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NEWSLETTER 8/2025:
(Privates) Geld ist eigentlich genug da für die notwendigen Investitionen in die Zukunft Deutschlands

Trotz historisch hoher Sparquote in Deutschland von über 11% finden sich die Deutschen bei ihrer Geldvermögensbildung pro Kopf im internationalen Vergleich der Industrieländer eher im mittleren bis hinteren Teil wieder. Zudem ist das Vermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt. Mit den vorhandenen 9 Billionen Euro an Nettogeldvermögen in Deutschland ließe sich aber sehr viel machen: Bereits mit der Anlage dieses Kapitals zu mindestens 1,1% p.a. könnten (rechnerisch) allein aus den Kapitalerträgen die erforderlichen zusätzlichen Investitionen des Staates von um die EUR 100 Mrd. jährlich zur Finanzierung der nachhaltigen Transformation Deutschlands aufgebracht werden.

Die Sparquote aller privaten Haushalte in Deutschland (Ersparnisse eines Jahres im Verhältnis zum Verfügbaren Einkommen) hat sich in den letzten dreißig Jahren - abgesehen vom ‚Zwangssparen‘ während der Corona-Jahre – immer in einer Bandbreite zwischen 9 und 12% bewegt. Damit liegt die Sparquote Deutschlands mittler-weile eher am oberen Ende der internationalen Band-breiten der Industrieländer. Während in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts überall ein abnehmender Trend der Sparquoten zu beobachten war (wegen der generell stärker steigenden verfügbaren Einkommen), so war das Ausmaß des Rückgangs in vielen angelsächsi-schen Ländern aber doch deutlich ausgeprägter als in Deutschland (z.B. Halbierung in Italien, Drittelung in den USA auf nur noch um die 4% Anfang der 2000er Jahre, in Japan sogar teilweises Absinken der Sparquote in den negativen Bereich).

In den letzten Jahren ist es dann in Deutschland zu ten-denziell eher wieder steigenden Sparquoten gekommen, bedingt durch erhöhte wirtschaftliche Unsicherheiten z.B.

bezüglich der Beschäftigungssituation, der eigenen sozialen Sicherheit oder Zukunftsvorsorge. Diese Vor-sichtsmotive sind in Deutschland historisch begründbar ausgeprägter als in anderen Ländern („Angstsparen“). Durch entsprechenden Konsumverzicht wird die Wirtschaft dadurch natürlich tendenziell gebremst.

Gerade in den letzten Jahren hatte man ja nach dem erzwungenen Sparen während des Corona-Shutdowns (mit Sparquoten von knapp 16% im Jahr 2020 und gut 14% in 2021) gehofft, dass diese ‚freien‘ Mittel zeitverzögert doch noch in den Konsum fließen könnten. Leider ist das aufgrund der weiter anhaltenden Verunsicherung (Ukraine-Krieg, Wirtschaftsflaute, weltweite Spannungen etc.) nicht geschehen, die deutsche Sparquote ist von 10,4% in 2023 schon wieder auf ca. 11,5% in 2024 angestiegen. Dies im Kontrast zu den aktuell deutlich geringeren Sparquoten in vielen Industrieländern wie z.B. den USA mit 4,7%. In Ergänzung der angefügten Grafik kommt UK gemäß OECD derzeit auf eine Sparquote von nur 2,0%, Spanien auf 3,0% und Kanada auf 5,6%.

Bei einem verfügbaren Einkommen aller privaten Haushalte in Deutschland von etwa EUR 2,57 Bill. in 2024 sprechen wir daher von einer Gesamtersparnis von 296 Mrd. allein in einem Jahr. Das ist schon ein erheblicher Betrag, rein rechnerisch weit über den gesamten, zusätzlich erforder-lichen Investitionen des Staates von bis zu 100 Mrd. jährlich zur Finanzierung der nachhaltigen Transformation Deutschlands (Studie der Bertelsmann-Stiftung zu nach-haltigen Staatsfinanzen und zur ökologischen Transfor-mation vom 26.08.2024, inkl. Mehrkosten für die Landes-verteidigung und die Alterung der Gesellschaft).

