkrieg), die für die großen Umbrüche in der US-Geschichte und den bisherigen „Vierten Wendungen“ stehen. Mit dieser Überhöhung und dem unsäglichen Sendungsbewusstsein der Erfüllung eines geschichtlichen ‚Auftrags‘ kann man vielleicht die Maßnahmen der Trump’schen Zollpolitik besser verstehen. Absehbare Nachteile für die amerika-nische Wirtschaft nimmt er da billigend in Kauf, um das größere Ziel einer nur auf den eigenen Vorteil bedachten neuen US-Gesellschaft zu erreichen.

Dieser Erklärungsversuch erscheint zunächst einmal weit hergeholt und übertrieben. Aber es ist nicht zu verkennen, dass die gestern von Trump bekanntgegeben Zollmaß-nahmen und die Kehrtwende in der gesamten US-Politik ganz grundlegende Umwälzungen verursachen und die Welt auf Jahre bzw. Jahrzehnte neu prägen könnten. Mit dieser Sichtweise wären alle Versuche, durch Verhand-lungen und rationale Argumente zu versöhnlicheren Lösungen zu kommen, sinnlos. Einzig ein Zusammen-rücken starker Staaten(verbünde) in der restlichen Welt mit harten Antworten auf die Zollmaßnahmen und die Hoffnung darauf, dass die amerikanische Gesellschaft selber die damit verbundenen Risiken rechtzeitig erkennt, könnten die Trump’sche Revolution aufhalten.

Auch ohne allzu großen Pessimismus zu verbreiten, könnte die Trumpsche Politik folgende Entwicklungen bewirken: Die erhobenen Zölle gegen Importe aus fast allen Ländern der Welt (interessanterweise nicht gegen Russland) schaden zunächst einmal der amerikanischen Wirtschaft am meisten. Sie verteuern viele Waren und Vorprodukte, auf die Amerika angewiesen ist. Das macht die Produktion in den USA generell teurer und weniger wettbewerbsfähig. Erwartbare Gegenzölle schaden dem amerikanischen Export direkt. Mit der steigenden Inflation (bedingt auch durch den Arbeitskräftemangel als Folge der restriktiven Einwanderungspolitik) fällt es aber der US-Notenbank FED sehr schwer, weitere Zinssenkungen vorzunehmen und damit die Wirtschaft zu stützen. Im Gegenteil könnten die Zinsen in den USA deutlich anziehen, auch vor dem Hintergrund der bereits heute massiven Staatsverschul-dung und der angekündigten Steuersenkungen durch Trump.

Geht aber das Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft verloren, eventuell bedingt auch durch eine Aushebelung der Unabhängigkeit der FED, so könnte Amerika in eine

Rezession abgleiten. Wenn dann auch noch die weltweite Vormachtstellung des US-Dollars zu wackeln droht, dann ist das auf einer Finanzierung des Wohlstands durch das Ausland basierende Geschäftsmodell der USA massiv bedroht. Es kursieren schon erste Gerüchte zu Plänen (Mar-a-Lago-Accord), dass Trump dann andere Länder als Gegenleistung für sein Wohlwollen z.B. für amerikanische Sicherheitsgarantien zwingen würde, US-Schuldtitel mit künstlich niedrig angesetzter Verzinsung anzukaufen. Das könnte das Vertrauen in das gesamte Papiergeld- bzw. heutige Finanzsystem erschüttern.

Warum beschreibe ich die möglichen drastischen Folgen ausführlich? Weil darauf auch meine Hoffnung beruht, dass es gerade deswegen nicht zu einer derartig zerstörerischen Krise kommt. Bedingt durch die zu erwartenden harten Gegenmaßnahmen anderer Länder, die aufkommenden großen Belastungen für die amerikanische Gesellschaft selber und negative Reaktionen der amerikanischen Börsen könnte Trump gezwungen sein, Abstriche an seinen Maßnahmen vorzunehmen. Einen Handelskrieg gegen (fast) die ganze Welt zu führen erscheint kaum durchhalt-bar. Nicht zu vergessen, dass die amerikanische Wirtschaft

trotz ihrer Bedeutung doch nur für 10% (auf der Export-seite) bis 13% (auf der Importseite) des Welthandels steht.

Jetzt gilt es also, die aktuelle amerikanische Poltik nicht als kurzfristigen Ausreißer zu betrachten der irgendwann zu Ende geht. Wenn Europa und die (westliche) Welt aber konsequent handelt und aus den Bedrohungen ihrer Wirtschaft und Sicherheit die richtigen Schlüsse zieht, so kann hoffentlich das Schlimmste abgewehrt werden. Schon jetzt zeigen Wissenschaftler, die bisher durch die Vorteile des amerikanischen Forschungssystems angezogen wurden, Haltung und wollen das Land verlassen. Hier kann Europa bei anhaltender Bedrohung der Freiheit der Wissenschaften in den USA auch gute Anziehungskräfte entwickeln und profitieren.

Falls man der obigen Generationentheorie folgen möchte so würde ich darauf bauen, dass die durch Trump ausge-löste Krise noch den Kulminationspunkt der 4. Welle nach Strauss/Howe darstellt. Demnach würde erst nach dessen hoffentlich schnellerem Scheitern eine neue Phase beginnen, mit dann wieder starken Institutionen, mehr internationaler Zusammenarbeit und Gemeinschaftssinn.

Bensheim, 03.04.2025 

 

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