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NEWSLETTER 8/2024:
Reallohnentwicklung: Einbruch der letzten Jahre bereits wieder mehr als wettgemacht

Erst war es der negative Corona-Effekt auf die Lohnentwicklung im zweiten Quartal 2020. Dann schossen die Inflationsraten bis auf 8,8% im Oktober 2022 nach oben. Die inflationsbereinigten Verdienste = Reallöhne in Deutschland kamen dadurch in den letzten Jahren stark unter Druck. Die erheblichen Kaufkraftverluste der Arbeitsnehmer konnten aber mit den höheren Lohnsteigerungen der letzten Zeit bereits wieder aufgeholt werden. 

Die Jahre 2020 bis Mitte 2023 haben für die
deutschen Arbeitnehmer einen schmerzhaften Kaufkraftverlust mit sich gebracht. Gemessen wird dieser anhand der Reallohnentwicklung. Hierzu
werden die Nominallöhne der Beschäftigten in Deutschland mit der Inflation, gemessen am Verbraucherpreisindex, in Relation gesetzt. Gemäß Daten des Statistischen Bundesamt sind die
Reallöhne in den drei Jahren ab 2020 in Folge zurückgegangen, insgesamt um 5,2%.

Gemäß der jüngsten Pressemeldung des gewerk-schaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissen-schaftlichen Instituts vom 06.12.2024 wird im WSI-Tarifarchiv für das aktuelle Jahr nun im Schnitt mit Tariflohnsteigerungen von nominal 5,5% gerechnet,
bei einer erwarteten Jahresinflationsrate von ca.
2,2%. Die Kaufkraft steigt damit in 2024 mit 3,2%
zum ersten Mal wieder erheblich. Dennoch läge das „preisbereinigte Niveau der Tariflöhne insgesamt auf

dem Niveau des Jahres 2018 und damit deutlich unter dem Spitzenwert des Jahres 2020“ (?). Die reduzierte Kaufkraft der Beschäftigten sei ein wesentlicher
Grund für die schwache Konjunkturentwicklung in Deutschland. Es bestände „weiterhin erheblicher Nachholbedarf.“

Grund genug die Reallohnentwicklung etwas genauer und über einen längeren Zeitraum hinweg anzu-schauen. Die Statistiken der Bundesbank zur Entwicklung der Nettolöhne bzw. Effektivverdienste
und die Inflationsstatistik reichen bis ins Jahr 1994 zurück. Daher greife ich hier auf diese zurück.
Stiegen die Effektivverdienste von Q1/1994 bis zum vierten Quartal 2009 um nominal +24,2%, so hatten
die Arbeitsnehmen real dennoch nichts davon. Die

Verbraucherpreise haben sich im gleichen Zeitraum sogar um 26,2% erhöht.

Wie die in der u.a. Abbildung wiedergegebenen Jahresraten der Reallöhne zeigen, gab es bereits
1996 bis Anfang 1998 und in den Jahren 2004 bis
2008 immer wieder längere Phasen, in denen die Reallohnentwicklung bis auf -2,5% auf Jahressicht negativ war. In diesen Jahren lang die Inflationsrate zwar relativ konstant um niedrige 2%. Die Nominal-löhne stiegen aber wegen einer langanhaltenden Konjunkturschwäche kaum, auch weil die Arbeits-losigkeit mit einer Quote z.T. über 10% in dieser Zeit sehr hoch war. Deutschland galt damals als ‚kranker Mann Europas‘ und war dringend reformbedürftig.

Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von Daten der Deutschen Bundebank

 

Erst ab dem Jahr 2010 kam es bis 2019 zu einer langen Phase durchgängiger Reallohnzuwächse von
im Schnitt +1,6% jährlich. Zum einen wurden nach Überwinden der Finanzmarktkrise 2008/2009 Lohnerhöhungen mit jährlichen Nominalraten
zwischen 2 und 4% möglich. Hierzu trugen auch die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 bei, mit
denen die Arbeitslosenquote von zweistelligen Raten bis auf 5,0% im Jahr 2019 abgesenkt werden konnte. Zum anderen ging auch die Inflationsrate mit der Staatsschuldenkrise und der weltweiten Globalisie-
rung auf Werte unter 1% in den Jahren 2013 bis
2017 zurück.

Von diesen wirtschaftlich sehr guten Jahren profi-
tierten also auch die Arbeitnehmer. Leider nutzte die Politik die Phase niedriger Zinsen und verbesserter Haushaltslage nicht für Strukturreformen und Zukunftsinvestitionen.     

Und dann kamen die 2020er Jahre mit ihren enormen Verwerfungen. Zuerst einmal ging es mit der Corona-Pandemie wirtschaftlich stark abwärts. Während es
zu Beginn vor allem wegen der Kurzarbeit und Verdienstausfällen zu schlagartig sinkenden Real-löhnen kam, sorgten dann die explodierenden

Verbraucherpreise dafür, dass die realen Verdienste
ab 2022 erneut massiv zurückgingen. So erreichte
die Inflationsrate im zweiten Halbjahr 2022 erschreck-ende Werte von über 8%, während sich die Löhne
und Gehälter nur zwischen drei und vier Prozent erhöhten. 

Ab dem zweiten Quartal 2023 stiegen die Reallöhne dann erstmals wieder. Im Schnitt der Jahres 2024 um bisher gute 3,2%, so dass über die gesamte Spanne der Jahre 2020 bis 2024 stagnierende Reallöhne resultieren.
Mit der in letzter Zeit guten Position der Gewerkschaften konnten Nominallohnzuwächse um
5 bis 6% im Jahr erzielt werden. Dies ist natürlich mit den hohen Inflationsraten zuvor gut zu begründen.
Aber auch der Fachkräftemangel stärkt die Position
der Arbeitnehmer/-innen.