Neben den jährlich neu gesparten Mitteln ist natürlich auch das bereits vorhandene Nettovermögen eine gute Mög-lichkeit, über potenzielle Geldquellen für Zukunftsinvesti-tionen nachzudenken. Das (Brutto-)Geldvermögen der privaten Haushalte erreichte in Deutschland laut Bundes-bank im dritten Quartal 2024 eine Rekordhöhe von 9.004 Mrd. Euro. Hierzu gehören die Bargeldbestände, alle Formen der Geldanlage (Sicht-, Spar- und Termineinlagen) bei Banken und Anlagen in Wertpapiere, Fonds sowie Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionsein-richtungen. Sachwerte wie Immobilien oder Firmenbeteili-gungen werden dagegen normalerwiese nicht dem Geldvermögen zugerechnet, da sie wenig liquide sind.

Die DZ BANK hat die Geldvermögensbildung bereits auf 9,3 Bill. EUR für das Gesamtjahr 2024 hochgerechnet. Die hohe Bedeutung von Bankeinlagen mit 36,8% (inkl. Bar-geld) ist demnach unverändert ein typisches Merkmal deutscher Anlagementalität. Schon immer machten diese auf Bankkonten angelegten Gelder mit 35 bis 45% den

größten Anteil am Geldvermögen aus. Sogar auch während der langen Niedrigzinsphase schwankte der Bankeinlagen-anteil um die 40%, obwohl darauf kaum Zinserträge erzielt werden konnten. Der zweitgrößte Anteil machen die An-sprüche an die (Lebens-)Versicherungen und Pensions-einrichtungen aus. Die Bedeutung dieses privaten Teils der Altersvorsorge ist über die Zeit von um ein Viertel am gesamten Geldvermögen sogar um bis zu 10 Prozent-punkte bis etwa Mitte der 2010er Jahre angewachsen und liegt heute je nach Abgrenzung zwischen 26 und 30%.

Etwas zugenommen hat dagegen der Anteil der in Aktien und Investmentfonds angelegten Gelder. Hatten diese Wertpapieranlagen bislang (abgesehen vom Dotcom-Aktienboom 1997 bis 2000 im Zuge des Telekom-Börsen-ganges) einen Geldvermögensanteil von 15-20%, so ist er in den letzten Jahren auf um die 23% gestiegen. Zum einen war in Corona-Zeiten und wegen des extrem niedrigen Zinsniveaus ein vermehrtes Interesse an WP-Anlagen zu verzeichnen. Zum anderen hat auch die jüngere Generation im Zuge des Aufkommens von Online-Brokern und FinTechs die Wertpapieranlage entdeckt: Die Anzahl der WP-Depots ist von um die 25 Mio. im Jahr 2020 auf über 33 Mio. in 2024 angestiegen. Nach Analysen der Bundes-bank (Pressenotiz vom 16.01.2025) ist das Geldvermögen der privaten Haushalte allein im dritten Quartal 2024 um 197 Mrd. Euro gestiegen, davon allerdings nur mit 73 Mrd. durch Neuanlagen, dagegen 124 Mrd. durch Zinserträge und Bewertungsgewinne. Die reale (inflationsbereinigte) Gesamtrendite gibt die Bundesbank aktuell damit mit knapp 3% an, was sicher hauptsächlich auf die gute Aktienkursentwicklung zurückzuführen ist.

Wie sieht es nun aber mit der Geldvermögensbildung der Deutschen im internationalen Vergleich aus? Zunächst einmal muss neben dem Bruttogeldvermögen auch die Verschuldung der privaten Haushalte in den jeweiligen Ländern berücksichtigt werden. Da ins Geldvermögen keine Immobilien einfließen werden hierbei zunächst einmal auch keine Hypothekenschulden, sondern nur Privatkredite (Konsumentenkredite, Kontoüberziehungen) einbezogen. Gemäß Bundesbankausweis beträgt das Volumen dieser sonstigen Kredite an Privatpersonen 235,1 Mrd. im dritten Quartal 2024. Der Schuldneratlas 2024 der Creditreform berichtet von einem aktuellen Schuldenvolumen über-schuldeter Verbraucher von 174 Mrd. Euro. Dieser Wert sei von 265 Mrd. fürs Jahr 2006 über 200 Mrd. im Jahr 2000 also bis heute um 35% zurückgegangen. Die Verschuldung über Privatkredite verringert demnach nur zu einem kleineren Teil das Geldvermögen auf ca. 9,0 Bill. EUR Netto.

Auch unter Einbeziehung der viel bedeutenderen Ver-schuldung für Immobilienkredite befindet sich Deutschland im weltweiten Vergleich der Industrieländer auf einem mittleren Platz mit einer Gesamtverschuldung der privaten 

 Haushalte von etwas über 53% am BIP (Schweiz über 100%!, Niederlande um die 90%, UK um die 80%, USA 75% Frankreich 65%, Österreich 56%, Italien 40%, Polen 24%). Die Deutschen sind also insgesamt im Schnitt nur moderat verschuldet.  

Für einen internationalen Vergleich ist das Nettohaus-haltsvermögen dann auf die Anzahl der Einwohner in den jeweiligen Ländern zu beziehen. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Studien mit vergleichbaren Ergebnissen, z.B. der Global Wealth Report 2024 der Allianz. Und da ergibt sich zunächst einmal das schon überraschende Ergebnis, dass Deutschland alles andere als weit oben dabei ist, sondern erst auf Platz 18 mit einem Pro-Kopf-Vermögen von 69 T€ erscheint. Deutlich hinter Ländern mit Werten von über 200 T€ pro Kopf wie den USA und der Schweiz, aber auch 126 T€ in Schweden, 117 T€ in den Nieder-landen. Und sogar UK mit 80 T€, Italien mit 77 T€ und Frankreich mit einem mittleren Nettovermögen von 72 T€ liegen noch über dem deutschen Pro-Kopf-Wert. Wie kann das bei der hohen Sparquote und den 9 Bill. Euro Nettovermögen der Deutschen sein?

 

Quelle: Global Wealth Report Allianz 2024, Seite 24

Zunächst einmal muss berücksichtigt werden, dass bei der Berechnung des mittleren Vermögens pro Kopf i.d.R. auf den Median-Wert zurückgegriffen wird, d.h. 50% der Ein-wohner liegen über diesem Wert und 50% darunter. Der Medianwert ist deutlich weniger durch extreme Vermögens-werte verzerrt und hat deshalb eine höhere Aussagekraft darüber, welche Vermögenswerte die Mittelschicht eines Landes tatsächlich besitzt. In einer Studie der EZB aus 2023 (Household Finance and Consumption Survey) zum Nettovermögen europäischer Haushalte (aller Personen die in einem Haushalt leben zusammen, nicht nur pro Kopf) wird ein Median-Nettovermögen im Schnitt der euro-päischen Länder von 123,5 T€ ermittelt. Für Deutschland beträgt der Median des Nettohaushaltsvermögens 106,6 T€. Wird dagegen alternativ der Mittelwert verwendet so errechnen sich europaweit deutlich höhere 292,1 T€. Und der Mittelwert für Deutschland liegt sogar mit 316,5 T€ noch darüber und überholt im Ranking damit noch Österreich, Frankreich und Spanien. Ein klares Zeichen dafür, dass die Vermögen in Deutschland deutlich ungleicher verteilt sind als in anderen Ländern.

Bevor wir uns die Vermögensverteilung in der Bevölkerung noch etwas näher ansehen aber noch ein paar Erklärungs-versuche dafür, dass der Median des Nettovermögens pro Kopf in Deutschland im Vergleich so gering ausfällt. Es darf nicht vergessen werden, dass in Deutschland durch den zweiten Weltkrieg und die Währungsreform 1948 große Teile des Produktivkapitals und des Sparvermögens ver-nichtet wurden. Dies betraf andere Länder in weit gerin-gerem Ausmaß. Daneben musste z.B. auch das Alters-sicherungssystem komplett über ein Umlageverfahren neu aufgebaut werden (laufende Zahlungen an die Rentner können nur aus den laufenden Einnahmen der Beitrags-zahler geleistet werden): einen individuell angesparten Kapitalstock gab es ja nicht mehr. Diese gesetzlichen Rentenansprüche werden in den üblichen Vermögens-vergleichen nicht mit einbezogen. Ganz im Gegensatz zu privatrechtlichen Ansprüchen an kapitalgedeckte Alters-vorsorgesysteme wie Pensionsfonds, die z.B. in den USA eine sehr große Rolle spielen.