Zudem sind in den vergangenen Jahren die Löhne
der Beschäftigten im Niedriglohnsektor überdurch-schnittlich stark gestiegen. Ursache hierfür ist die Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015. Damals
lag dieser bei 8,50 Euro brutto pro Stunde, seit Januar 2024 sind mindestens 12,41 Euro / h zu bezahlen,
eine Steigerung um gute 46 Prozent.

Betrachtet man das Niveau der Reallöhne anhand der Indices der Deutschen Bundesbank, so haben die realen Verdienste bereits im ersten Quartal 2024 das Niveau des Jahres 2018 um +3,3% und auch den
Wert von Q1/2020 überschritten. Die Kaufkraft-
verluste der letzten Jahre sind damit bereits mehr als wettgemacht.*
Dass dies weniger in der Wahrneh-
mung der Arbeitnehmer und deren Konsumverhalten ankommt, liegt sicher an der massiven Verunsicher- ung durch die Verwerfungen der letzten Jahre:
Corona, der massive Inflationsschub, der Ukraine-Krieg, die globalen Umwälzungen und der derzeitige wirtschaftliche und politische Stillstand Deutsch-
lands sind schon erhebliche Stimmungsbelastungen.

* 
Die oben zitierten anderslautenden Aussagen des WSI beziehen sich auf eigene Statistiken zu den Tarifentgelten. Die Bundesbank greift auf die Effektivverdienste der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zurück, die auch Sonderzahlungen einbeziehen und rascher als die Tarifverdienste reagieren.
Wir kommen aber auch aus einer Zeit, in denen man sich an Reallohnsteigerungen um ein bis zwei Prozent im Jahr gewöhnt hatte. Durch die lange Phase der 2010er Jahre mit einer recht guten Wirtschaftslage, hoher Preisstabilität, niedrigen Zinsen und einer
relativ stabilen politischen Situation fällt es den Arbeitsnehmern wohl schwer, sich auf die verschlech-terte Gesamtsituation einzustellen.

Obwohl die individuelle wirtschaftliche Situation häufig gar nicht so schlecht ist bzw. beurteilt wird, wie die jüngste Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom 06.12.2024 zeigt. Demnach halten 58% der Befragten ihre eigene Wirtschaftslage als gut. Die allgemeine Wirtschaftslage wird dagegen lediglich von 8% der befragten Personen als gut bezeichnet. Etwas mehr Optimismus täte da sicher gut und wäre auch ange-bracht.
In aller Kürze:
  • Die Jahre 2020 bis Mitte 2023 haben für die deutschen Arbeitnehmer einen schmerzhaften Kaufkraftverlust mit sich gebracht. Die Reallöhne in Deutschland als Relation der Nominallöhne der Beschäftigten zur Verbraucherpreisinflation sind in den drei Jahren ab 2020 in Folge um insgesamt 5,2% zurückgegangen.

 

  • Ab dem zweiten Quartal 2023 steigen die Reallöhne aber wieder im Vergleich zum Vorjahr: Mit der guten Position der Gewerkschaften aufgrund der zuvor hohen Inflationsraten und dem Fachkräftemangel konnten seither Nominallohnzuwächse um 5 bis 6% im Jahr erzielt werden. Zudem sind in den vergangenen Jahren die Löhne der Beschäftigten im Niedriglohnsektor überdurchschnittlich stark gestiegen. Auf Basis der Daten der Deutschen Bundesbank haben die Reallöhne damit bereits im ersten Quartal 2024 das Niveau des Jahres 2018 um +3,3% überschritten. Die Kaufkraftverluste der letzten Jahre sind damit bereits mehr als wettgemacht.

  • Betrachtet man die Reallohnentwicklung über einen längeren Zeitraum ab Verfügbarkeit der Daten hinweg so zeigt sich, dass in der Periode 1994 bis 2009 die Reallöhne schon einmal per Saldo eher gesunken sind. Dies hatte mit der langanhaltenden Konjunkturschwäche und der hohen Arbeitslosigkeit zu tun (Deutschland galt damals als ‚kranker Mann Europas‘).

  • Dann brachen die guten 2010er-Jahre an, in denen es bis 2019 zu einer langen Phase durchgängiger Reallohnzuwächse von im Schnitt +1,6% jährlich kam. Neben höheren Nominallohnsteigerungen bei deutlich sinkenden Arbeitslosenzahlen lag das auch an der entspannten Preisentwicklung mit Inflationsraten von unter 1% über mehrere Jahre hinweg. Von diesen wirtschaftlich sehr guten Jahren profitierten also auch die Arbeitnehmer.

  • Diese lange Phase hoher Stabilität und guter Reallohnzuwächse mag auch mit ein Grund dafür sein, dass die Arbeitnehmer sich aktuell schwer tun mit der verschlechterten Gesamtsituation und den massiven Verwerfungen der letzten Jahre. Obwohl die individuelle wirtschaftliche Situation häufig gar nicht so schlecht ist bzw. beurteilt wird, wie die jüngste Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom 06.12.2024 zeigt. Demnach halten 58% der Befragten ihre eigene Wirtschaftslage als gut. Die allgemeine Wirtschaftslage wird dagegen lediglich von 8% der befragten Personen als gut bezeichnet. Etwas mehr Optimismus täte da sicher gut und wäre auch angebracht.
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