Ein weiteres Argument betrifft das Immobilienvermögen. Auch dieses (wie auch die Wohnbaukredite) geht in die o.a. Werte und Rankings nicht ein. In der Regel geht man davon aus, dass Haushalte mit Wohneigentum (geerbt bzw. zumindest in späteren Jahren, wenn die Immobilie abbe-zahlt ist) mehr sparen können, da sie keine Mietausgaben (mehr) haben. Das stärkt die potenzielle Geldvermögensbil-dung. Gerade in Deutschland ist die Eigentumsquote aber mit 46,7% (Eurostat) im europäischen Vergleich relativ gering. Der EU-Schnitt beläuft sich auf 69,1%, Italien kommt z.B. auf eine Eigentumsquote von 74,3%. Eindeutig scheint die Beziehung zur Höhe des Nettovermögens aber nicht zu sein: Die Schweiz mit besonders hohem Geld-vermögen hat mit 42,3% sogar noch eine niedrigere Eigentumsquote als Deutschland und in Rumänien wohnen 94,8% in den eigenen Vier-Wänden, ohne durch hohes Nettovermögen aufzufallen.

Bleibt noch eine der Haupterklärungsgründe für die unterdurchschnittliche Vermögensbildung in Deutschland: der Fokus auf kurzfristige Geldanlagen. Wieder aus dem Global Wealth Report der Allianz ist zu entnehmen, dass der Vermögenszuwachs in vielen (angelsächsisch ge-prägten) Ländern gar nicht unbedingt aus neuen Spar-mitteln stammt: In den letzten 20 Jahren kommen in den USA im Schnitt 62,4% des jährlichen Vermögenszu-wachses allein aus Kursgewinnen der bereits vorhandenen, überwiegend in Wertpapiere wie Aktien angelegten Ver-mögenswerte. In Westeuropa liegt dieser Wert bei 34,2% und in Deutschland kommt das Wachstum langfristig fast ausschließlich aus den Sparanstrengungen, da mit Bankanlagen wegen der langen Niedrigzinsphase kaum Rendite zu erzielen war. Hinzu kommt in Deutschland, dass sich auch die Altersvorsorge über Lebensversicherungen aufgrund gut gemeinter aber zu restriktiver Vorgaben überwiegend auf Festzinsanlagen fokussieren, weniger in Aktien und andere langfristig ertragsreichere Anlageformen angelegt ist.


Qeuelle: Handelsblatt 25.09.2024

Damit zum Schluss noch ein paar Aspekte zur Ungleichheit der Vermögensverteilung. Als Maß für Ungleichheit wird häufig der so genannte Gini-Koeffizient verwendet, welcher Ungleichheit von 0 (Gleichverteilung) bis 1 (maximale Ungleichheit) anzeigt. Dieser Gini-Koeffizient des Haus-haltsvermögens lag in Deutschland zuletzt ziemlich konstant bei etwa 0,77. Den Hochpunkt (höhere Ungleich-heit) hatte der Koeffizient im Jahr 2014 mit 0,79. Damit wird die Vermögensverteilung in Deutschland um 0,05 bis 0,07 Gini-Punkte ungleicher gemessen als in vergleichbaren europäischen Ländern wie Frankreich oder Italien.

Wahrscheinlich anschaulicher ist die Darstellung der Vermögensungleichheit mittels Anteile am Gesamtver-mögen: Gemäß der bereits oben erwähnten Studie der EZB aus dem Jahr 2023 halten die reichsten 10% der Privat-haushalte in Deutschland etwa 56% des Gesamtver-mögens (im Jahr 2014 waren es schon mal 60%). Im Schnitt der EU-Länder lag dieser Anteil bei etwa 53%, für Frankreich bei 50%, den Niederlanden bei 47% und z.B. für Tschechien nur bei 39%. Nach Estland ist demnach Deutschland das Land mit der höchsten Vermögens-ungleichheit.

Mögliche Gründe hierfür (in der Breite geringeres Immobilienvermögen in Deutschland, bereits höhere 

Vermögen ermöglichen i.d.R. auch bessere Renditen aus Aktienanlagen etc.) wurden oben bereits ausgeführt. Als Tatsache bleibt festzustellen: Gemäß der Forbes‘ 37th Annual World’s Billionaires List gibt es im Jahr 2023 in Deutschland 132 Milliardäre, die meisten in Europa und weltweit die viertmeisten, hinter den USA (813), China (406) und Indien (200). In Italien gibt es demnach 73 Milliardäre, in UK 55 und in Frankreich 53, in der Schweiz dagegen ‚nur‘ 41.

Was heißt das alles nun für Deutschland und wo ist das Positive? Nun, mit 9 Bill. Nettovermögen in Deutschland ist eigentlich genug Geld da – es ist nur sehr ungleich verteilt und in der Breite viel zu stark in klassischen Bankeinlagen angelegt statt in renditestärkeren Anlageformen wie Aktien. Natürlich kommen die hohe Sparquote und die Bank-einlagen der Wirtschaft über die dadurch mögliche Kredit-vergabe der Banken auch zugute. Aber die eigentliche Innovationsfinanzierung in Form von Venture Capital, in Start Ups und riskantere Forschungsprojekte leisten in der Regel nicht die Banken.

Hier ist privates Kapital vonnöten bzw. könnte noch in viel stärkerem Maße eingesetzt werden, wenn Anlagevor-schriften für Kapitalsammelstellen erweitert würden, sich die Risikoscheu der Deutschen abschwächen ließe …oder der Staat mehr von der Vermögensungleichheit

abschöpfen und in Zukunftsinvestitionen umleiten würde. Das Einkommen wird in Deutschland schon so weitgehend wie sinnvoll umverteilt: Nach Angaben des Finanzminis-teriums zahlen die oberen 10% der Lohn- und Einkom-menssteuerpflichtigen bereits 57% des gesamten Steuer-aufkommens in diesem Bereich. Der Gini-Koeffizient der Einkommensverteilung nach Steuern in Deutschland weist daher für 2023 auch nur einen Wert von 0,29 auf. Die Nettoeinkommen sind daher um Längen gleicher verteilt als das Vermögen.

Dieses wird aber in Deutschland kaum besteuert: Die Vermögenssteuer ist seit 1997 nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ausgesetzt und wird derzeit von keiner Partei ernsthaft versucht neu zu regeln. Und von den 121,5 Mrd. Euro die im Jahr 2023 vererbt wurden sind gerade einmal 9 Mrd. an Erbschaftssteuer abgeführt worden. Auch wenn es hier nicht trivial ist, für den Übergang von Betriebsvermögen an die nächste Generation Regelungen zu finden, ohne die Fortführung der Unternehmen zu gefährden: Wenn Deutschland vor so großen Herausforderungen steht wie zurzeit, dann muss ernsthaft darüber nachgedacht werden, wie die 9 Bill. Nettogeldvermögen oder die Erträge daraus von 250 bis 500 Mrd. jährlich für die Zukunftssicherung Deutschlands mobilisiert werden können.

In aller Kürze:
  • Das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschen beläuft sich im Jahr 2024 auf 9,3 Bill. Euro. Hierin sind alle Bargeldbestände und Anlageformen bei Banken und in Wertpapiere, Fonds sowie Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionseinrichtungen enthalten. Selbst wenn man alle privaten Kreditschulden (ohne Wohnungsbaukredite, da Immobilien auch nicht im Geldvermögen berücksichtigt werden) davon abzieht, bleibt ein Nettogeldvermögen von ca. 9,0 Bill. Euro. Allein aufgrund der hohen Sparquote der Deutschen von zuletzt 11,5% am verfügbaren Einkommen kamen da im letzten Jahr 296 Mrd. neue Ersparnisse obendrauf. Hinzu kommen die Zinserträge und Wertgewinne auf das vorhandene Vermögen, die laut Bundesbank im letzten Jahr einer realen Rendite von knapp 3% entsprochen haben. Damit ist das Geldvermögen aller privaten Haushalte in den letzten 5 Jahren in Deutschland nominal um insgesamt 27,5% angestiegen.

  • Obwohl 9 Billionen Euro eine enorm große Zahl darstellen, muss diese im internationalen Vergleich relativiert werden. Zum einen besteht das Geldvermögen der Deutschen je nach Abgrenzung zu 36-40% aus Bankeinlagen (inkl. Bargeld) und zu 26-30% aus Ansprüchen an (Lebens-)Versicherungen und Pensionseinrichtungen. Der Anteil der in Aktien und Investmentfonds angelegten Gelder beläuft sich dagegen zusammen nur auf 23-29%. Obwohl in den letzten Jahren etwas mehr, werden die Möglichkeiten der Kapitalmarktanlagen damit in Deutschland deutlich weniger genutzt als anderswo: Weltweit beträgt der WP-Anteil am Geldvermögen 43%, in den USA sogar 57%. Die Deutschen sparen damit relativ zwar mit am meisten, erzielen aber aus Risikoscheu im Schnitt eine viel geringere Rendite. In den USA kommen dagegen im Schnitt 62% des jährlichen Vermögenszuwachses aus Kursgewinnen der bereits vorhandenen Vermögenswerte.

  • Zum anderen ergibt der internationale Vergleich des Nettogeldvermögens für die Deutschen nur ein Pro-Kopf-Vermögen von 69 T€ , deutlich hinter Ländern wie den USA (260 T€), der Schweiz (255 T€) aber auch UK mit 80 T€, Italien mit 77 T€ und 72 T€ für Frankreich. Die Gründe hierfür sind erst einmal historischer Natur: Große Teile des Produktivkapitals und des Sparvermögens wurden mit dem 2. Weltkrieg und der Währungsreform 1948 vernichtet. Zudem musste ein neues Alterssicherungssystem als reines Umlageverfahren ohne individuell angesparten Kapitalstock aufgebaut werden.

  • Daneben trägt die Tatsache, dass Immobilieneigentum in Deutschland deutlich weniger verbreitet ist als in anderen Ländern (geringere Eigentumsquote von 47% zu 69% im EU-Schnitt oder Italien mit 74%), zu einer relativ großen Ungleichverteilung von Vermögen in Deutschland bei: Die reichsten 10% der Privathaushalte halten hierzulande etwa 56% des Gesamtvermögens, der höchste Wert in Europa nach Estland. Damit hat sich Vermögen in Deutschland sehr stark in der Hand weniger aufgebaut (in Deutschland gibt es 132 Milliardäre), kann relativ steuerschonend auf die nächste Generation vererbt werden und vermehrt sich auch überdurchschnittlich als für die breite Masse, da die Chancen renditeträchtiger Anlageformen mehr genutzt werden können.

  • Nach verschiedenen Studien muss der deutsche Staat zusätzlich bis zu 100 Mrd. Euro jährlich in die erforderliche nachhaltige Transformation Deutschlands investieren (inkl. Mehrkosten für die Landesverteidigung und die Alterung der Gesellschaft). Die hierfür benötigten Mittel sind eigentlich mit den 9 Bill. Nettogeldvermögen im privaten Bereich vorhanden, wenn allein daraus jährlich bis zu 500 Mrd. an Erträgen generiert werden können. Wenn Deutschland vor so großen Herausforderungen steht wie zurzeit, dann kann und muss Privates Kapital mehr für die Zukunftssicherung Deutschlands mobilisiert werden. Durch mehr Innovationsfinanzierung in Form von Venture Capital, in Start Ups und riskantere Forschungsprojekte, aber auch durch die Erweiterung der Anlagevorschriften für Kapitalsammelstellen um der Risikoscheu der Deutschen zu begegnen. Und nicht zuletzt durch ein maßvolles Abschöpfen der sehr ungleich verteilten Vermögen in Deutschland, sei es in Form von Vermögensabgaben oder einer grundlegenden Reform der Erbschaftssteuer.
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